Bis heute ist nicht geklärt, ob Jan Masaryk ermordet wurde oder Selbstmord beging.
Bis heute ist nicht geklärt, ob Jan Masaryk ermordet wurde oder Selbstmord beging. Credit: Wikimedia Commons

Jan Masaryk gilt bis heute als Held der tschechoslowakischen Geschichte. Doch seine Außenpolitik trug entscheidend dazu bei, das Land an Moskau zu binden und den Kommunisten den Weg zur Macht zu ebnen, meint unser Autor Luboš Palata.

Er ist zweifellos der bekannteste Außenminister, den die Tschechoslowakei je hatte. Natürlich mit Ausnahme von Edvard Beneš, der allerdings als zweiter tschechoslowakischer Präsident noch deutlichere Spuren hinterließ. Jan Masaryk, dessen Geburtstag sich im September dieses Jahres zum 140. Mal jährt, ist bis heute eine beinahe volkstümlich beliebte Persönlichkeit.

Zu Masaryks Bekanntheit und Popularität trägt auch sein mysteriöser und bis heute ungeklärter Tod Anfang März 1948 bei. Er starb nur zwei Wochen nachdem die Kommunisten mit dem Umsturz vom 25. Februar 1948 die vollständige Macht in der Tschechoslowakei übernommen und mit der Errichtung eines totalitären Regimes begonnen hatten. Sein Tod, den ein Teil der Historiker mit hoher Wahrscheinlichkeit für einen Mord hält – möglicherweise begangen von sowjetischen Agenten –, machte Masaryk nicht nur als Sohn des ersten tschechoslowakischen Präsidenten Tomáš Garrigue Masaryk zu einer populären Persönlichkeit, sondern auch zu einem Helden. Das tschechische Außenministerium verleiht bis heute die Jan-Masaryk-Medaille, eine der höchsten Auszeichnungen der tschechischen Diplomatie.

Vom Offizier des Kaisers zum Botschafter in London

Betrachtet man Jan Masaryk jedoch unvoreingenommen, ist sein Vermächtnis weitaus komplexer. In den ersten Jahrzehnten seines Lebens war er kein sonderlich erfolgreicher Sohn seines sehr anspruchsvollen Vaters, Professor T. G. Masaryk. Nachdem dieser im zweiten Jahr des Ersten Weltkriegs angesichts eines drohenden Haftbefehls ins Exil gegangen war, diente Jan Masaryk als Offizier in der österreichisch-ungarischen Armee. 1918 beendete er den Krieg als Leutnant und mit einer Tapferkeitsauszeichnung – nicht in den tschechoslowakischen Legionen, sondern in der kaiserlichen Armee.

Nach dem Krieg gehörte er zum engsten Umfeld des ersten tschechoslowakischen Präsidenten. Bald rückte Jan Masaryk auch in den engsten Kreis um Außenminister Edvard Beneš auf und ging bereits 1925 als Botschafter nach Großbritannien. Auf diesem Posten blieb er bis Ende 1939. Trotz einer gewissen persönlichen Popularität scheiterte er während der Münchner Krise daran, Großbritannien davon zu überzeugen, dass es in München nicht um das Selbstbestimmungsrecht der deutschen Minderheit im Sudetenland ging, wie Adolf Hitler behauptete, sondern um den ersten Schritt der nationalsozialistischen Aggression.

An der Seite von Beneš

Nach der Besetzung stellte sich Masaryk, wie er es seinem Vater auf dessen Sterbebett versprochen hatte, an die Seite von Beneš. Er wurde Außenminister der tschechoslowakischen Exilregierung in London. In diesem Amt blieb er jedoch im Schatten von Beneš, der die entscheidenden diplomatischen Weichenstellungen bestimmte. Eine wesentliche Rolle spielte Masaryk dagegen bei den Rundfunksendungen in die besetzte Heimat, wo er mit seinem volkstümlichen Humor und Optimismus enorme Popularität erlangte.

In der praktischen Diplomatie unterstützte Masaryk Beneš bei dessen Bündnisvertrag mit der Sowjetunion, bei den Plänen zur Vertreibung und Aussiedlung der Sudetendeutschen sowie beim Konzept der Tschechoslowakei als „Brücke zwischen Ost und West“. Am Ende des Krieges wechselte Jan Masaryk in die neue Regierung, in der die Kommunisten bereits eine entscheidende Rolle spielten, und blieb auch Mitglied des Kabinetts, dessen Ministerpräsident nach dem Wahlsieg vom Mai 1946 der kommunistische Parteichef Klement Gottwald wurde. Aus seinem Amt heraus und gestützt auf seine enorme Autorität setzte sich Jan Masaryk für eine grundlegende Orientierung Prags an Moskau ein. Eine Orientierung, ohne die sich die Vertreibung von drei Millionen Deutschen aus der Tschechoslowakei nach dem Krieg nicht hätte durchsetzen lassen.

Vasallentreue gegenüber dem Kreml 

Das Ende von Masaryks Traum einer Brücke zwischen Ost und West kam im Sommer 1947, als Prag auf Druck des Kremls seine Teilnahme am Marshallplan zum Wiederaufbau Europas absagte. Masaryk kritisierte dies zwar privat, widersetzte sich Moskau jedoch nicht und trat auch nicht zurück. Ebenso wenig reichte er seinen Rücktritt ein, als die demokratischen Parteien durch ihren Austritt aus der Regierung vorgezogene Neuwahlen erzwingen wollten. Gerade Masaryks Rücktritt hätte noch gefehlt, damit Präsident Beneš gemäß der Verfassung vorgezogene Wahlen hätte ausrufen müssen. Masaryk hätte den kommunistischen Umsturz somit möglicherweise verhindern können.

Er verhinderte ihn nicht und blieb zudem im Amt. Zwei Wochen später wurde Masaryk tot im Innenhof des Außenministeriums gefunden. Bis heute ist nicht geklärt, ob er ermordet wurde oder Selbstmord beging. Ebenso wenig wird bis heute darüber gesprochen, dass Jan Masaryks Außenpolitik für die Tschechoslowakei selbstmörderisch war. Es sei denn, man akzeptiert das Argument, dass die Möglichkeit, die Deutschen aus der Tschechoslowakei zu vertreiben, vierzig Jahre kommunistischer Diktatur und die vollständige Vasallentreue gegenüber der Sowjetunion wert gewesen sei.

Der Autor ist Europaredakteur der Tageszeitung Deník.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der LandesEcho-Ausgabe 9/2026

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