Junge Menschen der deutschen Minderheiten aus Tschechien und Polen im Alter von 17 bis 35 Jahren trafen sich am Wochenende des Tags der Deutschen Einheit, am 3. und 4. Oktober 2026, zu einer gemeinsamen Wanderung im Riesengebirge. Der Name der Veranstaltung war dabei durchaus wörtlich zu verstehen: Das Treffen führte die Teilnehmenden auf die Gipfel des Riesengebirges an der Grenze zwischen beiden Ländern.
Normalerweise treffen sich bei einem Gipfeltreffen hochrangige Vertreterinnen und Vertreter einflussreicher Staaten, um über wichtige und dringende Fragen des Weltgeschehens zu debattieren. Beim gemeinsamen Gipfeltreffen, organisiert von der Landesversammlung der deutschen Vereine in der Tschechischen Republik (LV) und dem Bund der Jugend der Deutschen Minderheit (BJDM) in Polen kamen zwar keine Politiker aus Polen und Tschechien zusammen, doch waren das Treffen und der Austausch nicht weniger wichtig.
Die Wanderung sollte junge Menschen aus beiden Minderheiten zusammenbringen und Gelegenheit bieten, sich über Fragen der eigenen Identität und die Zukunft der jüngeren Generation innerhalb der deutschen Minderheiten auszutauschen. „Wo ich herkomme, sagt man: Über 1000 Höhenmetern ist man beim ‚Du‘. Genau das haben wir auch beim Gipfeltreffen gemerkt. Die Teilnehmenden haben zusammen geschwitzt, gelacht und gegessen – das gemeinsame Wandern war die beste Grundlage für einen Austausch zwischen der deutschen Minderheit aus Polen und Tschechien“, resümiert Miriam Mähner, ifa-Kulturmanagerin und Organisatorin des Treffens aufseiten des BJDM.
Begegnung auf den Gipfeln
Bereits bei der Wanderung zur Elbbaude (Labská bouda) am Samstag vermischten sich die Gruppen zunehmend. Die gemeinsame Sprache war selbstverständlich Deutsch. Zunächst ging es darum, sich kennenzulernen. Bei Sonnenschein und vor herbstlicher Bergkulisse dauerte es rund fünf Stunden, bis die Gruppe ihr Tagesziel erreichte. Dort bot ein Workshop anschließend die Gelegenheit, die Gespräche während der Wanderung zu vertiefen.
Zu Beginn sollten sich die Teilnehmenden im Rahmen einer Übung zu verschiedenen Aussagen über ihre eigene Identität positionieren. Fragen wie „Wenn man einer Minderheit angehört, hat man mehr als eine Heimat“ oder „Traditionen, die für junge Menschen keine Bedeutung mehr haben, sollten verschwinden dürfen“ spalteten die Gruppe teilweise. Die Aussagen waren bewusst provokant formuliert: Das Gipfeltreffen sollte dazu anregen, sich aktiv mit der eigenen Identität als Teil der deutschen Minderheit auseinanderzusetzen und zugleich grenzüberschreitende Perspektiven auf andere Minderheitengruppen zu eröffnen. „Wir wissen einfach zu wenig voneinander“, lautete das Fazit von Emily Bartek, Mitglied des BJDM-Vorstands, zur Frage, ob die deutschen Minderheiten in Polen und Tschechien eine gemeinsame Identität teilen. Genau das sollte sich durch das Gipfeltreffen ändern.

Im zweiten Teil des Workshops sollten die Teilnehmenden in ihren jeweiligen Gruppen typische polnische, deutsche, schlesische oder tschechische Elemente sammeln, die ihre Identität prägen. Ziel der Übung war es, einander besser kennenzulernen und Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede zwischen den beiden Gruppen herauszuarbeiten. Dabei überwogen – zur Überraschung aller – tatsächlich die Unterschiede. Die Gruppe aus Polen nannte unter anderem die schlesische Sprache, das Oberschlesienlied und Kaffee und Kuchen bei Oma. Die Gruppe aus Tschechien führte hingegen „Wandern“, „Bier“ und „Karel Gott“ an. Als Gemeinsamkeiten wurden die deutsche Sprache und eine ähnliche Geschichte von Vertreibung und Unterdrückung identifiziert. Und auf den Kartoffelsalat konnte man sich direkt einigen.
Ein Blick über die Grenzen
Mit den Erkenntnissen des Vortages ging es am Sonntag weiter in Richtung der polnischen Grenze. Unterwegs führte der Weg unter anderem an der Elbquelle vorbei. Der Ort des Gipfeltreffens war bewusst gewählt: Das Riesengebirge erstreckt sich über die heutige Grenze zwischen Tschechien und Polen und war über Jahrhunderte hinweg auf beiden Seiten von Deutschen besiedelt. Die Region Schlesien auf der polnischen Seite ist bis heute Heimat einer bedeutenden deutschen Minderheit. „Das Leben dort ist wie eine Bubble“, beschrieb ein Teilnehmer die Region. Das gesamte Leben spiele sich auf Deutsch ab, teilweise seien sogar ganze Schulklassen deutschsprachig. Für die tschechischen Teilnehmenden war das eine Besonderheit. Eine vergleichbar große deutsche Gemeinschaft gibt es in der heutigen Tschechischen Republik nicht mehr.

Die gemeinsame Wanderung ermöglichte es den Teilnehmenden nicht nur, über ihre eigene Identität als Angehörige der deutschen Minderheit nachzudenken, sondern auch die Perspektive auf die jeweils andere Seite der Grenze zu erweitern. Trotz aller Unterschiede überwog am Ende die Verbundenheit. „Ein solches grenzüberschreitendes Jugendprojekt wie dieses war schon lange geplant. Wir sind froh, dass es jetzt endlich geklappt hat und dass es so gut angekommen ist“, resümierte Ilyas Zivana, Geschäftsführer der Landesversammlung. Es soll nicht bei dieser einen gemeinsamen Wanderung bleiben: Auch im kommenden Jahr sind weitere gemeinsame Projekte dieser Art geplant.
Das könnte Sie auch interessieren
„Die größten Chancen liegen in der Jugendarbeit“
Seit dem 1. August ist Ilyas Zivana neuer Geschäftsführer der Landesversammlung der deutschen Vereine in der Tschechischen Republik. Mit dem LandesEcho sprach der bisherige ifa-Kulturmanager über seine Pläne für die deutsche Minderheit, neue Angebote für junge Erwachsene und eine stärkere grenzüberschreitende Vernetzung.
Mehr…



