Wer die vielversprechende Strecke der Tramlinie 22 bis zum Ende fährt, kommt auf dem Weißen Berg (Bilá Hora) an. Dort fand im Herbst 1620 das erste große Gefecht des Dreißigjährigen Kriegs statt. Landesbloggerin Marina hat das Benediktinerinnenkloster besucht, das rund 400 Jahre später an der besagten Stelle einen friedlichen Rückzugsort bietet.
Natürlich gibt es in Prag viele Orte, an denen man zur Ruhe kommen und dem Touristentrubel entfliehen kann. Der Wallfahrtsort um die Kirche Maria vom Siege bietet aber nicht nur das. Unweit des Benediktinerinnen-Klosters fand im Jahr 1620 zwischen zwei Söldnerarmeen die bekannte Schlacht am Weißen Berg statt. Dort kämpften protestantische Böhmen gegen die katholischen Habsburger um Religionsrechte und Unabhängigkeit, wobei Habsburger siegten und die Protestanten vertrieben wurden.
Heute unweit der Stelle ist ein Wallfahrtsort, der nicht nur zum Gottesdienst am Sonntag einlädt, sondern auch für einen kurzen Moment der Ruhe. Oder eben in ein tieferes Eintauchen in die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges und die Entstehungszeit des Klosters. Während ich zum Eingang des Klosters laufe, liegt hinter mir die viel befahrene Straße Karlovarská. Sobald ich eintrete, ist der Lärm nach wie vor zu hören, denn die Tore am Eingang des Klosters stehen offen.

Biblische und historische Wandbilder
Trotzdem fühlt es sich wie ein ruhiger Ort an. Bis auf eine Frau, die gerade die Wandmalereien in den Arkaden restauriert, ist hier niemand. Im östlichen und nördlichen Teil des Arkadengang rund um die Kirche sind die Farben an den Wänden verblasst oder vollständig abgeblättert. Die Malereien verlaufen entlang der Wände des gesamten Umgangs, der um die Kirche verläuft, und zeigen Szenen aus dem Leben von Maria und Jesus.
In den Gewölbekuppeln hingegen sind die Malereien nicht nur biblischen, sondern auch historischen Persönlichkeiten gewidmet. Um die Abbildungen der Heiligen herum sehe ich immer wieder deutsche und tschechische Beschriftungen, die nicht immer gut lesbar sind. Sie wurden bei späteren Übermalungen zum Teil beschädigt, aber zeigen den Habsburger Einfluss der damaligen Zeit.

In den kleinen Eckkapellen kurz innehalten
Die wohl ruhigsten Ecken des Klostergeländes sind buchstäblich in den Ecken des Umgangs um die Kirche herum. Dort befinden sich zwischen den einzelnen Flügeln kleine Eckkapellen, wobei eine von ihnen auch als Inforaum dient, in dem ich mir einen Flyer und Postkarten geholt habe. Danach laufe ich über den Innenhof, in dessen östlicher Hälfte Apfelbäume wachsen, auf die andere Seite. Die wohl ruhigste und meiner Meinung nach schönste Kapelle ist die nordwestliche Eckkapelle, auch als Dreifaltigkeitskapelle bekannt. Das ist auch die Chorkapelle der Benediktiner-Schwestern, die heute aber leer steht und entweder zu einem Gebet oder einfach einem kurzen Innehalten einlädt.

Wer sich besonders für Geschichte interessiert und mehr über die Schlacht auf dem Weißen Berg wissen möchte, sollte nach dem Besuch des Klosters seinen Spaziergang fortsetzen. So mache ich es zumindest und laufe durch die ruhige Wohnsiedlung hinter dem Kloster in Richtung der Allee der tschechischen Exilanten (Alej Českých exulantů). Die Straße ist den rund 150.000 Menschen protestantischen Glaubens gewidmet, die im Anschluss an die Schlacht auf dem Weißen Berg das Königreich Böhmen verlassen mussten, weil die protestantischen Söldnertruppen sich nicht durchsetzen konnten.

Allee der tschechischen Exilanten
Auf dem Weg zur Allee der Exilanten laufe ich durch eine ruhige Wohnsiedlung und entferne mich immer weiter von der viel befahrenen Straße vor dem Benediktinerinnenkloster. Die Allee der Exilanten ist eine „doppelte“ Allee, denn es sind zwei Straßen zu Ehren der Exilanten benannt und umschließen mit ihren Bäumen auf der einen Seite einen Spielplatz und auf der anderen Seite eine freie Wiese, auf der ein dreiteiliges Kreuz zu sehen ist, das Versöhnungskreuz. Dieses besteht aus drei Teilen, zwei rostfarbenen und einem blauen Kreuz. Die rostfarbenen Kreuze symbolisieren die zwei verfeindeten Seiten, während das blaue Kreuz für die Versöhnung steht.
Auf meinem ungefähr einstündigen Spaziergang im herbstlichen Prager Stadtteil Weißer Berg (Bílá Hora) bin ich ungefähr drei bis vier Personen begegnet. Abseits von der sehr lebhaften Altstadt, in der ich während meines Praktikums hier wohne, habe ich für mich einen neuen Stadtteil mit seiner besonderen Geschichte entdeckt, den ich allen ans Herz legen kann. Ob für einen historischen Deep-Dive, einen Gottesdienst, kurzes Gebet oder für einen kleinen Spaziergang: für jeden ist an diesem Ort etwas dabei.

Liebe Leserinnen und Leser, ich heiße Marina Schepetow und absolviere gerade beim LandesEcho mein Praktikum. Ich bin zwar in Mühldorf am Inn geboren, fühle mich aber eher wie eine Münchnerin. Die meiste Zeit meines Lebens habe ich dort gelebt, wenn ich nicht gerade in Moskau, Augsburg oder Regensburg in der Schule oder an der Universität studiert habe. Ich bin in den letzten Zügen meines Masterstudiums der Ost-West-Studien und freue mich auf die verbleibenden Wochen in Prag.
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