Ein Moment vor der Katastrophe: Jessie (Clara Hüttermann) auf dem Dach eines Berliner Hochhauses im Drama "Everytime" von Sandra Wollner.
Ein Moment vor der Katastrophe: Jessie (Clara Hüttermann) auf dem Dach eines Berliner Hochhauses im Drama "Everytime" von Sandra Wollner. Credit: The Barricades Panama Film, Gregory Oke

Wie lebt man mit dem Verlust eines geliebten Menschen weiter? In ihrem preisgekrönten Drama „Everytime“ erzählt die österreichische Regisseurin Sandra Wollner von Trauer, Schuld und der Sehnsucht nach einem Wiedersehen – bis die Grenzen zwischen Realität und Traum verschwimmen. Der Film ist im Oktober bei „Das Filmfest“ in Prag und weiteren tschechischen Städten zu sehen. Unsere Autorin Marina Schepetow hat ihn vorab gesehen.

In der Nacht vor einem geplanten Urlaub nach Teneriffa mit ihrer Mutter Ella (Birgit Minichmayr) und Schwester Melli (Lotta Shirin Keiling) schleicht sich Jessie (Clara Hüttermann), Ellas ältere Tochter, heimlich hinaus und feiert ausgelassen mit ihrem Freund Lux (Tristán López). Die Nacht endet auf dem Dach eines Berliner Hochhauses, wo sie Pillen nehmen. Während Lux im Rausch einschläft, beobachtet Jessie den Sonnenaufgang und die Häuser Berlins, bevor sie aus Versehen in den Tod stürzt. 

Zwischen Leichtigkeit des Alltags und Schwere des Verlusts

Ein Jahr nach dem tödlichen Sturz ist die Trauer für Mutter und Schwester Alltag geworden. Das Anzünden einer Kerze und das Gießen der Pflanzen an Jessies Grab gehören für sie zur wöchentlichen Routine auf dem Heimweg nach der Schule oder während eines Telefonats. Nachdem Lux nach einem längeren Aufenthalt in den USA zurückkehrt und in einem Kiosk zufällig auf Ella und Melli trifft, begreifen Ella und Lux, dass Jessies Tod noch zwischen ihnen steht. Jessies Tod und die Trauer werden wieder präsenter im Leben der drei Protagonisten und jeder sucht seinen persönlichen Weg damit umzugehen.

 „Trauer ist ungerecht und lässt sich nicht in Worte fassen oder beschreiben, sondern wird einfach durchlebt“, sagt Leila Bekhti. Sie ist Vorsitzende der Jury bei der Verleihung des Hauptpreises für die Selektion „Un Certain Regard“ bei den Filmfestspielen in Cannes. Dieses Jahr gewann die Regisseurin Sandra Wollner mit Everytime den Hauptpreis, weil sie genau dieses Gefühl erzeugt, welches kaum zu beschreiben ist: ein Gefühl des Hin-und-Hergerissen-Seins, gefangen zwischen der Leichtigkeit des Alltags und der Schwere und Allgegenwärtigkeit des Verlusts, zwischen dem Versuch der Kompensation und der Realisation der Vergänglichkeit. 

Teilnahmslose Stille im Fokus

Die Kameraführung fängt im Film oft die ruhigen, statischen Szenen ein, während der Lärm und Trubel nur hörbar sind und in den Hintergrund rücken. Als Melli und Lux auf dem Tempelhofer Feld kurz nach dem Wiedersehen Fahrrad und Rollschuhe fahren und Lux’ Freundesgruppe Ella ein Getränk anbietet, scheint auch für Ella die sorgenfreie Jugend nah und erlebbar. Sie nimmt aber nicht aktiv teil. Auf dem Tempelhofer Feld voller Jugendlicher mit lauter Musik ist Ellas Gesichtsausdruck im Fokus: Sie wirkt gefasst, aber die Bitterkeit in ihrem Gesicht ist nicht zu übersehen. 

Die österreichische Regisseurin Sandra Wollner. Foto: Robert Newald.

Wollners Film offenbart, wie wichtig die letzten erhaltenen digitalen „Spuren“ einer verstorbenen Person für junge Menschen sind: Melli öffnet immer wieder den alten SMS-Chat mit ihrer Schwester und schickt ihr Tier- und Herz-Emojis, ohne je eine Antwort zu erhalten. Auch Lux hört alte Sprachnachrichten von Jessie an, in denen sie lachend über Eskapaden ihrer gemeinsamen Freunde berichtet. Mit dem Ende jeder Nachricht und der eintretenden Stille wird auch ihm bewusst, dass diese Erinnerungen für immer der Vergangenheit angehören. 

Lux plagen zudem Schuldgefühle. Er sucht in einer Nacht Ellas Wohnung auf und beichtet ihr von den Drogen und seinem Leichtsinn. Er bittet sie voller Tränen um Vergebung. Den Vorbehalt, den Ella gegenüber Lux einige Zeit hatte, beschließt sie nun abzulegen und keinen Groll zu hegen. Sie stößt ihn nicht ab, sondern nimmt ihn in den Arm und möchte die letzten Momente des Lebens ihrer Tochter nachspüren. Sie bittet Lux, ihr die gleichen Drogen zu geben, die er Jessie vor dem Sturz gegeben hat. Im Rausch beschließt sie, mit Melli und Lux den Urlaub auf Teneriffa nachzuholen, der nie stattgefunden hat. 

Physikalische Gesetze gelten nicht mehr

Das ungewöhnliche Trio geht gemeinsam schwimmen und erholt sich im Hotel, bevor im Finale des Films eine neue Dynamik entsteht und Raum und Zeit plötzlich aus den Fugen geraten. Durch eine unerwartete Begegnung, die eigentlich räumlich und zeitlich unmöglich ist, scheint die Familie für Melli und Ella wieder vollständig zu sein. Zeitgleich spielen sich am Himmel Teneriffas Naturschauspiele ab, die ebenfalls nicht möglich sein können. Spielt die Geschichte des Trios noch in der Realität oder gab es einen unsichtbaren Sprung in eine Traumwelt? Dem Zuschauer bleibt nun überlassen, die Bedeutung dieses Sprungs für sich zu interpretieren. Wenn wir wie in einem Traum wieder mit der verstorbenen Person vereint sind, erholen wir uns dann von der Trauer oder sind wir endgültig an ihr zerbrochen?

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