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Wirtschaftsuniversität Prag VŠE


pbs Tag der offenen Tuer 2017o

Europa verbinden – Jugend bewegen: Neues Sommercamp für Jugendliche der Deutschen Minderheit

Sommercamp 2014

Zum ersten Mal veranstalten das ifa (Institut für Auslandsbeziehungen) und das Goethe-Institut Krakau in Kooperation mit dem Bund der Jugend der Deutschen Minderheit und der Deutschen Bildungsgesellschaft (dbg) aus Oppeln ein Sommercamp, das vom 6. bis 19. Juli 2014 in Nowy Gierałtów (Wojewodschaft Niederschlesien, Polen) stattfindet. Es richtet sich an Jugendliche im Alter zwischen 15 und 17 Jahren aus der Deutschen Minderheit (DMi) in Polen, Tschechien, Rumänien, Kroatien, der Ukraine und der Slowakei sowie an deutsche Jugendliche.

 

Alltagsdeutsch im Wandel

 KarottenmigrationBereits in der zehnten Runde befindet sich das Projekt „Atlas der deutschen Alltagssprache“ der Universitäten Lüttich und Salzburg. Seit 2003 erstellen die beiden Universitäten in enger Kooperation Umfragen zum Sprachgebrauch in Deutschland, Österreich, der deutschsprachigen Schweiz, Südtirol, Ostbelgien und Luxemburg. Dabei kommt es den Forschern nicht auf das Hochdeutsch an, sondern auf die ortsübliche Alltagssprache an fast 500 Ortspunkten, die sie vergleichen.

 

„Der politische Islam ist konfliktfördernd“

Der deutsch-ägyptische Politologe und Buchautor Hamed Abdel-Samad ist ein beliebter Gast bei Talkshows und im Feuilleton. Während einer Stippvisite in Prag sprach er mit der LZ über den Islam.

Hamed Abdel-SamadSie sagen, Sie seien vom Glauben zum Wissen konvertiert. Schließt das eine das andere aus?

Das muss sich nicht ausschließen, wenn man beides auseinanderhält. In meinem Fall ging es aber nicht anders, da der Glaube in meine Erziehung sehr tief eingedrungen war – und in meine Lebensplanung. Mein Vater war ja Imam. Das war schon ein Hindernis. Denn wenn der Glaube zu viel Einfluss auf die Erziehung, auf die politische Ausrichtung, auf das Verständnis von Forschung, Wissenschaft hat, dann kann das eine das andere ausschließen. Es gibt gläubige Menschen, die wissend sind – Wissenschaftler, die Glauben und Wissen voneinander getrennt haben. Da eine Trennung für mich nicht möglich war, da ich in meiner Kindheit die Religion sozusagen mit der Muttermilch bekommen habe, war zunächst mal die radikale Lösung, sich von einer Seite zu trennen, um auf der anderen Seite anzukommen.

Haben Sie sich von der Religion oder vom Glauben getrennt? Das ist ja ein Unterschied.

Es ist ein Unterschied. Glaube ist etwas, was nicht erfassbar ist. Es ist etwas, das immer im Wandel, in Bewegung ist. Wissen auch. Ich halte nichts von Aspekten der Religion, des Glaubens, die exklusiv sind, die andere ausgrenzen, die gegen die Vernunft, die gegen ein friedliches Zusammenleben sind. So gesehen habe ich mich von den politischen und juristischen Seiten des muslimischen Glaubens, konfliktgeladen oder konfliktfördernd sind, getrennt.

 

