Eigentlich wollte unsere Landesbloggerin schon am frühen Nachmittag die Neue Welt besuchen, ging wegen einem überraschendem Regeneinbruch allerdings erst einige Stunden später hin. Im Nachhinein nicht schlimm, wie ihr auffiel. Denn als sie so durch die Gassen lief, zeigte sich das Viertel nach dem Wetter von seiner besten Seite.
Die Neue Welt (Nový Svět) im Stadtteil Hradschin (Hradčany) ist bekannt für seine ruhigen Gassen… oder auch nicht. Denn genau das ist der Punkt. Obwohl das Viertel nur fünf Minuten zu Fuß hinter der Prager Burg liegt, läuft man hier selbst in der Haupttouristensaison kaum einer anderen Person über den Weg. Ich bahne mir langsam meinen Weg durch die verwinkelten Gassen. Vergleichsweise kleine Häuser stehen hier dicht an dicht nebeneinander. Ihre Silhouetten haben auf mich eine ganz andere Wirkung als die Häuser, die ich normalerweise in Prag erlebe. Es wirkt fast, als hätte ich die Großstadt verlassen und wäre in einem Märchendorf gelandet.
Eine Sache fällt mir direkt auf: An den Häusern finden sich immer wieder Inschriften oder Schilder. Die meisten davon enthalten das tschechische Wort „zlaté“, was übersetzt „golden“ bedeutet. Bezeichnungen wie U Zlaté hrušky (Zur goldene Birne), U Zlatého beránka (Zum goldenen Lamm) oder U Zlatého hroznu (Zur goldenen Traube) begleiten mich von Haus zu Haus. Ich erinnere mich an den Fakt, dass es in Tschechien früher üblich war, dass Häuser Namen statt Nummern hatten. Doch was hat es mit dem Begriff „Gold“ auf sich, der sich an so vielen Fassaden wiederfindet?

Die 700 Jahre alte Neue Welt
Dass so viele Häuser etwas mit Gold zu tun haben, ist kein Zufall. Die Neue Welt gehörte lange zu den armen Vierteln in Prag. Im 19. Jahrhundert lebten hier vor allem die Bediensteten und Hofangestellten der Prager Burg, also Menschen mit niedrigem Rang und wenig Geld. Die goldenen Namen sollten von ihrem sozialen Status ablenken und den Bewohnerinnen und Bewohnern unter den wohlhabenderen Menschen der Stadt etwas mehr Ansehen verschaffen. Die Bezeichnung „goldenes Viertel“ wirkt auf mich heute dagegen wie eine Beschreibung seiner Atmosphäre.
Gegründet wurde die Neue Welt bereits in der Mitte des 14. Jahrhunderts. Das Viertel lag direkt an der alten Stadtmauer und bildete damit ein kleines Wohnviertel im Schatten der Prager Burg. Eine ironische Metapher, wenn man bedenkt, dass auch seine Bewohnerinnen und Bewohner im Schatten des Adels auf der Prager Burg standen.
Der Name des Viertels wirkt erstmal irreführend. Wieso heißt ein Ort, den es schon so viele Jahrhunderte gibt, „Neue Welt“? Im 15. und 16. Jahrhundert vernichteten zwei größere Brände Teile des Viertels. Wegen der starken Zerstörung musste es neu aufgebaut werden. Seitdem trägt das Viertel diesen Namen.

Zwischen kleinen Häusern und verwinkelten Gassen
Während ich weiterlaufe, merke ich, wie entspannt ich bin und wie wohl ich mich fühle. Es gibt keine großen Sehenswürdigkeiten, vor denen sich erdrückende Touristenmassen sammeln. Keine Reisegruppen, keine langen Schlangen und keine Souvenirläden, die mich daran erinnern, dass ich mich in einer der touristischsten Städte Europas befinde. Stattdessen entdecke ich ein gelbes Haus, kleine Fenster und immer wieder Details, an denen ich auf meinem Weg Halt mache, um sie genauer zu betrachten.
Besonders auffällig ist das Haus U Raka (Zum Krebs). Das kleine Holzhaus hebt sich deutlich vom Rest des Viertels ab und bildet seine ganz eigene Kulisse. Das Fachwerkhaus gilt das älteste erhaltene Bauwerk seiner Art in ganz Prag.
Wer die Neue Welt kennt, weiß um seine unscheinbare, aber malerische Atmosphäre. Und auch auf mich macht dieser Ort mit jedem Schritt mehr diesen Eindruck. In Kombination mit dem vom Sonnenuntergang gold gefärbten Himmel bietet sich mir eine romantische Kulisse. In den 1960er Jahren haben sich das auch viele Künstlerinnen und Künstler gedacht. Zu der Zeit zogen immer mehr Dichter, Schriftsteller und andere Künstlern in die Neue Welt. Was früher ein armes Viertel hinter der Prager Burg war, wurde damit zu einem Ort der Kreativität.
Entspannung in der Touristenhochburg
Ich bin eine Stunde lang unterwegs und begegne vielleicht fünf weiteren Menschen. Mitten in der Haupttouristensaison im Sommer ist das in Prag eher ungewöhnlich. Die Neue Welt liegt quasi neben einem der bekanntesten Wahrzeichen Prags und trotzdem bin ich in seinen Gassen zeitweise ganz alleine.
Der Regen vom Nachmittag hat mittlerweile seine Spuren hinterlassen. Auf den gepflasterten Wegen glänzen noch einzelne feuchte Steine. Der Himmel erstrahlt in einem goldenen Ton und die letzten Sonnenstrahlen tauchen die Häuser des „goldenen Viertels“ in einen warmen Schleier.
Das könnte sie auch interessieren
Die Augen der Moldau
Zwischen Cafés, Bars und dem aufgeregten Treiben an der Moldau blicken sie auf die Stadt und das Flussufer: Die riesigen Augen der Náplavka. Was heute als architektonisches Wahrzeichen gilt, ist das Ergebnis einer außergewöhnlichen Revitalisierung.
Mehr…



