Der Eisverkäufer Anton Lepschi.
Der Eisverkäufer Anton Lepschi. Credit: Atelier Seidel

Rund 170 000 Fotografien aus Böhmisch Krummau bewahren die Erinnerung an eine untergegangene deutsch-tschechische Lebenswelt. Eine neue Ausstellung im Fotoatelier Seidel zeigt nun erstmals eine große Auswahl der historischen Aufnahmen öffentlich.

Eine der großen Schwierigkeiten für die Angehörigen der zweiten und dritten Generation der nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Tschechoslowakei vertriebenen Sudetendeutschen besteht darin, dass sie sich zu der Lebenswirklichkeit ihrer Vorfahren kaum Zugang verschaffen können. Wo lebten sie? Wie sahen ihre Häuser aus? Wie die Gesellschaft, deren Teil sie waren? Im südböhmischen Böhmisch Krummau (Český Krumlov) ist das anders – dank des Fotografen Franz Seidel, der dafür sorgte, dass das von seinem Vater im Jahr 1886 übernommene Fotoatelier samt den darin aufbewahrten Fotoplatten erhalten blieb. Rund 170 Tausend Negative, Porträts, Stadtansichten, Landschaftsaufnahmen, vermitteln das vielfältige Bild einer Welt, die 1945 aufhörte zu existieren. 

Heute ist das Fotoatelier Seidel öffentlich zugänglich. Seit Anfang dieses Jahres gehört es zum Regionalmuseum Český Krumlov, das diesem in Europa wohl einzigartigen Fotoatelier nun eine Ausstellung widmet. Eine große Auswahl des fotografischen Werks von Josef und Franz Seidel wird dort zum ersten Mal öffentlich gezeigt.

Ein Eisverkäufer erzählt Geschichte

Mitten in der Altstadt, an der Straßenecke Latrán, Nové Město, wo heute Touristen ihre Rollkoffer über das Kopfsteinpflaster zerren, lichtete Franz Seidel vor knapp hundert Jahren einen Eisverkäufer ab. In gestreiftem Anzug, mit geputzten Schuhen, ordentlich gezogenem Seitenscheitel und Fliege steht er hinter seinem Wägelchen und lächelt ein wenig verlegen in die Kamera. In seiner Rechten hält er eine Eistüte, seine Linke steckt in einem der beiden Eisbehälter. Vielleicht hat Franz Seidel ihm aufgetragen, er soll ein Eis machen, damit das Foto nicht so gestellt wirkt.

Diese Aufnahme aus dem städtischen Alltag, entstanden um das Jahr 1935, hängt in der Ausstellung an einer Tafel, die das Gewerbeleben der Stadt vorstellt. Wie viele dieser Bilder offenbart es verschüttetes Wissen über diese frühere Gesellschaft, sobald man es sich genauer ansieht. Vorn auf dem Eiswägelchen steht „Anton Lepschi – Konditorei“, seitlich auf einem diagonalen Schriftzug „Gefrorenes“. Darüber preist ein geschwungenes Schild „Zmrzlina“ an. Die Zweisprachigkeit war selbstverständlich, verrät dieses Bild, das vom Neben- und Miteinander tschechisch- und deutschsprachiger Bewohner erzählt.

Gesichter einer verschwundenen Gesellschaft

Für die historische Forschung sind diese Fotos eine unerschöpfliche Quelle, zumal die Fotografen Josef und später sein Sohn Franz Seidel neben dem Kerngeschäft der Porträtaufnahmen mit ihrer Ausrüstung auch in den umliegenden Böhmerwald zogen. Experimentierfreudigkeit trieb sie an – damals entwickelte sich gerade die Landschaftsfotografie –, und auch Geschäftssinn, denn sie suchten Motive für Ansichtskarten, die sie später in einem eigenen Postkartenverlag vertrieben. Heute ist es von besonderem Wert, dass die Fotografen sich auch für den Alltag des Landlebens interessierten. Ernteszenen, Volksfeste, Angler, perfekt ausgeleuchtet erwachen sie alle in der Ausstellung zu neuem Leben. 

