Tschechien und seine Hauptstadt Prag haben eine weit zurückreichende Filmtradition. Hinzu kommen Steuervergünstigungen, mit denen der Staat internationale Produktionen anlocken möchte. Kein Wunder also, dass so mancher Hollywood-Streifen in der goldenen Stadt gedreht wurde.

Egal ob London, Warschau, Paris oder Zürich – Prag kann so ziemlich alles. Die eindrucksvolle Architektur und historischen Bauten der tschechischen Hauptstadt dienen in internationalen Filmproduktionen immer wieder als Kulisse für Agenten-Thriller und historische Verfilmungen. Ob Samuel L. Jackson, der in xXx – Triple X in einer dramatischen Szene die Karlsbrücke entlang sprintet oder Tom Cruise, der in Mission Impossible ein fiktionales Aquariums-Restaurant sprengt und damit den Altstädter Ring unter Wasser setzt, immer wieder zog es Hollywood-Größen für Filmproduktionen in die goldene Stadt. Und auch die Stadt Prag selber muss dafür immer mal wieder in eine Rolle schlüpfen und eine andere europäische Metropole darstellen. Wäre Prag selbst ein Schauspieler, man würde die Stadt wohl als Genie aufgrund ihrer Wandelbarkeit bezeichnen.

Den Vogel abgeschossen in der Hinsicht hat wohl der Teenie-Trash-Film „Eurotrip“ (2004). In ihm reist eine Gruppe junger US-Amerikaner durch ganz Europa. Sie kommen im Film durch Berlin, Amsterdam, Bratislava und sogar Paris – aber kein einziges Mal nach Prag. Dabei hätte man dafür wohl am wenigsten in der Grafikabteilung bearbeiten müssen – schließlich wurde der Film hier gedreht.

Corona bremst die rasante Entwicklung des Filmstandorts Tschechien

Keine Sorge, es geht auch deutlich seriöser an Prager Filmsets zu: Zumindest wenn man Seriosität am Budget einer Produktion misst. Erst vor kurzem kündigte der Streaming-Riese Netflix an, seine bisher teuerste Eigenproduktion „The Gray Man“ werde größtenteils in Prag gedreht. Ryan Gosling und Chris Evans spielen die Hauptrollen des Spionage-Thrillers, der auf dem gleichnamigen Buch eines ehemaligen CIA-Agenten beruht. Vergangenen Monat fingen die Dreharbeiten in den USA in Los Angeles an und sollen im April in Prag weitergeführt werden – sollte das Virus dem Ganzen nicht einen Strich durch die Rechnung machen.

Denn auch die hiesige Filmindustrie hat mit den Folgen der Corona-Pandemie zu kämpfen, wie das Beispiel der Marvel-Produktion ‘The Falcon and the Winter Soldier’ zeigt. Sie hätte eigentlich zu weiten Teilen in Prag gedreht werden sollen, musste aber im März vergangenen Jahres unterbrochen werden. Dabei hatte sich der Filmstandort Tschechien vor der Pandemie besonders rasant entwickelt: 2019 wurden 80 internationale Produktionen in Tschechien gedreht – Serien und Filme – und damit doppelt so viele wie im Vorjahr. Ein großer Teil der Produktionen – rund 80 Prozent – lief für die Streaming-Größen Netflix und Amazon-Prime. Grund für die günstigen Drehkosten sind Steuervergünstigungen, die der tschechische Staat seit 2010 anbietet und über einen Filmfonds abwickelt. Ein Erfolgsmodell, dass Nachahmung findet und für Konkurrenz sorgt: Andere zentraleuropäische Staaten, darunter die Slowakei, setzen inzwischen ähnliche finanzielle Anreize, um internationale Produktionen anzuziehen.

Václav Havel: Vater des Präsidenten und der tschechischen Filmproduktion

Einen der bekanntesten Filme, die in der tschechischen Hauptstadt gedreht wurden, lockte man aber noch vor der Filmförderung an: Mission Impossible (1996) wurde in Prag gedreht. Ausschlaggebend könnten auch die Orte gewesen sein, an denen gedreht wurde. Schließlich klingen sie wie der Plan einer Stadtführung: Wenzelsplatz, Nationalmuseum und Karlsbrücke. Mission Impossible war eine der ersten großen Produktionen in den 1990er Jahren, als die internationale Filmindustrie Tschechien nach der Samtenen Revolution für sich entdeckte. Denn neben günstigen finanziellen Bedingungen blickt man in Tschechien auch auf eine lange Filmtradition zurück, man denke nur an die tschechischen Märchen wie drei Haselnüsse für Aschenbrödel.

Mission Impossible und Aschenbrödel-Märchen – trotz der Welten, die zwischen beiden Genres zu liegen scheinen (und auch der Zeitspanne zwischen ihnen) – haben eines gemeinsam: Sie wurden in den berühmten Barrandov-Studios gedreht. Die wurden in den 1930er Jahren im Prager Stadtteil Barrandov von den Brüdern Miloš Havel und Václav Havel, dem Vater des späteren tschechischen Präsidenten gleichen Namens gegründet. Ebendort fanden auch Dreharbeiten für Miloš Formans Film „Mozart“ von 1984 statt, indem Mozarts Leben aus der Sicht Antonio Salieris erzählt wird. Hollywood zog mit der Produktion nicht nur in Prag ein, auch der Regisseur kam zurück in sein Heimatland: Forman hatte die Tschechoslowakei nämlich nach der Niederschlagung des Prager Frühlings aus Protest verlassen. Gerade deswegen schaute man besonders skeptisch auf die Filmproduktion. In einem Interview mit dem Online-Merker erinnerte sich der inzwischen verstorbene Forman: „Selbstverständlich waren wir uns bewusst, dass die Geheimpolizei uns bei jedem Schritt folgte, aber das hinderte uns nicht, weil sie auch wussten, dass, wenn sie uns Prügel zwischen die Beine geworfen hätten, würde die tschechische Bank unsere dortigen Gelder verlieren.“ Und noch etwas Besonderes hatte eine der ersten großen Prager Hollywood-Produktionen: Die Stadt spielte sich damals auch selber. Weite Teile der Handlung sollten zwar Wien darstellen, aber es gibt auch eine Szene im Ständetheater in Prag – dort fand ja auch in Wirklichkeit die Uraufführung von Mozarts Don Giovanni statt.