Um die Anzahl an Unfällen von Fußgängern mit Straßenbahnen zu reduzieren, setzen die Prager Verkehrsbetriebe (DPP) auf den Schock-Effekt und rutschen manchmal ins Makabre, findet unser Landesblogger.

Ich fahre gerne Straßenbahn, gerade in Prag. Teilweise stammen die alten Wagen noch aus den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, deren Design und quietschrote Farbe inzwischen wieder Retro geworden sind. Ganz nebenbei ist die Tram auch noch die umweltfreundliche Alternative zum Auto und für mich als Studenten sind die Preise mehr als erschwinglich: Für ein Drei-Monats-Ticket zahle ich nicht einmal 14 Euro.

Ein großes Problem sind jedoch die vielen Unfälle: Internet-Videos von Tramfahrern zeigen Autos, die beim Abbiegen nicht auf die nahende Bahn geachtet haben oder Fußgänger, die mit Kopfhörern in den Ohren auf die Schienen laufen. Auch ich bin schon mehrere Male von dem schrillen Klingeln der Bahnen von der Straße gescheucht worden. Bereits nach wenigen Tagen in Prag hatte ich gelernt: Die Tram hat Vorfahrt, komme was wolle.

3:0 für die Straßenbahn

Da überrascht es nicht, dass die Anzahl an Unfällen im Zusammenhang mit Straßenbahnen in den vergangenen Jahren rapide angestiegen sind, wie Daten der Prager Verkehrsgesellschaft (DPP) verdeutlichen. Während im Jahr 2013 Straßenbahnen in 82 Unfälle verwickelt waren, stieg diese Zahl 2018 auf 104 an. Genauso wie die Zahl der Verkehrstoten, die im selben Jahr einen Höchststand mit acht Toten erreichte. Um die Zahl der Opfer von Straßenbahnen zu reduzieren, rief die Stadt Prag daher 2019 die Kampagne „Neskákej mi pod kola!“ (Spring nicht unter meine Räder) ins Leben, deren Ergebnisse in Teilen recht makaber wirken.

Eine der Maßnahmen ist eine quietschgelbe Straßenbahn des Typs Tatra T3R.P, die seit März 2019 auf dem Prager Schienennetz ihre Runden dreht. Auf ihrer hinteren Seite ist sie mit dem Spruch bedruckt: „Pomoz mi nezabíjet!“ (Hilf mir, nicht zu töten). Der spannende Teil befindet sich aber an den Seiten der Bahn. Dort hängt ein Spielstand – ähnlich den Ergebnis-Tafeln in Fußballstadien. „Fußgänger versus Straßenbahn“ steht darüber. Der Spielstand gibt an, wie viele Menschen im aktuellen Jahr von Straßenbahnen überfahren wurden. 2019 gewann die Straßenbahn 3:0. Das ist ein ziemlich zynischer Wettbewerb, den die Fußgänger gar nicht gewinnen können. Schließlich können sie keine Punkte erzielen. Bislang zumindest hat kein Fußgänger eine Straßenbahn zu Fall gebracht. Im besten Fall steht ein Unentschieden am Ende der Ein-Jahres-Partie.

Doch die Straßenbahn ist nicht die einzige Maßnahme, mit der die städtischen Verkehrsbetriebe für Staunen sorgen. Im März 2019 erschienen auf Prager Straßen plötzlich auf den Boden gesprühte Silhouetten von Körpern, wie sie auch in Krimi-Serien zu sehen sind. Auf den ersten Blick erscheint es, als wäre hier tatsächlich jemand gestorben und die Tatortreiniger erst vor Kurzem abgerückt. Doch auch die Körperumrisse gehörten zur Kampagne „Spring nicht unter meine Räder“ und sollten Fußgänger darauf aufmerksam machen, dass Straßenbahnen an Kreuzungen und Straßenübergängen Vorfahrt haben, auch an Zebrastreifen.

Kein Tatort, sondern ein Zeichen, dass die Straßenbahn hier Vorfahrt hat. Foto: Mathis Brinkmann

Kein Tatort, sondern ein Zeichen, dass die Straßenbahn hier Vorfahrt hat. Foto: Mathis Brinkmann

Der Zweck heiligt die Mittel?

Ein weiteres Beispiel ist eine Ausstellung, die mir gegen Ende vergangenen Jahres in den Zítkovy sady, am Rande des Karlsplatzes, auffiel. Sie zeigte 25 Engelsstatuen, jede stand für einen im Prager Verkehr gestorbenen Fußgänger im Jahr 2019. Zwei Metallstreben sollten Engelsflügel darstellen. Darüber hing jeweils ein Schuhpaar. Sie stehen jedoch nur symbolisch für die Gestorbenen und gehörten nicht den Toten selber, wie Michaela Franková, Initiatorin der Ausstellung der Online-Boulevardzeitung Blesk.cz sagte. An jedem „Engel“ erinnerte ein Schild an Datum, Uhrzeit und Art des Unfalls, bei dem die Person zu Tode kam.

Schuhe als Mahnmal für den Tod: Die Installation erinnert an das Holocaust-Denkmal am Donau-Ufer in Budapest. Foto: Oscar Vilbert

Schuhe als Mahnmal für den Tod: Die Installation erinnert an das Holocaust-Denkmal am Donau-Ufer in Budapest. Foto: Oscar Vilbert

So drastisch die Maßnahmen auch sind, sie scheinen Wirkung zu zeigen. In den kürzlich veröffentlichten Daten für das vergangene Jahr stellten die Statistiker fest: Die Anzahl an Verkehrstoten ging 2020 rapide zurück – nicht nur im Zusammenhang mit Straßenbahnen, auch insgesamt. Und: Zum ersten Mal in den vergangenen 15 Jahren gab es keinen einzigen Straßenbahn-Toten in Prag. Ob das ein Verdienst der drastischen Kampagne ist? Wohl eher nicht. Vielmehr scheint das kollektive Zuhausebleiben während der Pandemie für einen positiven Nebeneffekt gesorgt zu haben. Eine wichtige Rolle in der Statistik dürfte zudem der wegfallende Tourismus gespielt haben. In Prä-Pandemie-Zeiten waren Touristen nämlich für rund ein Viertel der Verkehrsunfälle mit Trams verantwortlich.

Deutlich innovativer kommt dagegen die neuste Idee der DPP daher: die App „Pozor Tramvaj“ (Achtung Straßenbahn). Sie warnt Nutzer über das Handy vor heranfahrenden Straßenbahnen. Seit Anfang des Jahres läuft das Projekt probeweise mit den Linien 9, 11 und 22. In einem kurzen Test funktioniert die App erstaunlich gut. Noch bevor die Tram um die Ecke gebogen ist, vibriert das Handy. Doch wie praxistauglich das Pilotprojekt tatsächlich ist, ist eine andere Frage. Man stelle sich nur vor, man läuft durch die Innenstadt und alle paar Sekunden vibriert das Handy und warnt vor heranfahrenden Straßenbahnen.

Es bleibt also einiges zu tun für die DPP. Vor allem, wenn die Menschen nach Corona wieder in großen Mengen durch Straßen strömen sollten. Von den Touristen ganz zu schweigen. Bisher steht es beim Duell Fußgänger gegen Straßenbahn nämlich noch 0:0 (Stand 26.02.21). Hoffen wir, dass es so bleibt.