„Da die alten Platten mit einem Maß von oft 30 mal 40 Zentimeter eine sehr hohe Auflösung haben, kann man die Fotos fast beliebig vergrößern“, erklärt die Historikerin Zdena Mrázková, die Leiterin des Fotoatelier. In ihrer Beschäftigung mit den Bildern treten ihr aus den Aufnahmen immer wieder unerwartete Dinge entgegen. Auf dem Foto von einem Volksfest ist eine Musikkapelle zu sehen. „In der Vergrößerung“, erzählt Mrázková, „konnte ich auf einmal die Notenblätter lesen“. Auf dieser Grundlage konnte das Lied rekonstruiert werden. Heute ist es wieder Teil des Repertoires der lokalen Orchester.

Zentral für die Erforschung der früheren Einwohnerschaft Böhmisch Krummaus bleibt aber die Porträtfotografie. Über Jahrzehnte porträtierten die beiden Fotografen Frauen, Männer, Kinder, Familien. Zu Taufen, Verlobungen, Hochzeiten, runden Geburtstagen, Einberufungen ging man zu Josef Seidel, später zu seinem Sohn Franz, um sich im ersten Stock des Studios in einer Art Wintergarten fotografieren zu lassen. Große Volants konnten dort hin und her geschoben werden, um das Tageslicht zu dosieren. Für die bürgerlichen Selbstinszenierungen standen gemalte Kulissen zur Verfügung, dazu Requisiten wie Fahrräder oder Gewehre. Dass die Negative samt Auftragsbüchern erhalten sind, ist in seiner Bedeutung kaum zu überschätzen, denn auf diese Weise lassen sich den Porträtierten heute Namen und Adressen zuordnen. Um zu begreifen, was für ein seltener Glücksfall hier vorliegt, muss man sich die damaligen Hergänge noch einmal klarmachen.

Versteckt auf dem Dachboden

Als in den Jahren 1945 und 1946 die deutschsprachige Bevölkerung zwangsausgesiedelt wurde, verlor die Stadt fünf bis sechstausend Menschen, etwa zwei Drittel ihrer Einwohner. Die Einteilung in diejenigen, die gehen mussten, und diejenigen, die bleiben durften, war allerdings nicht so eindeutig. Das zeigt unter anderem das Foto des Eisverkäufers Anton Lepschi. Auch er musste die Tschechoslowakei verlassen, obwohl er „zmrzlina“ verkaufte, obwohl sein Familiename lediglich die deutsche Schreibweise des tschechischen „lepši“ ist (dt. „besser“).

Nachdem die Ausweisung der deutschsprachigen Bevölkerung abgeschlossen war, machte man sich daran, deren Spuren zu beseitigen. Die Straßen wurden umbenannt, die deutschsprachigen Schriftzüge über den Geschäften überpinselt. Friedhöfe eingeebnet, Denkmäler abgerissen. Die leer gewordenen Häuser wurden enteignet und geplündert. 

Während all das geschah, befanden sich die 170 Tausend Negative, die meisten noch auf belichteten Glasplatten, im Gebäude des Fotoatelier. Franz Seidel, ein bekennender Antifaschist, der mehrmals von der Gestapo verhaftet worden war, durfte in Böhmisch Krummau bleiben, aber er musste damit rechnen, dass sein Archiv ebenfalls der Säuberung zum Opfer fallen würde. So machte er sich daran, die Kisten mit den Fotoplatten auf dem Dachboden zu verstecken, in den Zwischenböden, an verschiedensten Stellen in dem Ateliergebäude, in dem er gleichzeitig wohnte. Über Jahrzehnte teilten er und seine Familie ihr Dach mit den Schatten der vertriebenen Stadtbewohner.

