Bis 7. Januar ist die Krippen-Ausstellung im Klementinum noch geöffnet. Foto: Detmar Doering

Bis zum 7. Januar 2023 haben Sie noch Zeit, sich die Krippen-Ausstellung im Prager Klementinum anzuschauen. Dann müssen Sie wieder 100 Jahre warten…

Also besuchen Sie schnell die große Jubiläums-Krippenausstellung (Jubilejní výstava betlémů) in der Galerie des Klementinums in der Altstadt. Sie fand das letzte (und auch das erste) Mal 1923 statt. Damals feierte man den 700 Jahrestag der Aufstellung der ersten Krippe überhaupt durch den Heiligen Franziskus von Assisi im Kloster von Greccio im Jahre 1223. Die war noch etwas anders als die heutigen Krippen, verwendete der Heilige noch lebende Darsteller und lebende Tiere, was 1923 wie auch heute wegen der Lohnkosten in der Regel so nicht mehr gemacht wird. Aber er hatte den Anfang mit einem Brauchtum gemacht, ohne das Weihnachten heute undenkbar wäre. Deswegen ist der gute Franziskus auch in der größten der Krippen der Ausstellung (auf die wir noch zurückkommen werden) als Denkmalsstatue zu sehen.

Heuer feiert man das 800. Jubiläum. Und dafür griff man die Idee von 1923 wieder auf. Nun kann Tschechien auf eine alte und sehr hoch entwickelte Krippenkultur stolz sein (worüber wie u.a. hier berichteten). In fast jeder Kirche findet sich ein sorgfältig gestaltetes Beispiel für eine Darstellung der Geburt Jesu im Stall von Betlehem – inklusive Ochs, Esel, betender Hirten und Heiliger Könige mit Geschenken. Einige Exemplare stellten wir u.a. hierhier und hier vor. In der Ausstellung im Klementinum kann man, wie dereinst 1923, rund 30 schöne Beispiele zeitgenössischer moderner Krippen besichtigen. Es handelt sich also nicht um dieselbe Ausstellung mit den selben Krippen wie 1923.

Ehrlich gesagt, es ist eine zwar sehr große und schöne, aber doch vom Grundprinzip her eine normale aktuelle Krippenausstellung. Nur, sie ist halt in der ehemaligen Jesuitenuniversität des Klementinums. Und dort gibt es so etwas nur alle 100 Jahre. Sie liefert einen lehrreichen und amüsanten Überblick über die zeitgenössische Krippenkunst und ist ausgesprochen vielseitig, und zwar nicht nur, was die Kunsttechnik und den Stil angeht. So findet man hier die Papierkrippe des Künstlers Jaroslav Herain, die stilistisch sehr an den konventionellen Biedermeierstil des 19. Jahrhunderts angelehnt ist. Modern gehalten ist hingegen die aus vergänglichem Lebkuchen von der Pragerin Hana Poesová angefertigte Krippe. Fast schon völlig abstrakt ist die ungewöhnliche, aus Holz geschnitzte Krippe von Eva Škobisová.

Aber vor allem findet man die Vielseitigkeit der tschechischen Krippenkunst bei ihren Ideen, was neben den traditionellen (meist biblisch überlieferten) Figuren noch so hineingehört, um den heimisch-tschechischen Charakter des Ganzen zu unterstreichen. Im Bild rechts (in einer von Jiří Souček gestalteten Krippe) sieht man den berühmten Vodník (Wassermann). Die grüne Märchengestalt, die in einem Teich angelt, ist eine alte Legende, die man in Deutschland in der späteren Bearbeitung durch Otfried Preußler als Der kleine Wassermann kennt, die aber 1939 in der Tschechoslowakei durch den Schrifsteller und Maler  Josef Lada. ihren eigentlichen Ruhm verdankt. In Deutschland ist er primär als der grandiose Original-Illustrator von Jaroslav Hašeks (ein persönlicher Freund Ladas) Roman vom guten Soldaten Švejk bekannt. Wie dem auch sei: Der Vodník ist gewiss keine biblische Figur, obwohl es ihm trotzdem irgendwie gelang, sich unter das Publikum bei der Geburt Jesu zu schmuggeln.

In vielen Krippen, oder besser Krippenlandschaften, wimmelt es so von heutigen tschechischen Figuren, dass man manchmal Mühe hat, die eigentliche Szene von Maria, Josef und dem Jesuskind zu finden. Manchmal befindet sie sich mitten in einer imaginären oder realen böhmischen Stadt mit Marktplatz und Kirchen (bei einer Krippe des Olmützer Künstlers Jan Hrnčíř sieht man zum Beispiel folgerichtig die Stadt Olomouc im Hintergrund). Selten sieht es so aus, wie man sich das echte Bethlehem vorstellen muss. Und so bleibt der Vodník nicht das einzige Sagen- oder Märchenwesen, das sich unter die Menschen in der Krippenszenerie geschlichen hat. Im Bild oben sieht man etwa den definitiv nicht-biblischen, der jüdischen Sagenwelt entsprungenen Golem, das aus Lehm vom Rabbi Löw erschaffene künstliche Wesen, das im 16. Jahrhundert die Prager Juden beschützt haben soll. Im Bild sieht man den klobigen Golem neben seinem ungleich kleineren Schöpfer stehen.