Schwejks neueste Abenteuer im Osten

schwejkTschechien exportiert viele Dinge nach Russland, von Autos bis zu unerlässlichen Komponenten für Atomkraftwerke. Der kulturelle Austausch hängt dem etwas hinterher, mag man meinen. Einen Vertreter der tschechischen Kultur aber kennen vor allem die älteren Russen noch sehr gut: den braven Soldaten Schwejk. Jaroslav Hašeks Figur hat als Warnung vor der Absurdität des Krieges ihren Einzug in das kulturelle Bewusstsein des größten Landes der Welt gehalten. Das mag auch mit Hašeks Zeit als Politkommissar der Roten Armee zu tun haben, die es wohl erst ermöglichte, dass sein Roman – wenn auch um diverse Vulgaritäten bereinigt – in der damaligen Sowjetunion veröffentlicht werden konnte. Wie sehr der Eindruck der Irrungen und Wirrungen des „behördlich anerkannten Idioten“ Schwejk im Ersten Weltkrieg nachwirkt, zeigt nun die Stadt Samara an der Wolga. Dort wurde nämlich gerade letzten Freitag feierlich ein neues Denkmal für die Romanfigur enthüllt: Ein bronzener Schwejk sitzt mit verschmitztem Gesichtsausdruck und Pfeife rauchend auf einem Pulverfass Pyroxylin mit einem Spitz zu seinen Füßen. Die Bildhauer Alexander und Nikolai Kuklew sind aber nicht die ersten Künstler, die Schwejk in Russland verewigt haben. Eine lebensgroße Statue steht auch in St. Petersburg. Auch im polnischen Sanok, das früher eine k.u.k.-Garnisonsstadt im Karpatenvorland war, schwejksanokhat man dem braven Soldaten, der weder brav noch sonderlich soldatisch ist, ein Denkmal gebaut. Die Ukraine hat den Schwejk-Stoff sogar in Zusammenarbeit mit dem englischen Autor und Regisseur Robert Crombie als Animationsfilm (tschechischer Trailer auf youtube: hier) umgesetzt. In Tschechien steht noch kein Denkmal für Hašeks berühmteste Schöpfung, dafür hat der Tschechische Rundfunk in diesem Jahr zum 130. Geburtstag des Autors mit dem Schauspieler Oldřich Kaiser eine 20-teiligen Schwejklesung aufgenommen und ausgestrahlt (frei zu hören beim Tschechischen Rundfunk: hier). Die echten Fans halten aber auch die 13-teilige Radioserie aus dem Jahr 1956 mit Jan Pivec in Ehren (hier). Von den unzähligen Filmen ganz zu schweigen. Vielleicht gelingt es ja dem südböhmischen Städtchen Putim (Butin), das auch im Roman Erwähnung findet, doch noch eine Statue aufzustellen. Der Wille ist da, doch ganz Schwejk-typisch fehlt es an Geld - man sammelt noch.

 

She She Pop und 40 Jahre Schubladen

akzent2013Noch bis Montag (18.11.) läuft in Prag das Theaterfestival „Akcent 2013“ (wir berichteten). Johanna Freiburg und Ilia Papantheodorou, die mit dem Theaterkollektiv She She Pop und dem Stück „Schubladen“ am Festival teilnehmen, haben uns kurz vor ihrem Auftritt am Samstag ein paar Fragen beantwortet.

Was verbirgt sich hinter dem Titel „Schubladen“ ?

JF: Für „Schubladen“ haben wir angefangen unsere eigenen Schubladen aufzumachen. Wir haben in Kellern und auf Dachböden nach persönlichem Material gesucht, nach Briefen, Tagebüchern, Schulbüchern und Büchern, die wir gerne gelesen haben. Wir haben uns damit beschäftigt, wie wir aufgewachsen sind, wie wir der Mensch geworden sind, der wir heute sind. Wir haben uns gefragt, wie wir zu den Überzeugungen gekommen sind, die wir heute haben. Wir von She She Pop sind in Westdeutschland aufgewachsen und haben uns für „Schubladen“ drei Gegenüber gesucht, drei ähnliche Frauen im selben Alter, die aber in der DDR aufgewachsen sind. Wir erzählen uns praktisch auf der Bühne gegenseitig unser Leben. Die ersten zwanzig Jahre haben wir in unterschiedlichen Systemen verbracht und die letzten zwanzig Jahre gemeinsam in einem. Es geht also darum, anhand dieser Schubladen das Schubladendenken anzusehen.

IP: Wir schaffen gleichzeitig eine kollektive Autobiographie von 40 Jahren deutsch-deutscher Geschichte aus persönlicher Sicht durch eine Art Polylog mit sechs Frauen auf der Bühne. Dabei steht immer eine Westdeutsche einer Ostdeutschen gegenüber. Wir verfolgen die Idee, dass „Wiedervereinigung“ zwar stattgefunden hat, man sie aber erstmal leisten muss, damit sie auch wahr wird. Man muss den Austausch tatsächlich betreiben und nicht einfach für selbstverständlich nehmen. Deswegen zeigen wir bei „Schubladen“ die Wiedervereinigung als Performance und als Leistung.