Der Dachboden mit den Kisten.
Der Dachboden mit den Kisten. Credit: Stefanie Gerhold

Eine Brücke in die Vergangenheit

Der Kunsthistoriker Ivan Slavík, einer der Kuratoren der Ausstellung, gehörte zu den ersten, die nach dem Tod von Franz Seidel und dessen Frau in den Neunzigerjahren das Haus betraten, das sein Geheimnis bis dahin gehütet hatte. „Die Glasplatten auf dem Dachboden waren über Jahre winterlichen Temperaturen von minus zwanzig Grad und Sommerhitze von bis zu vierzig Grad ausgesetzt“, erklärt er. „Niemand konnte damit rechnen, dass die lichtempfindliche Beschichtung das überstanden hatte.“ Wenn Slavík davon erzählt, vermittelt sich der Eindruck, das Erlebnis habe einer Epiphanie geglichen, als er die erste Platte gegens Licht hielt und darauf ein Bild erschien.

Seitdem ist viel geschehen. In den letzten zwanzig Jahren hat die Stadt Böhmisch Krummau das Ateliergebäude aufwändig restauriert und in den Originalzustand vom Beginn des 20. Jahrhunderts zurückversetzt. Im Garten wachsen Rosen, in den Innenräumen leuchtet wieder das florale Jugendstildekor. Das Ensemble ist heute samt der Laborräume als Museum öffentlich zugänglich. Die Lebensleistung von Josef und Franz Seidel wird in Filmen dargestellt, historische Geräte vermitteln die technische Entwicklung der Fotografie. So gelingt es, eine Brücke zur Vergangenheit zu schlagen, und wer möchte, kann auch selbst in der Zeit zurückwandern. Ein Fundus an Kostümen und Requisiten steht bereit, in denen Besucher sich wie die Herrschaften am Anfang des 20. Jahrhunderts in dem Glaspalast ablichten lassen können. Womöglich im gleichen Look wie ihre vertriebenen Großeltern.

Außenansicht des Fotoatelier Seidel heute.
Außenansicht des Fotoatelier Seidel heute. Credit: Stefanie Gerhold

Auf Spurensuche nach den Vorfahren

Die Recherche selbst wird den Nachfahren seit kurzem dadurch erleichtert, dass das gesamte Fotoarchiv in einer tschechisch-österreichisch-deutschen Kooperation digitalisiert wird. „Die Arbeit ist fast abgeschlossen“, berichtet Zdena Mrázková. Dass ihr mit dem Archiv die Zeugnisse einer verwundeten Gesellschaft in die Hände gelegt wurden, ist ihr sehr bewusst. „Es gibt Leute“, erzählt sie, „die sich mehrmals in ihrem Leben von Seidels fotografieren ließen. Bei einer Frau ist mir irgendwann aufgefallen, dass sie auf jedem Foto dasselbe Schmuckstück trägt“. Wenn sie von ihrer Auseinandersetzung mit den alten Aufnahmen erzählt, hört man fast den Wunsch, diese Menschen wären noch da.

Die Aufgabe, zerrissene Verbindungen in den nach der Vertreibung oftmals versprengten Familien wieder herzustellen, nimmt Mrázková außerordentlich ernst. Wöchentlich bekommt sie Anfragen von Menschen aus Deutschland, Österreich, von überall her, die nach ihren Krummauer Vorfahren suchen. Erst kürzlich, berichtet sie, konnte nach jahrelangen Nachforschungen, bei denen das Fotoatelier Seidel half, in dem Städtchen Oberplan (Horní Planá) der Wohnsitz der aus Glöckelberg (Zvonková) stammenden jüdischen Familie Schwarz ausfindig gemacht werden. Nun wurden dort Stolpersteine verlegt, die an die deportierte Familie erinnern.

Der Eisverkäufer Anton Lepschi landete im oberösterreichischen Linz, wo er wieder eine Konditorei eröffnete. Eine aus Leipzig angereiste Großnichte hat ihn und weitere Mitglieder ihrer Familie vor einigen Monaten in der Datenbank des Fotoatelier Seidel gefunden. Als sie anschließend die Adressen der Häuser aufsuchte, wurde die Geschichte zum ersten Mal für sie greifbar. 

Dieser beitrag erschien zuerst in der landesecho-ausgabe 6/2026

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