Die Trockenheit hat am Lipno-Stausee Spuren eines Ortes sichtbar gemacht, der seit Jahrzehnten unter Wasser liegt. In Untermoldau (Dolní Vltavice) kamen Grabsteine eines früheren Friedhofs zum Vorschein. Historiker haben zwölf davon geborgen und versuchen nun, mehr über die Menschen hinter den Namen herauszufinden.
Der niedrige Wasserstand ermöglicht in diesem Jahr Einblicke in Orte, die seit dem Ende der 1950er Jahre nicht mehr zugänglich waren. Seit rund zehn Jahren beschäftigen sich Historiker mit den Überresten der Landschaft, die mit dem Bau des Lipno-Stausees verschwand. Die jüngsten Funde sollen nun nicht nur gesichert, sondern auch mit persönlichen Schicksalen verbunden werden.
Museum sucht Gesichter zu den Namen
Gemeinsam mit Denkmalschützern und den zuständigen Wasserbehörden bargen Historiker zwölf steinerne Relikte aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Mitte der 1950er Jahre war der Friedhof in Unter Moldau aufgelöst worden. Ein Teil der Verstorbenen wurde nach Schwarzbach (Černá v Pošumaví) umgebettet, die Grabsteine anschließend hinter der Friedhofsmauer gesammelt.
Fotos: Klára Sváčková, Museum Fotoatelier Seidel
Das Museum Fotoateliér Seidel in Böhmisch Krumau (Český Krumlov) versucht nun, den Inschriften auf den Steinen konkrete Biografien zuzuordnen. Dabei kann es auf einen Bestand von rund 150.000 Glasplatten und Negativen aus der Zeit seit dem späten 19. Jahrhundert zurückgreifen. Einen ersten Zusammenhang konnten die Mitarbeiter bereits herstellen: Zu einem Mädchen, das im Alter von drei Jahren an einer Blinddarmentzündung starb, fanden sie Aufnahmen ihres Vaters und weiterer Angehöriger.
Aus solchen einzelnen Hinweisen soll nach und nach ein umfassenderes Bild der früheren Dorfgemeinschaft entstehen. Museumsdirektorin Zdena Mrázková beschreibt die Arbeit als ein Mosaik aus Namen, Fotografien und familiären Verbindungen. Am Ende könnte daraus eine Gedenkausstellung entstehen – möglicherweise direkt in Untermoldau, wo die Grabsteine entdeckt wurden.
Ein Dorf verschwindet unter dem Stausee
Untermoldau blickte auf eine Geschichte zurück, die bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts reichte. Der Ort verfügte über eine Kirche, ein Pfarrhaus und eine Schule und lag an der Handelsverbindung zwischen Budweis (České Budějovice) und Passau. Mehr als 400 Menschen lebten dort, die Mehrheit von ihnen gab die deutsche Staatsangehörigkeit an. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie vertrieben. Mit dem Bau des Lipno-Staudamms verschwand schließlich auch der Ort selbst. Seit 2016 beschäftigen sich Historiker intensiver mit der untergegangenen Landschaft.