JF: Wir begegnen uns mit Distanz und gehen nicht davon aus, dass wir verstehen und wissen. Wir haben uns selbst die Erlaubnis gegeben an jeder Stelle zu sagen: „Erkläre!“, „Definiere!“, „Was heißt das?“, „Was meinst du dazu?“. Wir gucken ein bisschen auf das Eigene wie Fremde oder Anthropologen auf fremde Kulturen. Es ist ein Blick auf die eigene Lebensgeschichte. Man ist eigentlich durch das persönliche Material sehr nah dran und versucht eine Distanz herzustellen in dem Spiegel gegenüber.

 

Der Kafka mit den breiten Schultern

 

 

 

Tschechiens Rugby-Nationaltrainer hat einen berühmten Vorfahren und eine faszinierende Familiengeschichte.

 

Jindřich Šídlo

Wäre Martin in einem anderem Land geboren worden, in Frankreich oder England, zum Beispiel, wäre er dort ein großer Star. Nicht nur wegen seiner sportlichen Erfolge. Sondern auch wegen der Familiengeschichte, die der 35-jährige Rugbyspieler mit den unendlich breiten Schultern schon in vierter Generation mit sich trägt.

Denn einen seiner Vorfahren kennen hunderte Millionen Menschen auf der ganzen Welt. Ohne zu übertreiben kann man ihn als den berühmtesten Prager aller Zeiten bezeichnen: Franz Kafka.

Noch heute forschen Journalisten aus aller Welt an der Moldau nach Nachkommen des Schriftstellers. Meist bleibt ihnen aber nichts Anderes übrig, als sich das scheinbar einzige zu kaufen, das Kafka heute noch mit Prag verbindet: ein T-Shirt mit seinem Antlitz.

Richtig bewusst ist sich Martin, Jahrgang 1978, seiner Familiengeschichte zum ersten Mal dank dem Rugby geworden, das er mit sieben Jahren zu spielen angefangen hat. „Irgendwann im Jahre 1990 fuhr Martin mit seinem Rugby-Team auf ein Turnier in Italien, das sie prompt gewannen“, erinnert sich Martins Vater Karel Kafka. „Und da hat ihn dann der Präsident des italienischen Clubs, ein großer Bewunderer Franz Kafkas, nach seinem Namen gefragt.“

Martins Herkunft wird erwähnt in der englischen Version der Internet-Enzyklopädie Wikipedia. Bedeutend ist aber auch, dass Martin, als einer der Stars des tschechischen Rugby, Wikipedia-Einträge auf Englisch, Spanisch, Französisch und Japanisch hat. Auf Tschechisch aber nicht.

Damit Martin Kafka die leicht banale Frage, was denn ein etwas wundersamer Schriftsteller und ein Rugby-Star gemeinsam haben, heute überhaupt beantworten kann, musste noch ein weiterer außergewöhnlicher Mensch seine Rolle in der Familiengeschichte spielen.

Erichs Flucht

Martins Großvater Erich Kafka, ein Deutsch-Böhme jüdischer Herkunft aus Saaz (Žatec) war vor dem Krieg ein Fußball-Profi, entkam dem Tod zwei Mal buchstäblich in letzter Sekunde, verdiente sich das Tschechoslowakische Kriegskreuz und die höchsten sowjetischen Auszeichnungen in Busuluk und am Dukla-Pass. So absurd ist die Lebensgeschichte des Erich Kafka, dass sie sich auch dessen Großcousin Franz nicht hätte besser ausdenken können.

„Der Vater meines Opas Erich war ein Cousin Franz Kafkas“, erklärt Martin Kafka, der seit Ende seiner aktiven Sportlerkarriere die tschechische Rugby-Nationalmannschaft trainiert, seinen Familienstammbaum, während er im Café eines Einkaufszentrums im Prager Stadtteil Smíchov einen Milchshake schlürft. „Erich Kafka war ein hervorragender Fußballer. In der Ersten Republik spielte er für den DFC Prag, das war der Club der Prager Deutschen. Später spielte er dann für Teplitz (Teplice) und war sogar zwei Mal in der deutschen Auswahl“, erzählt Martin, der offensichtlich die sportlichen Gene seines Großvaters geerbt hat. „Aber wenn Sie etwas Kafka-eskes an mir suchen, nun meine Mutter sagt immer, der Kafka in mir würde mich immer an allem zweifeln lassen“, lacht Martin.

