Warum Minderheitenthemen viel mehr sind als nur Interessen einzelner Volksgruppen und wie junge Menschen mit Minderheitenhintergrund in Europa gefördert und gefordert werden wollen, erörtern die Präsidentin und die neue Geschäftsführerin der JEV (Jugend Europäischer Volksgruppen), Giuanna Beeli und Kasia Siemasz, im Gespräch mit dem LandesEcho. 

Das „Blumencafé“ in Berlin-Prenzlauer Berg ist ein wahrlich exotischer Ort, ein echter kleiner Dschungel mitten in der Hauptstadt. Während draußen gelbe U-Bahn-Waggons über die U2-Brücke Schönhauser Allee rattern, kreist, krächzt und kreischt drinnen ein Papagei über den Köpfen der Gäste. Zwischen Palmen, Blumen und Kakteen sitzen, vertraut wie alte Freundinnen, Giuanna Beeli aus dem rätoromanischen Teil der Schweiz und Kasia Siemasz aus dem oberschlesischen Neisse (Nysa) in Polen. Dabei kennen sie sich erst seit wenigen Monaten, arbeiten gerade einmal zwei Wochen zusammen. Was sie eint? Sie brennen für die Vielfalt in Europa.

LandesEcho: Liebe Kasia, liebe Giuanna, dankeschön, dass Ihr in dieser vollen Woche Zeit gefunden habt. Kasia, Dir herzliche Glückwünsche zu dem neuen Job als Geschäftsführerin der JEV (Jugend Europäischer Volksgruppen)! Aus aktuellem Anlass möchte ich auch gern bei Dir anfangen: Welche Arbeitsschwerpunkte setzt Du Dir bei der JEV? Welche Aspekte liegen Dir persönlich besonders am Herzen?

Kasia Siemasz: Ich komme von der Jugendbeteiligung und mir persönlich ist es wichtig, dass die Stimmen junger Leute in der Politik ankommen. Aber es gibt keine einheitliche Stimme der Jugendlichen. Vor allem in unserem Arbeitsbereich sieht man immer wieder, dass es unterschiedliche Lebensrealitäten und Herausforderungen gibt. Das muss man auf politischer Seite einfach mitdenken.

Für mich ist diese Jugendperspektive ein bisschen wie Gender-Mainstreaming: Es gibt keine einheitlichen Interessen von allen Frauen und so ist es auch mit jungen Menschen. Aber es gibt auch spezielle Herausforderungen für junge Menschen, mit denen Erwachsene nicht konfrontiert sind. Generell ist meine Arbeitsmotivation, das persönliche Empowerment junger Menschen zu sehen. Das kann so viel bewirken. 

Giuanna Beeli und Kasia Siemasz von der der JEV (Jugend Europäischer Volksgruppen) beim LandesEcho-Gespräch in Berlin / Peggy Lohse
Giuanna Beeli und Kasia Siemasz von der der JEV (Jugend Europäischer Volksgruppen) beim LandesEcho-Gespräch in Berlin / Peggy Lohse

Giuanna Beeli: Ja, wir wissen schon, warum wir Kasia genommen haben... (lachen beide). Insgesamt möchten wir natürlich weiter unseren Mitgliedsorganisationen eine Plattform bieten, um sich auf europäischer Ebene auszutauschen, Erfahrungen und Ideen zu sammeln. Natürlich ist das Ziel das Empowerment und die Partizipation, nicht nur auf europäischer Ebene, sondern auch ganz spezifisch lokal, regional und auf nationalem Niveau. Unsere Aktionen sollen sie auch zu Aktivität in ihrer Region, in ihren Minderheiten antreiben. 

Ein weiteres Ziel sind die soziale Inklusion aller Menschen und die Sicherstellung der Minderheitenrechte. Das prominenteste Beispiel ist die Roma-Thematik. Sie sind bekanntlich die größte Minderheit in Europa, sind aber sehr schlecht geschützt. Darum liegt sie uns besonders am Herzen. Wir ziehen Roma-Partnerorganisationen an Land und sprechen dann mit ihnen, nicht nur über sie. Zuletzt haben beispielsweise vier Vertreter der mazedonischen Roma-Organisation „Sumnal“ an einem unserer Projekte teilgenommen.

