Jeden Freitag stellen wir in unserer „True-Crime“-Reihe einen der spektakulärsten Kriminalfälle Tschechiens vor. Heute geht um einen Täter, dessen junges Alter und extreme Brutalität das Land in den 1980er Jahren in Atem hielten: Jiří Straka – besser bekannt als der „Spartakiade-Killer“

Der „Spartakiade-Killer“ (tsch: Spartakiádní vrah) Jiří Straka wird am 14. April 1969 in Prag geboren. Er wächst in einer Arbeiterfamilie auf und gilt als sensibles und emotionales Kind. Bereits mit acht Jahren wird er wegen neurotischer Störungen behandelt. Trotz eines überdurchschnittlichen IQs von 125 zeigt Straka früh Verhaltensauffälligkeiten und schlechte schulische Leistungen. Im Jahr 1983 beginnt er eine Ausbildung zum Bergmechaniker in einem Internat in Stochau (Stochov) bei Kladen (Kladno). Während Straka unter der Woche im Internat lebt, nutzt er die Wochenenden in Prag, um seine dunklen Fantasien auszuleben. Zwischen Februar und Mai 1985 verübt der damals 15- beziehungsweise 16-Jährige in Prag insgesamt elf schwere Straftaten, darunter mehrere brutale Überfälle, Vergewaltigungen und drei Morde an Frauen.

Milena H. kommt nochmal davon

Am 17. Februar gegen 21.00 Uhr lauert Straka der 19-jährigen Milena H. in einer bewaldeten Schlucht in der Nähe der Novodvorská-Straße im Stadtteil Braník auf. Er wirft sie zu Boden und versucht sie sexuell zu belästigen. Milena schafft es jedoch, ihn zum Aufhören zu bewegen, indem sie vorgibt, mit ihm nach Hause zu gehen. Als sie ein bewohntes Gebiet erreichen, schreit sie laut um Hilfe. Straka flieht, raubt jedoch zuvor noch ihr Geld.

Brutale Angriffe auf zwei Studentinnen

Am 15. März befindet sich eine 18-jährige Studentin gegen 21.30 Uhr mit der Straßenbahn auf dem Heimweg in Richtung des Stadtteiles Vokovice. Nachdem sie aussteigt, bemerkt sie, dass sie jemand verfolgt. An der Gartentür ihres Hauses schlägt Straka ihr hinterrücks mit einem Pflasterstein auf den Kopf. Sie fällt zu Boden und ruft um Hilfe, woraufhin Straka ihre Tasche stiehlt und flieht.

Zehn Tage später, am 25. März, greift Straka eine weitere, 19-jährige Studentin von hinten an, packt sie fest an den Armen und wirft sie auf den Rücken. Mehrfach versucht er, ihr die Handtasche von der Schulter zu reißen. Erst beim dritten Versuch gelingt es ihm, ihre heftige Gegenwehr zu brechen und mit der Tasche zu entkommen.

Medizinstudentin entkommt nur knapp Strakas Angriff

In der Nacht vom 1. auf den 2. April verfährt sich die 18-jährige Medizinstudentin Ludmila Š. auf ihrem Heimweg mit der Straßenbahn und landet im Stadtteil Holešovice. Da sie sich dort nicht auskennt und nicht weiß, wie sie zurückkommt, spricht sie Straka an und bittet ihn um Hilfe. Er bietet an, sie nach Hause zu begleiten. Auf dem Weg erzählt Straka ihr private Details über seine Schule in Kladen und berichtet von Problemen mit dem neuen Direktor. Vor ihrer Haustür versperrt Straka ihr plötzlich den Weg und beginnt, Ludmila Š. unangemessen zu berühren. Als sie versucht, sich loszureißen, packt er sie von hinten mit dem Unterarm und würgt sie, bis sie beinahe das Bewusstsein verliert. Um sich zu retten, täuscht Ludmila Š. Kooperation vor und schlägt vor, für den Geschlechtsverkehr in den warmen Keller ihres Hauses zu gehen. Während Straka im Hausflur nach der Kellertür sucht, flieht Ludmila ins Hochparterre ihres Wohnhauses und schlägt bei ihren Nachbarn Alarm. Straka entkommt mit ihrer Tasche.

Der Mord in der Waldschlucht in Braník

Am Abend des 8. April begeht Straka in der bewaldeten Schlucht in der Nähe der Novodvorská-Straße in Braník seinen ersten Mord. Dort hatte er einige Wochen zuvor schon die 19- jährigen Milena H. überfallen. Zufällig trifft er auf die 23-jährige Alice P., die auf dem Weg zu ihrem Freund ist. Wie auch der 19-jährigen Milena H. lauert er Alice P. auf. Er überwältigt sie mit einem Würgegriff von hinten, woraufhin Alice das Bewusstsein verliert, und zerrt sie tiefer in die bewaldete Schlucht. Straka vergewaltigt sie und tötet sie anschließend auf grausame Weise: Er presst ihr Unterwäsche, Lehm und Steine in den Mund und schiebt ihr Blätter in die Nasenlöcher, sodass sie erstickt. Danach versteckt er die Leiche unter einer Laubschicht.

Der brutale Streifzug in Hloubětín

Am 4. Mai kurz nach lauert Straka der 54-jährigen Vlasta Š. im Stadtteil Hloubětín auf, die gerade vor ihrem Haus nach ihren Schlüsseln sucht. Wie bei den vorigen Opfern setzt er auch diesmal seinen typischen Würgegriff von hinten ein, bis Vlasta Š. das Bewusstsein verliert. Im Licht einer Straßenlaterne bemerkt er, dass sie deutlich älter ist, als er vermutet hat. Er sieht daher von einem sexuellen Übergriff ab, bindet jedoch eine Schnur mit mehreren Knoten fest um ihren Hals und raubt auch sie aus. Anschließend schleift er sie auf die Ladefläche eines nahegelegenen Lieferwagens, wo er sie sich selbst überlässt. Vlasta überlebt wie durch ein Wunder und schleppt sich zu einem Nachbarn, der die Schnur durchtrennt und sie damit rettet.