Erich Kafka, gebürtig in Saaz im Jahre 1901 oder 1902 (das genaue Geburtsdatum geht selbst aus erhaltenen Dokumenten nicht hervor), macht eine Lehre als Zahntechniker, aber nicht lange. Ihn lockt der Fußball. Leider muss er seine Karriere, die verheißungsvoll begonnen hatte, schon früh abbrechen, einer nicht heilen wollenden Knieverletzung wegen. „Er kannte aber alle bedeutenden Fußballer seiner Zeit, sie trafen sich immer im Café Savarin“, weiß Erichs Sohn, Martins Vater Karel Kafka. Als Erich seine Fußballschuhe an den Nagel hängen muss, findet er Anstellung als Vertreter der Egerer Firma Langhammer. Kurz vor dem Krieg bringt ihn das Schicksal so nach Tschechisch Teschen (Český Těšín).

Erich Kafka ist zwar Deutscher. Aber er auch Jude, was in dieser Zeit nicht gerade ein Gewinn ist. Erich Kafka wird Teil der Geschichte, als er in einen der überhaupt ersten Transporte verfrachtet wird, mit denen die Nazis die Juden gen Osten schaffen. Ihr Ziel: das polnische Städtchen Nisko. Dort sollte ein „Reservat“ entstehen, noch bevor die Nazis ihren Plan für die „Endlösung“ ausklügelten, in dem es dann keinen Platz für „Reservate“ gab, in denen Menschen leben würden. Und so beginnt die Odyssee des Erich Kafka, Großcousin von Franz, in einem Viehwagon in Polen.

Als der SS-Mann, der ihn bewacht, beim Wasserholen einem gewissen Vergnügen nachgeht, haut Erich einfach ab. Zusammen mit ihm fliehen weitere elf Menschen. Zehn fangen die Nazis schnell wieder ein. Sie töten sie auf der Stelle. Erich erwischen sie nicht. Niemand weiß heute, wie viele Tage er auf der Flucht war. Zwei Tage aber soll er irgendwo zwischen dem heutigen Polen und der Ukraine im Wasser gelegen haben. Schlussendlich gelingt Erich seine erste Flucht: Er schafft es nach Lemberg (Lvov/Lviv), auf dem Gebiet der damaligen Sowjetunion.

Auf seine Rückkehr in die Tschechoslowakei wird er noch fünf Jahre lang warten müssen. Nach ein paar Jahren als Fabrikarbeiter und einer verworrenen Reise durch die Sowjetunion, meldet er sich 1943 bei einer tschechoslowakischen Kampfeinheit. Ein Jahr später tritt er in die II. tschechoslowakische Fallschirmjäger-Brigade ein, wo er seine spätere Frau, die Polin Vilma Mastella, kennen lernt, deren Schicksal einen eigenen Artikel füllen würde. Vilma lebte in einem Teil Polens, der durch den perversen Molotow-Ribbentrop Pakt an Stalins Imperium fiel. Ihre Herkunft aus dem anderen, dem „deutschen“ Teil Polens aber, verdiente ihr eine Verhaftung und eine Fahrt nach Sibirien.

Von dort aus gelangte sie, unter ungeklärten Umständen, nach Busuluk, wo sie Erich kennenlernt. Zusammen gelangen sie dann während des slowakischen Nationalaufstandes an die Front in den Karpaten und machen den so genannten Todesmarsch, eine mehrtägige Gewalttour durch die Berge, mit. Sie überleben alles, was in der II. Fallschirmjäger-Brigade keineswegs üblich war. Dennoch sind sie noch nicht am Ziel.

Bevor der Krieg definitiv enden und Erich Kafka mit Vilma Mastella, später Kafková, eine neue Familie gründen kann, dessen bislang letztes Mitglied ein bekannter Rugbyspieler werden sollte, werden beide fast einem Hinrichtungskommandos gegenübergestellt. „Meine Mutter wollte unbedingt ihrer Familie in der Arwa eine Nachricht zukommen lassen. Und von der Slowakei aus, wo die Kämpfe zu diesem Zeitpunkt schon geendet hatten, war das nicht weit. Aber auf dem Rückweg erwischten sie die Deutschen“, erzählt Karel Kafka ein weiteres Kapitel der Familiengeschichte.

„Und meinem Vater stieß etwas ähnliches in Tschechisch Teschen zu, wohin er gegangen war, nachdem die Kämpfe in der Slowakei geendet hatten. Und dort wurde er von jemandem verraten.“

Weiter hört sich diese Geschichte schon fast unwahrscheinlich an und nach fast siebzig Jahren lassen sich die Fakten kaum noch nachprüfen. Sicher ist aber, dass sich die Odyssee Erich Kafkas so ereignet hat. Das bestätigen Beweise, die im Familienarchiv der Kafkas liegen und sich kaum anzweifeln lassen: die höchste sowjetische Auszeichnung für Heldentaten im Krieg und eine Medaille für den Kampf im Slowakischen Nationalaufstand.

