Die „Achterjahre“ bescherten Tschechien ein Jahr der Symbolik. Es begann mit dem eher traurigen Gedenken an 1948, 1968 und 1938 und endete mit der Feier zum „100. Geburtstag der Tschechoslowakei“. Was bewirkt die Erinnerung? Und wie funktioniert kollektives Gedächtnis auch ohne Jubiläen?

Vor allem im Nebel hatte der riesige Bau etwas Gespenstisches. Sieben Jahre lang ging gefühlt kein Mensch ein und aus. Seit dem letzten Oktoberwochenende kann er sich vor den Massen aber kaum retten. Pünktlich zum 100. Jahrestag der Gründung der Ersten Tschechoslowakischen Republik fand nämlich die Wiedereröffnung des Hauptgebäudes des tschechischen Nationalmuseums statt. Das am oberen Ende des Prager Wenzelsplatzes gelegene Bauwerk wurde innen und außen auf Hochglanz gebracht. Einige Besucherinnen und Besucher knipsen am monumentalen Treppenaufgang Selfies. Doch die meisten Menschen zieht es in die neue Dauerausstellung. Mit ihr soll an die verschiedenen Formen der tschechoslowakischen Staatlichkeit bis 1992 erinnert werden.

Dabei war es alles andere als selbstverständlich, dass Tschechen und Slowaken zusammen einen Staat bilden. Sehr unterschiedlich waren die kulturellen und politischen Traditionen. Kreise um den späteren Staatspräsidenten Tomáš Garrigue Masaryk erkannten jedoch die Chancen eines gemeinsamen Nationalstaates. Und die Erfindung der „tschechoslowakischen“ Nationalität war auch ein Mittel, um gegen deutsche und ungarische Minderheiten eine Mehrheit zu bilden. Sachlich thematisiert die Exposition auch weniger ruhmreiche Kapitel der Ersten Tschechoslowakischen Republik und der kommunistischen Nachkriegs-Tschechoslowakei. Dazu gehören der Pragozentrismus, die Vertreibung der Deutschen und die erzwungene Sesshaftmachung der Roma. Als Blickfang darf natürlich auch das Original des Münchener Abkommens nicht fehlen. Und der nette Herr von der Besucheraufsicht wiederholte unablässig: „Das hier ist die Unterschrift von Adolf Hitler.“

Dem Gedenken überdrüssig

Im Supergedenkjahr 2018 dürfte es wohl einen Allzeitrekord der Geschichtssendungen im Tschechischen Rundfunk gegeben haben. Selbst darin aufgetretene Historiker sagen im Gespräch: „Wir haben davon genug!“ Der Überdruss ist verständlich. Im Februar jährte sich die kommunistische Machtübernahme von 1948 zum 70. Mal. Danach erinnerte man sich an den Prager Frühling und seine Niederschlagung im Spätsommer 1968. Und nicht zu vergessen das im September 1938 unterzeichnete Münchener Abkommen. Dieser als Inbegriff des nationalen Verrats geltende Erinnerungspunkt ging im Vorfeld der Feierlichkeiten zu 1918 fast ein wenig unter.

Einen Weg, wie man produktiv mit dem historischen Erbe umgehen kann, zeigte dann aber die am 28. Oktober auf dem Wenzelsplatz abgehaltene 100-Jahres-Feier. Regierungsvertreter waren keine dabei, dafür aber kritische Geister wie der Musiker Tomáš Klus, der ehemalige Studentenführer Šimon Pánek und der frühere tschechische Premierminister Petr Pithart. Natürlich war es eine Kundgebung gegen die populistische Politik von Regierungschef Andrej Babiš und Staatspräsident Miloš Zeman. Doch Mikuláš Minář vom Verein „Eine Million Augenblicke für die Demokratie“ machte gleich zu Beginn deutlich, dass es um das Feiern geht. Man habe Grund dazu, weil die Erste Republik der erste demokratische Staat auf tschechischem Boden war. Doch statt Verklärung brauche es nun Wahrheit. Statt Skepsis eine positive Vision.

Auf jeden Fall muss die Erinnerung im metaphorischen Sinne laufen lernen. Denn ein solches mehrfaches Gedenkjahr kommt nicht so schnell wieder. Nun geht es darum, eine bewusste, aber gleichzeitig objektive Erinnerung auch außerhalb der „Achterjahre“ zu pflegen. Die Ausstellung im Nationalmuseum macht es vor.

Und einen Trumpf haben die Freunde der Symbolik auch noch in der Hinterhand: Am 17. November 2019 jährt sich die Samtene Revolution in Tschechien und der Slowakei zum 30. Mal. Die von kommunistischen Mentalitäten geprägten Regierungen beider Länder sind dann, wenn nichts Unvorhergesehenes passiert, noch im Amt. Sie dürfen sich sicher auf einige für sie weniger erfreuliche Kundgebungen gefasst machen.

Der Beitrag erschien erstmalig auf dem pragerblog des Autors.


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