LE: Natürlich ist die Situation in den unterschiedlichen Minderheiten verschieden. Dennoch! Oft sind es besonders ältere Menschen, die sich stark über ihre Herkunft und Zugehörigkeit zu einer – vor allem nationalen – Minderheit identifizieren. In den Vereinen treffen sie sich zum Stricken, Lesen und Erörtern der Geschichte ihrer Minderheit bzw. eigenen Familien. Wie können wir diese Gruppen mit Jugendlichen zusammenbringen, die in einer immer globaleren Welt aufwachsen, in der Nationalitäten immer weniger Bedeutung haben? 

KS: Es gibt junge Leute in Minderheitenorganisationen, die unheimlich engagiert sind. Punkt. Ich komme aus dem Jugendbereich, darum muss ich das sagen: Es liegt einfach auch Verantwortung bei der älteren Generation. Man kann nicht immer genau die gleichen Sachen machen wie vor 50 Jahren und sich dann beschweren, wenn die jungen Leute nicht mitmachen. Da muss man sich schon ein bisschen öffnen. Die Schwerpunkte dessen, wie Identität ausgelebt werden kann, haben sich verschoben. Junge Menschen sind an der Welt interessiert und haben das für sich schon neu definiert. Sie wissen ganz genau, wie sie auch mit ihrer eigenen Identität auch mit anderen Minderheiten zusammenkommen und welche Themen sie besprechen wollen. 

Ich würde sagen: mehr Geld, mehr Unterstützung, mehr Förderung für Jugendorganisationen.

GB: Da habe ich kaum noch etwas hinzuzufügen... (lacht) Es geht ja im Grunde darum, sich mit der Minderheit zu identifizieren. Sobald sie das machen, sobald sie aktiv sein wollen, gibt es Organisationen und attraktive Angebote, die sie abholen. Schwieriger ist es, die Identität zu fördern. Die Förderung durch Mittel für die Jugendarbeit ist da sehr wichtig.

KS: Wenn ich noch kurz ergänzen darf: Ihr habt gerade beide gesagt, dass das alles ja „attraktiv“ und „cool“ sein muss. Aber der Kern ist doch: Was „cool“ und „attraktiv“ ist, entscheiden junge Menschen für sich selbst!

Zuletzt waren wir in Friesland (Holland). Da haben sich die friesischen Organisationen zusammengesetzt und ein Google-Translate für Friesisch aufgestellt. Das ist für junge Menschen eine wichtige Sache, das nutzt man nahezu alltäglich. Wenn man versucht als ältere Generation in solche Sachen hineinzukommen und den ersten Schritt macht, dann kann man sich später auch über Geschichte unterhalten. Das ist auch ein wichtiges Thema für junge Leute. Aber man muss den ersten Schritt machen. Junge Menschen sind sowieso schon oft gezwungen, sich an althergebrachte Strukturen anzupassen. Darum wäre es nicht schlecht, wenn es auch mal andersherum gemacht würde. Aber das muss man auch fördern und hauptamtlich begleiten.

GB:  Genau, damit die Arbeit nachhaltiger und langfristiger funktioniert. 

KS: ...denn irgendwann kommt man mit ehrenamtlichem Engagement auch an seine Grenzen, mit der Schule und noch fünf anderen Freizeitaktivitäten, die die Eltern bestimmen.

LE: Welche Rolle spielen die neuen Nationalitäten- und Menschengruppen in Europa für die sogenannten traditionellen Minderheiten und deren Arbeit, konkret die Flüchtlinge, die die europäischen Länder – wenn auch nicht alle, Tschechien zum Beispiel nicht – in letzter Zeit aufnehmen? Wie wird sich die Minderheiten-Landkarte entwickeln, welche Veränderungen erwartet Ihr für Eure Arbeit?