Typisch Kafka

„Einer der deutschen Soldaten in Teschen erkannte meinen Vater als seinen ehemaligen Gegner auf dem Fußballfeld und ließ ihn abhauen. Der Sport rettete ihm das Leben“, sagt Karel Kafka. „Und meiner Mutter ging es ähnlich im Brünner Gefängnis. Sie war wegen Hochverrats und Spionage zum Tode verurteilt worden. Aber am Abend vor der Hinrichtung half ihr jemand zu entkommen. Sie ging nach Iglau (Jihlava), wo sie sich unter falschem Namen bis zum Ende des Krieges versteckt hielt.“ Nach dem Krieg trafen sich die zukünftigen Eltern Karel Kafkas und Großeltern Martin Kafkas im Mai 1945 in Prag.

Zu diesem Zeitpunkt war Franz Kafka schon über 20 Jahre tot. Sicher würde ihn das Schicksal seiner Familie nicht kalt lassen. Und dabei haben wir noch gar nicht angefangen, von Martin zu erzählen.

Der tschechische Rugby, dem sich im ganzen Land etwa 5000 Männer widmen, ist ein armer Sport. Sowohl was seine Ergebnisse betrifft, als auch die Geldsummen, die sich in ihm drehen. Martin Kafka, der seit 2007 die tschechische Rugby-Nationalmannschaft trainiert, kann ein Lied davon singen. Der Jahreshaushalt der Tschechischen Rugby Union würde der Fußball-Nationalmannschaft nicht mal für ein Wochenende ausreichen. Leistungsmäßig stehen die Tschechen im Rugby weltweit etwa an 40. Stelle, wobei zwischen den ersten 15 bis 20 Teams und dem Rest der Welt ein riesiger Graben herrscht, der wohl nie überbrückt werden wird. Ein Match zwischen Tschechien und dem vielfachen Weltmeister Neuseeland, das allerdings nur theoretisch ist, weil beide Mannschaften noch nie aufeinandergetroffen sind und auch kaum aufeinandertreffen werden, würde etwa 400:0 für Neuseeland ausgehen.

Martin Kafka gehört aber der glücklichen und, für tschechische Verhältnisse, außergewöhnlichen Generation an, die vor etwa zehn Jahren durchaus ausgeglichene Spiele in der zweiten Garde des europäischen Rugbys, zu der zum Beispiel Russland, Rumänien oder Georgien gehören, zustande gebracht hat. Martin spielte mit der Nummer 10, die im Rugby dem Verbinder gehört, einer Schlüsselfigur auf dem Spielfeld, der die Taktik des Spiels bestimmt und die Mannschaft wenn es eng wird zusammenhalten muss.

Kafkas Spielerqualitäten liegen offensichtlich weit über dem tschechischen Durchschnitt: zweimal war er der nach Punkten beste Spieler der spanischen Liga, in der er von 1999 bis 2003 spielte. Den Höhepunkt seiner Karriere erlebte er in der Saison 2003 – 2004, als er in der höchsten französischen Rugbyliga für das Team Castres spielte. Frankreich gilt als Rugby -Großmacht und ist amtierender Vizeweltmeister. Die Leistung des Martin Kafka ist daher vergleichbar mit der eines tschechischen Fußballers, der zum Kapitän einer Mannschaft der englischen Premier League aufsteigt oder eines Eishockey-Spielers, der an der Spitze der NHL spielt.

Kafka war noch keine 30, als er mit dem Rugby aufhören musste. Seine kaputten Knöchel erlaubten ihm nicht mehr als eine abschließende Saison in Japan.

Seit 2007 trainiert Martin Kafka, der in Ostrava (Ostrau) französische und spanische Linguistik studiert hat, und inzwischen auch die höchste französische Lizenz für Rugby-Trainer besitzt, die tschechische Nationalmannschaft. Die ist allerdings dennoch für lange Zeit zu Niederlagen selbst gegen durchschnittliche europäische Teams verurteilt. Dabei könnte Martin bis heute spielen – sofort würde ihn jedes tschechische Erstliga-Team nehmen. Selbst aus dem Ausland, wenn auch aus niedrigeren Ligen, bekommt er bis heute Angebote.

