Die Klinik für Urologie in der Ke Karlovu 459/6 in der Prager Neustadt. Foto: Detmar Doering

Für die ständig wachsende Anzahl der Freunde der brutalistischen Architektur der 1970er Jahre hat Prag bekanntlich viel zu bieten. Dieser Gruppe von Mitmenschen, die Geschmack mit Mut kombinieren, könnte es im Falle einer Harnblasenruptur oder akuten Niereninsuffizienz viel Trost und Halt spenden, wenn sie wenigstens an diesem Sehnsuchtsort ihrer Behandlung unterzogen würden: Der Klinik für Urologie in der Ke Karlovu 459/6 in der Neustadt.

Foto: Detmar DoeringDer ästhetische Reiz des Gebäudes gewinnt noch einmal durch den Kontrast zum unmittelbar benachbarten, in den Jahren 1865 bis 1875 erbauten Landes-Entbindungsheims (Zemská porodnice) mit seiner besonders schnörkeligen neogotischen Architektur. Man sieht es oben im großen Bild mit einem gotischen Backsteintor und dem Krankenhaus dahinter – getrennt nur durch eine kühn über die Straße geführte Gasleitung. Ein Anblick, der bleibende Eindrücke hinterlässt. Der nackte und rohe Beton, den man schön im Eingangsbereich (Bild links) beobachten kann, und der durch viel Stahl und Glas ergänzt wird, kommt so voll zur Geltung – Brutalismus pur!

Foto: Detmar DoeringDer Bau der Urologischen Klinik war ein wenig der Abschluss einer langen Baugeschichte, die mit dem Entbindungsheim 1865 begann. Nach und nach – und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrunderts zunehmend – entwickelte sich das ganze Areal an der Grenze der Neustadt zu Vinohrady zu einem großen Klinikareal mit vielen fachlich spezialisierten Kliniken – Allgemeine Klink, Pathologie und Physiologie, Gechlechtskrankheiten und so weiter. Und eben die Urologie. Über die Zeit entstand so ein recht wildes stilistisches Mischmasch an Baustilen von der Neogotik über die Neorenaissance und Funktionalismus bis hin eben zum Brutalismus. Im Grunde kann man hier die historische Entwicklung der Krankenhausarchitektur seit dem vorletzten Jahrhundert studieren.

Passend dazu befinden sich Teile der medizinischen Fakultät der Karlsuniversität in der Nähe und die Gerichtsmedizin. Wir befinden uns in einem der großen Kompetenzzentren für Medizin in Tschechien. Und die Urologie gehört architektonisch zu den neueren Gebäuden des ganzen Areals.

Foto: Detmar DoeringDas Gebäude entstand im Jahre 1973. Schon 1970 hatte das bekannte Architekten-Ehepaar Eva Růžičková und Vratislav Růžička (die u.a. auch durch den gemeinsamen Entwurf für den Bürokomplex Merkuria in Prag-Holešovice bekannt wurden) mit den Entwürfen für das riesige Gebäude begonnen. Bei der Realisierung des Projekts stand ihnen noch der Architektenkollege Boris Rákosník beiseite. Das Ergebnis war ein monströs großes Konstrukt aus abwechselnd horizontalen und vertikalen Quadern. Trotz der Ausmaße beeinträchtigt es nicht die schöne Skyline der Umgebung. Die Fassade hin zum alten Entbindungsheim ist etwas aufgelockerter, insbesondere durch die einem Risalit ähnliche Struktur des zentralen Treppenhauses. Man muss Brutalismus nicht mögen müssen, aber aus der Nähe wirkt das Ganze schon recht beeindruckend.


 Ahoj aus PragAhoj aus Prag! Seit September 2016 leben wir berufsbedingt in Prag. Wir – eigentlich Rheinländer – haben sie schon voll in unser Herz geschlossen, diese Stadt! Deshalb dieser Blog, in dem wir Fotos und Kurzberichte über das posten, was diese Stadt so zu bieten hat und was wir so erleben. Wir, das sind:

Lieselotte Stockhausen-Doering und Detmar Doering

… und unser Hund Lady Edith! Wer sich in Prag einmal umschauen möchte, wird auf diesem Blog nach einiger Zeit sicher Interessantes finden, was nicht jeder zu sehen bekommt, der die Stadt besucht. Viel Spaß beim Lesen!

 
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Detmar Doering kommt aus Deutschland, aber lebt und arbeitet - als Büroleiter der Friedrich-Naumann-Stiftung - in Prag. Mit dem Blog „Ahoj aus Prag“ halten er und seine Frau Lieselotte Stockhausen-Doering ihre Entdeckungen in der tschechischen Hauptstadt und deren Umgebung fest. Das LandesEcho darf Ihnen nun ausgewählte Beiträge präsentieren. Wir starten mit einer kleinen Löwenkunde!

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