KS: Wenn eine Minderheit – egal ob LGBTQ, nationale Minderheiten oder Gender – diskriminiert wird, wird es auch anderen Minderheiten langfristig nicht gut gehen. Es geht ja um die Politik gegenüber denjenigen, die nicht zur Mehrheitsgesellschaft gehören. Kurzfristig gibt es vielleicht verschiedene Ansätze, aber es ist auch ein sehr komplexes Thema. In Friesland hat jemand gesagt: „Wenn die Sorben nicht gut behandelt werden, können sich auch die Friesen nicht mehr auf den Staat verlassen.“ Das kann man auch generell auf Minderheiten jeglicher Art ausweiten.

GB: Darum muss man auf die Einbeziehung dieser „neuen“ Minderheiten und auf die soziale und politische Inklusion achten. Wir dürfen nicht denken: „Wenn es denen schlecht geht, geht es uns gut. Dann müssen wir uns ja nicht kümmern.“ Auch die Minderheitendefinition kann nicht mehr 100 Jahre noch so lauten wie jetzt: dass die traditionellen Minderheiten aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gelten, aber mehr nicht. Da braucht es sicher eine Redefinition, ein neues Verständnis. 

KS: Wir stehen ganz klar für Vielfalt...

GB: ...genau, für Brücken bauen und Vielfalt!


Giuanna Beeli / Peggy Lohse
Giuanna Beeli / Peggy Lohse

Giuanna Beeli (24) kommt von der rätoromanischen Minderheit aus dem Dorf Sagogn (Kanton Graubünden). Schon als Gymnasiastin war Beeli in einer rätoromanischen Jugendorganisation aktiv. Später studierte sie Rätoromanisch in Freiburg im Üechtland und Geschichte in Bern, wo sie auch seit sechs Jahren lebt. Bis heute spielt sie Blasmusik in ihrer Heimatregion. Seit 2017 ist sie bei JEV, seit Ende März 2018 als Präsidentin.

„Nicht jede Minderheit in allen Europäischen Ländern verfügt über die gleichen Rechte.“ 

Kasia Siemasz / Peggy Lohse
Kasia Siemasz / Peggy Lohse

Kasia Siemasz (29) kommt aus dem polnischen Nysa (Neiße). Schon während ihres Studiums der Europäischen Studien und der Schwedischen Sprache und Literatur engagierte sie sich in der Jugendarbeit. Ausgehend von einer polnischen Studierendenorganisation begleitete sie die Gründung des polnischen Jugendrings im Jahr 2011, als Polen und Ungarn als letzte EU-Staaten noch keinen nationalen Jugendring besaßen. Als ehrenamtliches Vorstandsmitglied wurde sie auch Vertreterin im Europäischen Jugendforum. In Deutschland arbeitete sie nach dem Studium im Bundestag und beim deutschen Jugendring im Bereich der Jugendbeteiligung. Seit dem 1. September 2018 ist Siemarz Geschäftsführerin der JEV.

„Ich persönlich habe immer daran geglaubt: So wie Minderheiten in einem Staat behandelt werden, zeigt den Stand unserer Demokratie. Ich identifiziere mich über viele Minderheitengruppen, wenn auch keine nationale: Ich bin eine Frau, ich bin eine junge Frau. Ich bin neue Migrantin in Berlin, gehöre zu einer Sprachminderheit, weil Deutsch nicht meine Muttersprache ist. In diesen Verhältnissen von Minderheiten und Mehrheiten sind viele Strukturen, Prozesse und Aspekte für alle Minderheiten übersetzbar. Das persönliche Empowerment von Jugendlichen kann in der Gesellschaft und auch lokalen Gemeinschaften viel bewegen.“

JEV (Jugend Europäischer Volksgruppen) ist ein Netzwerk von Jugendorganisationen in Europa, das ihre Interessen vertritt. Das Hauptziel der JEV ist die Erhaltung und Entwicklung von Minderheiten- und Volksgruppenrechten.

Das Gespräch führte Peggy Lohse.