„Nur werde ich Rugby nie wieder spielen“, sagt Martin Kafka entschlossen. „Einmal habe ich es nach Ende meiner Karriere versucht. Und es war ein schreckliches Erlebnis: In dem Augenblick, in dem ich es gewohnt war, weit vor den Verteidigern zu sein, blieb ich auf einmal auf ihrer Höhe.“

Martins Vater Karel Kafka kann dazu nur lächeln. „Natürlich könnte er noch spielen. Und zwar hervorragend. Aber er wird es nicht. Weil er andauernd von Selbstzweifeln geplagt ist. Ein typischer Kafka, eben.“

 

Der Autor ist Kommentator der Tageszeitung Hospodářské noviny, in der dieser Artikel im November 2011 erschien, und freut sich, dass die Geschichte der Kafkas über die LandesZeitung auch in deutscher Sprache bekannt wird.

Es geht ums Ganze

 Self-made Millionär mit Politambitionen: Andrej Babiš will mit seiner Partei "ANO" (Ja) in den anstehenden Wahlen ins Abgeordnetenhaus einziehen. Sein Ziel ist es, die politische Situation wie Laune in Tschechien grundlegend zu ändern. 

Immer am Puls der Zeit, hat die LZ schon im Dezember 2011 mit Andrej Babiš gesprochen. Aktuell ist das Interview noch immer.    

 

Herr Babiš, wie wird man eigentlich Milliardär?

Ich bin ja nur ein theoretischer Milliardär , denn mein Vermögen besteht hauptsächlich aus Aktien der Firma Agrofert. Aber, um Ihre Frage zu beantworten, man braucht Glück und muss hart arbeiten. Die Agrofert Holding habe ich 18 Jahre lang aufgebaut. Dabei hatten wir einerseits immer eine Strategie, andererseits ist es auch ein bisschen, wie ein Puzzlespiel. Man muss ja immer prüfen, wo es sich lohnt zu investieren und wo nicht.

Als Unternehmer haben Sie viel erreicht. Zieht es Sie jetzt in die Politik?

Ich finde es einfach nur schade, dass das Potential, das hier existiert, nicht ausgenutzt wird. Dass ein Land mit einer großen industriellen Tradition, dass in der Zwischenkriegszeit wirtschaftlich zur europäischen Spitze gehörte, nicht so gelenkt wird, dass es das Potential seiner Bürger und seiner Wirtschaft voll entfalten kann. Ich finde, dass unsere Politiker, dieses Land in den 22 Jahren seit der „Samtenen Revolution“ dorthin geführt haben, wo es jetzt ist. Und das ist kein schöner Anblick.

 Bleiben wir doch bei den letzten paar Jahren. Wie hat sich, aus Ihrer Sicht, das Klima hier in den vergangenen fünf Jahren verändert?

Mit der Ankunft eines, inzwischen ehemaligen Ministerpräsidenten, hat der Umfang der Korruption in ein unvorstellbares Ausmaß angewachsen. Das kritisiere ich ja schon länger. Paradoxerweise löst sich jetzt so langsam alles auf, was ich schon vor Monaten angeprangert habe. Zum Beispiel wird die Frage nach zweifelhaften Privatisierungen oder staatlichen Ausgaben wird offener diskutiert. Aber das sind natürlich Sachen, über die hier jeder Unternehmer und auch Journalist schon lange Bescheid weiß. Nur fehlen die Beweismittel.

 Sie haben auch keinen harten Beleg für Ihre Behauptung, jemand aus dem Umfeld Präsident Klaus an Sie mit dem Vorschlag herangetreten, für Bakschisch ein präsidentielles Gesetzesveto zu arrangieren.

Ja, das habe ich in einer Fernsehdiskussion behauptet und inzwischen auch schon auf der Polizei dazu ausgesagt, die diesen Fall jetzt untersucht.

 Inzwischen haben Sie die Bürgerinitiative ANO 2011 gegründet, die sich den Kampf gegen die Korruption auf die Fahnen geschrieben hat.

 Die Bewegung ANO 2011 fordert die Bürger dieses Landes auf, selbst über Ansätze zur Lösung von einzelnen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Problem nachzudenken. Wir haben schon 16 500 Unterzeichner und über 7000 Fans auf Facebook (Stand: Dezember 2011. Heute hat Ano knapp 15 000 Fans auf Facebook, Anm. d. Red.) . Unsere Vision ist einfach: Unsere Politiker sollen im Parlament sitzen, und Gesetze machen. Den Staat sollten aber Experten einzelner Ressorts lenken.

