Seit 2024 ist Deutsch in Teilen Tschechiens durch die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen stärker geschützt. Doch zwischen den rechtlichen Verpflichtungen und ihrer Umsetzung klafft noch eine Lücke. Eine Konferenz in Prag zeigte, wo es hakt und welche Schritte nun folgen sollen.
Fast jeder dritte Erwachsene in Tschechien spricht zumindest ein wenig Deutsch. Nach einer Erhebung des Tschechischen Statistikamtes aus dem Jahr 2022 gaben 31 Prozent der 18- bis 69-Jährigen an, die Sprache zumindest auf grundlegender Ebene zu beherrschen. Deutschland ist Tschechiens wichtigster Handelspartner, jährlich kommen über zwei Millionen deutsche Touristen zu Besuch ins Nachbarland, die Grenzregionen zu Deutschland und Österreich sind eng miteinander verflochten, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch im alltäglichen Leben. Nicht zuletzt ist die deutsche Sprache kulturhistorisch tief in Böhmen, Mähren und Schlesien verwurzelt. Und doch stellt sich die Frage, welchen Platz Deutsch künftig im heutigen Tschechien haben soll – im Schulunterricht, in den Medien und im öffentlichen Leben.
Seit Februar 2024 steht die deutsche Sprache in ausgewählten Regionen des Landes unter dem erweiterten Schutz der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen. Tschechien hat sich damit zu konkreten Maßnahmen verpflichtet, deren Umsetzung bislang jedoch nur langsam vorankommt. Wie der aktuelle Stand ist und wie aus den Verpflichtungen konkrete Praxis werden kann, darüber diskutierten am 2. Oktober im Palais Czernin, dem Sitz des tschechischen Außenministeriums, Vertreter der deutschen und anderer nationaler Minderheiten mit Fachleuten aus Wissenschaft, Verwaltung und Politik. Eingeladen zu der Konferenz hatte die Landesversammlung der deutschen Vereine.

Der Schritt von 2024 war dabei mehr als eine symbolische Aufwertung. Deutsch war bereits zuvor durch die Sprachencharta geschützt, mit der Anwendung von Teil III übernahm Tschechien jedoch weitergehende und konkretere Verpflichtungen. Sie betreffen unter anderem das Bildungswesen, Kultur und Medien. Für Martin Herbert Dzingel, Direktor des Thomas-Mann-Gymnasiums in Prag und langjähriger Vertreter der deutschen Minderheit, liegt ein Schlüssel im Schulbereich. In seinem Einführungsvortrag erinnerte er daran, dass die Verpflichtungen nicht nur zusätzliche Angebote vorsehen, sondern auch die Ausbildung der dafür benötigten Lehrkräfte. Ohne entsprechend qualifizierte Pädagogen, so sein Argument, ließen sich die Maßnahmen kaum verwirklichen.

Teil III der Sprachencharta: Was hat sich für Deutsch geändert?
Die deutsche Sprache ist in Tschechien bereits seit 2007 durch die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen geschützt. Seit dem 28. Februar 2024 gelten für Deutsch in acht Kreisen zusätzlich ausgewählte Bestimmungen aus Teil III der Charta. Damit hat Tschechien seinen bisherigen Schutz ausgeweitet und sich zu konkreten Maßnahmen zur Förderung der deutschen Sprache verpflichtet.
Die Verpflichtungen betreffen insbesondere:
- Bildung: Ausbau deutschsprachiger Angebote von der Vorschule über Grund- und weiterführende Schulen bis zur Hochschulbildung sowie Ausbildung geeigneter Lehrkräfte.
- Behörden und Justiz: In bestimmten Verfahren soll die Verwendung des Deutschen ermöglicht werden; auch Eingaben an staatliche, regionale und kommunale Behörden sollen auf Deutsch möglich sein.
- Medien: Regelmäßige deutschsprachige Radio- und Fernsehangebote sowie mindestens eine deutschsprachige Zeitung sollen gefördert werden.
- Kultur: Unterstützung kultureller Aktivitäten und Einrichtungen, die der deutschen Sprache und Kultur dienen.
- Wirtschaft, Gesellschaft und Grenzregionen: Auch der Gebrauch des Deutschen im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben sowie grenzüberschreitende Kontakte sollen gefördert werden.
Was braucht eine Minderheitensprache?
Im ersten Panel der Konferenz stand zunächst die Frage im Mittelpunkt, was nationale Minderheiten und ihre Sprachen heute überhaupt brauchen. Dabei wurde schnell deutlich, dass es nicht allein um Sprachunterricht geht. Richard Šulko vom Bund der Deutschen in Böhmen verwies auf die Bedeutung einer stärkeren öffentlichen Sichtbarkeit der Minderheiten und ihrer Arbeit. Jana Nálepová von der Schlesischen Universität Troppau betonte, wie wichtig es sei, gerade jungen Menschen Zugänge zur eigenen Familien- und Regionalgeschichte zu eröffnen. Projekte zur Spurensuche hätten gezeigt, dass Interesse durchaus vorhanden sei – oft müsse Jugendlichen jedoch erst der Weg zu Archiven, Quellen und der eigenen Geschichte gezeigt werden.
Wie wenig die Möglichkeiten der Sprachencharta teilweise selbst vor Ort bekannt sind, zeigte das Beispiel Joachimsthal (Jáchymov). Vizebürgermeisterin Lada Baranek berichtete, dass sie lange kaum etwas über die Charta gewusst habe, obwohl ihre Region zu den Gebieten gehört, in denen der erweiterte Schutz des Deutschen gilt. Zugleich erlebe die Stadt regelmäßig, wie präsent die deutsch-tschechische Vergangenheit bis heute ist – etwa durch Nachfahren früherer Bewohner, die nach ihren familiären Wurzeln suchen, oder durch die enge Zusammenarbeit mit den Nachbarregionen in Deutschland. Für Baranek gehört deshalb auch die Sprache des Nachbarn stärker in den Schulalltag der Grenzregionen.