Mit dieser originell eingefügten Golem-Figur sind wir auch schon beim Kernstück des Ganzen, einer riesigen mechanischen Krippe, die passend Jubiläumskrippe genannt wird und das eigentliche Markenzeichen der Ausstellung ist. In ihren Dimensionen stellt sie allen anderen Krippen in den Schatten. Über neun Monate benötigte man, um 159 menschliche Figuren (von bis zu 24 cm Höhe), 10 fliegende Engel und 61 Tiere in eine wunderschöne Stadtlandschaft einzubetten. Dazu kommt die bereits erwähnte Statue des Heiligen Franziskus. Schaut man sich die fliegenden Engel an, stellt man fest, dass Bethlehem in Wirklichkeit Prag ist, erkennt man doch auf dem Hintergrundbild die Prager Burg.

Das ist aber nicht alles. Die Figuren und Gebäude (inklusive Krippe) sind ebenfalls in eine Prager Reallandschaft eingebaut. Die Schöpfer der Krippe haben sich die Kampa-Insel auf der Kleinseite (wir berichteten hier) als Standort ausgesucht – so wie sie um 1906 ausgesehen haben muss. Die ist von einem Kanal (Teufelsbach) und der Moldau umflossen. Deshalb landen hier auch Flöße und Boote. Kurios ist dabei das Holzboot, das einen Elefanten mit einem orientalischen Potentaten anlandet. Ein Matrose salutiert den Ankömmlingen herzlichst. Die Schöpfer der Krippe beweisen viel originelle Kreativität.

Wo wir bei den Schöpfern der Jubiläumskrippe sind: Rund 30 Künstler und Handwerker waren mit der Fertigstellung emsig befasst. Maler, Elektriker, Schnitzer und Mechaniker haben sich unter der Führung von Vladimir Glaser zusammengetan, um ein wahrhaft beeindruckendes Werk zu vollenden. Das Resultat ist eine sogenannte „mechanische Krippe“.

Deshalb benötigte man ja auch neben Schnitzern und Malern die Elektriker und Mechaniker. Alle halbe Stunde wird das Ganze angeschaltet und unzählige Figuren bewegen sich dann für einige Minuten. Das Jesuskind im Bild oberhalb winkt zum Beispiel mit einem Arm – und sieht dabei irgendwie putzig aus. Es herrscht hektisches Treiben in der ganzen Krippe, in denen man ebenfalls unzählige eher Prager denn biblische Figuren findet.

Obwohl die Ausstellung nicht ganz so groß ist wie man anhand der Werbung hätte erwarten können, sollte man sich Zeit dafür nehmen – und das nicht bloß, weil die mechanische Krippe nur alle 30 Minuten läuft und man sie doch zweimal in Aktion gesehen haben muss. Man entdeckt nach mehrfachem Hinschauen bei jeder Krippe etwas Neues und Witziges, wie etwa den Häftling, der von einem Gendarmen aus der Habsburgerzeit bewacht wird, den man auch in der zuvor erwähnten Krippe von Jiří Souček findet.

Oder man sehe sich die beeindruckende Krippe von Vladimir Glaser an, die in einen großen alten und hohlen Baumstumpf eingearbeitet ist. Es herrscht dort buntes Treiben. Selbst auf dem Baumpilz sitzt eine kleine Figur. Sehr pittoresk, in der Tat. Und, wie gesagt, nur eine von vielen kleinen Attraktionen der Ausstellung.

Also nichts wie hin! Denn 100 Jahre auf die nächste Jubiläumsausstellung im Klementinum warten, kann einem doch recht lang vorkommen.

Mehr Informationen hier: http://jubilejnivystava.cz/


Ahoj aus Prag Titelbild

Ahoj aus Prag! Seit September 2016 leben wir berufsbedingt in Prag. Wir – eigentlich Rheinländer – haben sie schon voll in unser Herz geschlossen, diese Stadt! Deshalb dieser Blog, in dem wir Fotos und Kurzberichte über das posten, was diese Stadt so zu bieten hat und was wir so erleben. Wir, das sind:

Lieselotte Stockhausen-Doering und Detmar Doering

… und unser Hund Lady Edith! Wer sich in Prag einmal umschauen möchte, wird auf diesem Blog nach einiger Zeit sicher Interessantes finden, was nicht jeder zu sehen bekommt, der die Stadt besucht. Viel Spaß beim Lesen!

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