Sie betrachten den Staat aus der Sicht eines Unternehmers. Kann man ihn wirklich wie eine Firma leiten?

Das ist natürlich bildlich gemeint, schließlich leben wir noch immer in einer parlamentarischen Demokratie. Ich persönlich bin allerdings eher für ein zwei-Parteien-System. Eine Partei regiert und eine andere ist in der Opposition. Das macht das System transparenter als bei Koalitionsregierung, wie hier in Tschechien. Bei unserer Dreierkoalition ist doch gar nicht klar, wer genau für die ganzen Korruptionsskandale verantwortlich ist.

Aber Problem hier ist ja nicht nur die Korruption. Sondern auch der Mangel an Kompetenz. Hier wird für so viele überflüssige Dinge Geld ausgegeben. Staatliches Eigentum wird unter seinem Wert verkauft, Staatsdiener schaffen sich auf Kosten des Steuerzahlers überteuerte Möbel an…Beispiele gibt es genug. Andererseits haben wir eine miserable Infrastruktur, das Autobahnnetz ist klein, das Eisenbahnnetz zu veraltet für Schnellzüge. Oder schauen Sie nach Prag, eine der wenigen Metropolen, in der es keine öffentliche Direktverbindung vom Flughafen in die Stadt gibt..

Dafür haben wir in Tschechien die, im europäischen Vergleich, teuersten Autobahnkilometer.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie wir hier unsere Wirtschaft richtig starten können, solange der Staat verschuldet ist, auch wenn die Verschuldung nicht so hoch ist, wie bei anderen EU-Ländern. Die Prognosen sagen für die nächsten Wahlen einen Erfolg der Sozialdemokraten voraus. Das heißt, wir sollten mit Steuererhöhungen rechnen. In dem Fall muss aber ein Modell gefunden werden, dass den Unternehmern nicht die Lust an ihrer Arbeit und am Steuerzahlen nimmt und die sich dann in offshore Steueroasen zurückziehen. Gesellschaftlich kann ich mir das Modell eines „sozialen Kapitalismus“ vorstellen, wie in Schweden, zum Beispiel. Ich zahle in Deutschland viel höhere Steuern, als in Tschechien. Aber ich sehe auch, dass dort ein ganz anderes wirtschaftliches Klima herrscht als hier.

 

Wie viel Steuern zahlen Sie denn in Deutschland?

In den letzten acht Jahren in Etwa eine viertel Milliarde Euro. Ich habe in Deutschland vier oder fünf Firmen mit insgesamt etwa 1000 Angestellten. Unser Jahresumsatz beträgt ungefähr eine Milliarde Euro.

 

Wie unterscheidet sich das unternehmerische Klima in Deutschland und Tschechien?

In Deutschland ist eine viel bessere Rechtssicherheit gegeben. Persönlich habe ich dort auch noch nichts von Korruption mitbekommen. Für Unternehmer gibt es dort ganz klare Regeln. In Deutschland sind die Steuern und Sozialabgaben um einiges höher und die Infrastruktur ist besser. Ansonsten herrschen in Deutschland ganz andere moralische Werte. Den bei uns beliebten Spruch „wer nicht den Staat beklaut, beklaut die eigene Familie“ gibt es dort nicht. Im Ganzen würde ich sagen, dass das unternehmerische Klima in Deutschland standardisierter ist als hier.

 Als erfolgreicher Unternehmer haben Sie hier in Tschechien aber sicher Erfahrungen mit Korruption.

Keine konkreten, da meine Firmen nichts mit Staatsaufträgen zu tun haben. Aber es wird viel erzählt. Von Leuten, die um Politiker kreisen und versuchen ihren Einfluss zu verkaufen. Einen solchen Fall habe ich ja schon erwähnt.

Bislang hat jede Regierung versprochen, die Korruption auszumerzen. Warum ist das noch nicht gelungen?

Korruption spielt hier schon so lange eine Rolle, dass die meisten glauben, sie sei die Norm. Abnormal ist aber das Ausmaß der Korruption, das hier seit 2006 herrscht. Natürlich kommen immer mal wieder verschiedene Korruptionsskandale ans Licht. Diejenigen, die sie aufgedeckt haben, wurden dafür aber nicht belobt, sondern bestraft.