Nachfrage oder Verpflichtung?
Noch grundsätzlicher wurde die Debatte am Nachmittag, als es um die konkrete Umsetzung der Charta ging. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, ob staatliche Maßnahmen erst dann greifen sollen, wenn vor Ort bereits genügend Interesse besteht – oder ob der Staat Angebote gerade deshalb schaffen muss, damit sich Nachfrage überhaupt entwickeln kann.
Michal Černý vom tschechischen Bildungsministerium verwies auf die Grenzen staatlicher Steuerung. Zwar wolle das Ministerium Schulen, Schulträger und Kommunen stärker für deutschsprachige Angebote gewinnen, vieles lasse sich im stark dezentralisierten tschechischen Bildungssystem aber nicht einfach anordnen. Entscheidend sei letztlich, ob Eltern und Kinder ein entsprechendes Interesse hätten. „Niemand kann dazu gezwungen werden, Deutsch zu lernen“, mahnte Černý.
Martin Herbert Dzingel widersprach dieser Logik. Die Charta sehe ausdrücklich Maßnahmen vor, die unabhängig davon umgesetzt werden müssten, ob eine Nachfrage bereits nachweisbar sei. Interesse lasse sich zudem schwer feststellen, solange es entsprechende Angebote gar nicht gebe. Sein Vorschlag: zunächst an ein oder zwei Schulen beginnen und einzelne Fächer wie Sport oder Musik auf Deutsch anbieten. „Anschließend können wir auswerten, wie das Angebot angenommen wurde“, so Dzingel.
Unterstützung erhielt diese Sicht vom Sprachwissenschaftler Vít Dovalil von der Karls-Universität Prag. Für den niedrigeren Schutzstatus einer Sprache spiele die Frage nach vorhandener Nachfrage eine größere Rolle. Mit der Ausweitung des Schutzes für Deutsch im Februar 2024 habe sich der Maßstab jedoch verändert. Tschechien habe sich nun zu aktivem Handeln verpflichtet. „Verpflichtung ist Verpflichtung“, brachte Dovalil seine Position auf den Punkt.

Aktionsplan soll Klarheit schaffen
Wie schwierig die Umsetzung im Bildungsbereich ist, zeigt sich auch am Mangel an geeigneten Lehrkräften. Richard Neugebauer, Präsident der Landesversammlung, warnte, dass selbst bei größerem Interesse zusätzliche deutschsprachige Angebote an fehlendem Personal scheitern könnten. Vít Dovalil verwies darauf, dass an der Karls-Universität bereits über ein Studienangebot für Deutsch als Minderheitensprache diskutiert worden sei – bislang fehlten dafür jedoch die nötigen Kapazitäten.
Wie es mit der Umsetzung der Charta insgesamt weitergehen soll, erläuterte Klára Kameníková, Sekretärin des Regierungsrates für nationale Minderheiten. Im vergangenen Jahr hätten sich sowohl Bürger als auch Regionen mit Fragen zur Umsetzung an den Regierungsrat gewandt. Dabei sei deutlich geworden, dass Informationen über die neuen Verpflichtungen vor Ort teilweise fehlten. Die Regierung arbeite deshalb an einem Aktionsplan zur Sprachencharta, zu dem auch eine Informationskampagne gehören soll.
Gerade diese Informationslücke war während der Konferenz mehrfach Thema. Denn viele der Maßnahmen müssen letztlich dort umgesetzt werden, wo Schulen, Kommunen oder andere Einrichtungen konkrete Angebote schaffen. Zugleich blieb die Frage offen, wer diesen Prozess dauerhaft koordiniert und dafür sorgt, dass die Verpflichtungen nicht nur bekannt, sondern tatsächlich umgesetzt werden. Dzingel plädierte deshalb für eine feste Zuständigkeit und eine systematische Begleitung der einzelnen Maßnahmen.
Der angekündigte Aktionsplan könnte damit zu einem wichtigen nächsten Schritt werden. Wie konkret er ausgestaltet wird, welche Zuständigkeiten darin festgelegt werden und ob daraus tatsächlich neue Angebote entstehen, war auf der Konferenz allerdings noch offen.
Zum Abschluss richtete die Konferenz den Blick auf Beispiele aus der Praxis. Lucie Tarabová, Leiterin des Koordinierungszentrums Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch Tandem in Pilsen (Plzeň), und Zuzana Svobodová, Leiterin der Klinischen Universitätsschule EduVia, stellten Projekte und Erfahrungen vor, die zeigen sollten, wie Sprachförderung und deutsch-tschechischer Austausch bereits heute konkret funktionieren können. Damit rückte nach den grundsätzlichen Debatten über Verpflichtungen, Zuständigkeiten und fehlende Angebote noch einmal die Frage in den Mittelpunkt, was sich mit bestehenden Strukturen bereits erreichen lässt.
Am Ende blieb dennoch vor allem die Erkenntnis, dass mit der Ausweitung der Sprachencharta auf dem Papier ein wichtiger Schritt getan ist, die eigentliche Arbeit aber erst begonnen hat. Ob im Schulwesen, in den Medien oder bei der Information von Kommunen und anderen Trägern: Entscheidend wird sein, ob aus den übernommenen Verpflichtungen tatsächlich neue und sichtbare Angebote entstehen. Denn spätestens seit Februar 2024 geht es nicht mehr allein darum, was wünschenswert wäre, sondern auch darum, was Tschechien zugesagt hat.
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