Noch in derselben Nacht trifft Straka ebenfalls in Hloubětín auf die 30-jährige Ärztin Věra F. In der Zelenečská-Straße überwältigt er sie – wie seine letzten Opfer – von hinten, schleppt Věra F. in ein Blumenbeet und schlägt ihr mehrfach mit dem Absatz ihres verlorenen Schuhs auf den Kopf ein, bis sie bewusstlos wird. Als sie kurz wieder zu sich kommt, bittet sie ihn, mit ihr vor ihr Haus zu gehen, da sie dort nicht so viel Angst hat. Straka hilft ihr auf, warnt sie jedoch, ihn nicht anzusehen. Als Věra F. vor ihrem Haus laut zu schreien beginnt, bringt er sie gewaltsam zu Boden und würgt sie. Anschließend vergewaltigt er sie, erdrosselt sie mit dem Trägerband ihres BH und raubt sie aus.

Auch das nächste Opfer wird erdrosselt

Am 16. Mai schlägt Straka im Morgengrauen im Stadtteil Bubeneč erneut zu. Er greift die 28-jährige Martha M. vor einem Obst- und Gemüseladen an und zerrt sie in das Gebäude. Dort wirft er sie zu Boden, würgt sie mit einer Polsterschnur und vergewaltigt sie. Als er bemerkt, dass sie noch lebt, reißt er ihr ein Gummiband vom BH und einen Lederriemen vom Pullover und drosselt sie erneut – diesmal mit mehreren Schlingen. Martha M. stirbt auf ähnliche Weise wie zuvor Věra F.

Ermittler suchen den Spartakiade-Killer unter massivem Druck

Im Zusammenhang mit den Morden an Alice P., Věra F. und Marta M. stellen die Ermittler Übereinstimmungen fest: Alle drei wurden erdrosselt. An jedem der Opfer werden Metallpartikel festgestellt, die eindeutig aus industrieller Produktion stammen, ein wichtiger Hinweis, der die Ermittler auf Straka lenkt, der an seinem Internat in Stochov eine Ausbildung zum Bergmechaniker absolviert. Zudem wird bei allen Opfern Sperma der Blutgruppe A gefunden. Damit bestätigt sich die Annahme der Ermittler, dass ein Serientäter in Prag aktiv ist. Aufgrund der bevorstehenden sechsten tschechoslowakischen Spartakiade, einer sozialistischen Massengymnastik-Veranstaltung im Strahov-Stadion in Prag, und der erwarteten Ankunft von fast 80.000 jungen Turnerinnen herrscht große Angst vor weiteren Angriffen. Auch wenn diese erst später anfängt, wird Straka als „Spartakiade-Killer“ bekannt.

Der politische Druck steigt, da das Innenministerium und die kommunistische Parteiführung einen Skandal fürchten. Sie drängen auf schnelle Ermittlungserfolge. Aufgrund dessen nehmen die Ermittler auch frühere, zunächst isoliert betrachtete Sexualdelikte erneut unter die Lupe. Dabei rücken auch die Überfälle auf Milena H. und Ludmila Š. erneut in den Fokus der Ermittlungen. Zuvor hatte man ihre Fälle aufgrund des vermuteten jungen Alters des Täters nicht mit den Morden an den im Vergleich älteren Frauen Alice P., Věra F. und Marta M in Verbindung gebracht.

Ludmila Š. liefert Hinweise, die zu Strakas Festnahme führen

Den entscheidenden Durchbruch liefert schließlich Ludmila Š., die Medizinstudentin, die sich kurz vor der geplanten Vergewaltigung Strakas im Keller ihres Wohnhauses, zu ihren Nachbarn retten konnte. Sie erinnert sich nicht nur an das Aussehen des Täters, sondern auch daran, dass er Details über sein Bergbau-Internat in Stochov sowie über dessen Direktor preisgab. Diese Hinweise führen die Ermittler direkt zu Jiří Straka. Am 22. Mai 1985 wird er während des Unterrichts im Internat festgenommen. Bei der Durchsuchung seines Spinds entdecken die Beamten den Personalausweis von Ludmila Š. und Schmuckstücke weiterer Opfer. Straka legt außerdem ein umfassendes Geständnis ab. Das Gericht verurteilt ihn wegen dreifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs, fünffacher Vergewaltigung sowie zahlreicher Raub- und Diebstahlsdelikte. Aufgrund seiner Minderjährigkeit zum Tatzeitpunkt wird er zur gesetzlichen Höchststrafe von zehn Jahren verurteilt.

Haftentlassung und der Neuanfang unter neuem Namen

Im Mai 1994 wird sein Strafmaß durch den damaligen Präsident Václav Havel gemildert. Dadurch kommt er ein Jahr früher, im Alter von 25 Jahren, aus dem Gefängnis frei und wird anschließend in die geschlossene Sexualabteilung einer psychiatrischen Klinik im Prager Stadtteil Bohnice eingewiesen. Im Jahr 2004 erfolgt die Verlegung in eine psychiatrische Klinik in Troppau (Opava). Noch im selben Jahr wird er endgültig entlassen. Danach legt er seinen Nachnamen Straka ab und nimmt den Namen Novák an.

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