Gedichte im Haindorfer Dialekt oder Lieder und Geschichten der ehemaligen deutschen Bewohner. Auch der nordböhmische Wallfahrtsort hat seit Kurzem seinen eigenen Poesiomaten.

Das Rohr, das mit dem gebogenen Ende aus dem Boden ragt, erinnert fast an das Periskop eines U-Boots. Doch betätigt man die Kurbel an seiner Seite, fängt es an zu singen oder trägt Gedichte vor. Bereits seit 2015 stellt der Verein „Piána na ulici (dt. Piano auf der Straße) um den Cafébetreiber Ondřej Kobza u. a. sogenannte Poesiomaten in ganz Tschechien auf und belebt damit den öffentlichen Raum. „Früher betrachteten wir den Poesiomaten als eine Jukebox für Gedichte, aber heute versuchen wir vor allem, den Geist, den Zauber und die kulturelle oder symbolische Bedeutung eines Ortes damit einzufangen“, erklärt Kobza.

Mit seinen Projekten möchte Ondřej Kobza den öffentlichen Raum beleben. Foto Petr Bíma

Orte, die dem Verfall entkommen sind

Im vergangenen Jahr wurden in einem gemeinsamen Projekt mit dem Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds und der Stiftung Nadace PPF sieben dieser Poesiomaten an Kirchen im ehemaligen Sudetenland aufgestellt, wo sie an die Geschichte und Kultur der Orte sowie die Schicksale deren ehemaliger Bewohner erinnern. Meist sind es Orte, die von engagierten Vereinen oder Persönlichkeiten vor dem Verfall gerettet wurden. Am 25. November kam ein achter Poesiomat an der barocken Wallfahrtskirche Maria Heimsuchung in Haindorf (Hejnice) dazu.  „Es sind außergewöhnliche Denkmäler in der tschechisch-deutschen Grenzregion, die das Glück hatten, in die Hände von Herzensmenschen zu gelangen, die sie restaurieren und wieder zum Leben erwecken. Haindorf ist ein weiteres Beispiel dafür, wie reich das historische Kulturerbe der ehemaligen deutschen Bewohner der tschechischen Grenzregion ist und wie der Enthusiasmus der Menschen vor Ort und die tschechisch-deutsche Zusammenarbeit eine wichtige Rolle bei seiner Erhaltung spielen“, so Tomáš Jelínek, einer der Geschäftsführer des Zukunftsfonds.

Gedichte und Geschichten der ehemaligen deutschen Bewohner 

Insgesamt 20 Titel lassen sich am Haindorfer Poesiomaten abspielen, darunter Gedichte im ursprünglichen Haindorfer Dialekt der örtlichen Deutschen, Sagen aus dem Isergebirge, Jiří Suchýs Erinnerungen an Haindorf oder eine lustige Geschichte von Pater Miloš Raban darüber, wie es ihm gelang, das örtliche Kloster zu retten. „Da ich an der Dramaturgie mitwirken konnte, kann ich sie nur als großartig bezeichnen. Ich wollte alles, was Hejnice bzw. Haindorf ausmacht, in den Poesiomat bringen, verriet Jan Heinzl, Direktor des Klosters Haindorf, das heute als Konferenz- und Bildungszentrum, aber auch als Begegnungsort zwischen Tschechen und Deutschen dient.

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