Privatisieren Sie die gesellschaftliche Wut, wie Ihnen manche Medien schon vorwerfen?  

Ich betrachte das nicht als Vorwurf. Ich bin kein Medienprofi. Ich fühle mich äußerst unwohl bei öffentlichen Auftritten oder Interviews. Ich bin ein Manager, der lieber Entscheidungen trifft, als sich langen Ausführungen hinzugeben. Ich verfolge jetzt eine Idee, die schon länger in mir reift. Es tut mir leid, dass sich diese Gesellschaft so perspektivlos entwickelt. Wenn die jetzigen Wählerpräferenzen Recht behalten und die Sozialdemokraten die nächsten Wahlen gewinnen, dann wird sich dieses Land noch weiter verschulden und seine Wirtschaft wird jeglichen Impuls verlieren. Und das wäre schade.

Geht es Ihnen also darum, jetzt das System zu ändern, um Schlimmeres, sprich einen Wahlsieg der Sozialdemokraten, zu verhindern?

Es geht ums Ganze. Um Änderungen in der Gesetzgebung, um eine neue wirtschaftliche Vision. Denn wo kein Geld ist, wird auch nicht investiert. Mir geht es einfach darum, mit dem Reden aufzuhören und etwas zu bewirken. Und seitdem ich hier laut sage, was seit Jahren gezischelt wird, beginnt sich, etwas zu tun.

Sie sind nicht der einzige Unternehmer, der hier gegen die Korruption im Lande zu Felde zieht. Warum bäumt sich Tschechiens wirtschaftliche Elite gerade jetzt auf? Angst vor der Krise?

Ich würde sagen, die Situation ist einfach ernst geworden. Das System der Korruption, das in diesem Staat existiert, ist eine Bedrohung für uns. Wenn alles auseinanderfällt, das Bildungssystem, das Gesundheitswesen, werden doch alle unzufrieden. Die Armen werden ärmer und die Reichen müssen sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst werden. Natürlich können manche ganz abgehärtet sagen, dass das nicht ihr Problem ist. Manche Unternehmer unterstützen mich, andere kritisieren mich. Die sagen, ich soll meine Geschäfte führen und mich nicht in Politik und Gesellschaft einmischen. Aber da habe ich eine andere Meinung.

Privatisieren Sie die gesellschaftliche Wut, wie Ihnen manche Medien schon vorwerfen?  

Ich betrachte das nicht als Vorwurf. Ich bin kein Medienprofi. Ich fühle mich äußerst unwohl bei öffentlichen Auftritten oder Interviews. Ich bin ein Manager, der lieber Entscheidungen trifft, als sich langen Ausführungen hinzugeben. Es tut mir leid, dass sich diese Gesellschaft so perspektivlos entwickelt. Wenn die jetzigen Wählerpräferenzen Recht behalten und die Sozialdemokraten die nächsten Wahlen gewinnen, dann wird sich dieses Land noch weiter verschulden und seine Wirtschaft wird jeglichen Impuls verlieren. Und das wäre schade.

Geht es Ihnen also darum, jetzt das System zu ändern, um Schlimmeres, sprich einen Wahlsieg der Sozialdemokraten, aufzuhalten?

 Es geht ums Ganze. Um Änderungen in der Gesetzgebung, um eine neue wirtschaftliche Vision. Denn wo kein Geld ist, wird auch nicht investiert. Mir geht es einfach darum, mit dem Reden aufzuhören und etwas zu bewirken. Und seitdem ich hier laut sage, was seit Jahren gezischelt wird, beginnt sich, etwas zu tun.

Haben Sie keine Angst?

Gute Frage, manchmal. Es gibt mir kein schönes Gefühl, wenn Medien in meiner persönlichen Vergangenheit rumschnüffeln und Leichen in meinem Keller suchen.

 Sie meinen den Vorwurf, Sie seien ein Agent der tschechoslowakischen Staatssicherheit gewesen?

Ja, deswegen bereite ich gerade eine Klage vor. Ich war im Kommunismus im Bereich Außenhandel beschäftigt. Natürlich musste ich da, wie alle, jeden Umgang mit Ausländern, jede Auslandsreise melden. Da ging es rein um außenwirtschaftliche Angelegenheiten. Ich hatte nie mit denen zu tun, die andere bespitzelten oder Existenzen zerstörten.

Das Gespräch führte Alexandra Mostýn

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