Eine Parlamentsresolution, Proteste und hitzige Debatten in den sozialen Medien konnten nicht verhindern, dass der Sudetendeutsche Tag in Brünn zu einem Erfolg wurde. Ein Kommentar von LandesEcho-Chefredakteur Manuel Rommel.
Wer am Sonntag zum Sudetendeutschen Tag nach Brünn (Brno) fuhr, sah nicht etwa zuerst Lederhosen und bunte Trachten. Begrüßt wurde man vom Straßenrand der Zufahrt zum Messegelände von etwa einem Dutzend Gegnern der Veranstaltung, ausgestattet mit tschechischen Fahnen und Transparenten in (oft fehlerhafter) deutscher Sprache – etwa „Heim ins BRD“.
Als vor einigen Monaten bekannt wurde, dass der Sudetendeutsche Tag erstmals in seiner Geschichte tatsächlich in Tschechien stattfinden würde, waren die Befürchtungen groß. Kritiker warnten vor einer Provokation, vor einer Belastung der deutsch-tschechischen Beziehungen und vor einer Wiederbelebung alter Konflikte. Noch eine Woche vor der Veranstaltung verabschiedete das tschechische Abgeordnetenhaus – angetrieben von der an der Regierung beteiligten rechtsextremen Partei von Tomio Okamura – eine Resolution gegen das traditionelle Pfingsttreffen der Sudetendeutschen in der mährischen Metropole. In den sozialen Medien wurde mitunter der Eindruck erweckt, als stünde das Land vor einer historischen Zerreißprobe. Die Sorge vor Ausschreitungen hat sicher auch den einen oder anderen Besucher von der Veranstaltung ferngehalten.
Die große Eskalation blieb aus
Nach vier Tagen Sudetendeutschem Tag in Brünn bleibt davon aber erstaunlich wenig übrig. Ja, es gab Proteste. Das ist in einer demokratischen Gesellschaft legitim. Doch bei den meisten Veranstaltungen fanden sich lediglich einige Dutzend Demonstranten ein. Zu einem großen Teil handelte es sich dabei über die einzelnen Tage hinweg um dieselben Personen – einfach zu erkennen an den immer gleichen Transparenten oder doch ziemlich fraglichen „Verkleidungen“ als KZ-Häftling. Selbst die große Protestkundgebung mit etwa 2500 Menschen am Sonntag und mit Ex-Präsident Miloš Zeman als Redner blieb überschaubar und friedlich. Die vielfach beschworene Eskalation blieb aus. Weder kam es zu diplomatischen Verstimmungen zwischen Prag und Berlin noch zu gesellschaftlichen Verwerfungen. Stattdessen sah man Politiker, Vertreter der Zivilgesellschaft, Sudetendeutsche und Tschechen miteinander sprechen, diskutieren und gemeinsam der Opfer von Krieg, Nationalsozialismus und Vertreibung gedenken. Alle genossen sichtlich diesen Sudetendeutschen Tag – also ganz anders als Motoristen-Außenminister Petr Macinka bei seinem Besuch in Berlin vor zwei Wochen prophezeite.
Das bedeutet nicht, dass es keine unschönen Begleiterscheinungen gegeben hätte. Die Schmierereien am Mahnmal in Pohrlitz (Pohořelice) oder an Einrichtungen der deutschen Minderheit zeigen, dass nationalistisches Denken keineswegs verschwunden ist. Gerade deshalb fällt ins Gewicht, dass diese Vorfälle das Wochenende nicht geprägt haben.
Die deutsch-tschechischen Beziehungen sind heute deutlich stärker, als manche wahrhaben wollen. Sie beruhen längst nicht mehr allein auf Regierungserklärungen oder diplomatischen Gesten. Über Jahrzehnte ist ein dichtes Netz aus Städtepartnerschaften, Kulturprojekten, Schulkooperationen, Vereinen, Unternehmen und persönlichen Freundschaften entstanden. Es sind diese Beziehungen von unten, die das Fundament der Verständigung bilden. Sie lassen sich weder durch Parlamentsresolutionen noch durch hassvolle Kommentare in sozialen Medien erschüttern. „Das Bild eines Landes, verängstigt und aufgewühlt von den Sudetendeutschen, war nichts weiter als eine geschickt inszenierte virtuelle Hysterie“, wie Tomáš Lindner von der tschechischen Wochenzeitschrift Respekt treffend kommentierte.
Begegnung statt Vergangenheit
Wer die Veranstaltungen in Brünn – in oder auch außerhalb der Messehalle – besucht hat, konnte beobachten, dass dort keineswegs über Gebiets- und Eigentumsansprüche oder die Rückkehr in die Vergangenheit diskutiert wurde. Die Beneš-Dekrete waren in keiner einzigen Rede ein Thema. Im Mittelpunkt standen vielmehr Fragen gemeinsamer Erinnerung, europäischer Verantwortung und künftiger Zusammenarbeit. Allein die Anwesenheit der vor der Shoah geretteten „Winton-Kinder“ Eva Paddock und Milena Grenfell-Baines sowie von Sir Nicholas Wintons Sohn Nick Winton zeigte, wie wenig die Vorwürfe vieler Kritiker zur Realität des Sudetendeutschen Tags passten. Wer Holocaust-Überlebende und ihre Familienangehörigen als Ehrengäste begrüßt, verfolgt offenkundig andere Ziele als die von manchen Gegnern unterstellte Geschichtsrevision.
„Alles Leben ist Begegnung“ lautete das Motto dieses 76. Sudetendeutschen Tags. Die vier Tage in Brünn haben wiederholt deutlich gemacht, dass deutsch-tschechische Verständigung heute längst keine Vision mehr ist, sondern gelebte Realität. Das zeigte sich beim „Langen Tisch“ auf dem Mährischen Platz am Freitag genauso wie beim Versöhnungsmarsch am Samstag und den vielen weiteren, auch kleineren Veranstaltungen des Sudetendeutschen Tags, bei denen Menschen miteinander ins Gespräch kamen.
Wenn also nächstes Mal von politischer Seite wieder die „anti-deutsche“ Karte ausgespielt wird, täte etwas mehr Gelassenheit gut. Die Wirklichkeit der deutsch-tschechischen Beziehungen ist heute längst weiter als manche politische Debatte.
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