Kurz nach der Ankunft in Prag entpuppte sich die Unterkunft unserer Landesbloggerin Alina als das Prager Einstein-Haus. Wie es ist, im gleichen Gebäude zu wohnen, in dem der Physiker einst über Formeln zu Raum und Zeit nachdachte – und warum man sich dabei trotzdem nicht automatisch intelligenter fühlt.
Wenn man morgens das Treppenhaus verlässt und unter einer Einstein-Büste vorbeigeht, ist das zunächst nichts Besonderes. Eine Büste eben, an einer normalen Hauswand wie an so vielen hier in Prag. Abbildungen von Wissenschaftlern, Schriftstellern und Politikern zieren die Fassaden und finden sich zu Haufe in der Stadt. Und doch bleibt ein Gedanke hängen: Hier hat Albert Einstein gelebt und bestimmt das ein oder andere Mal über komplizierteste Formeln zu Raum und Zeit nachgedacht, die unser bisheriges Verständnis vom Universum für immer verändert haben. Ich wohne mittendrin – und das vollkommen ohne naturwissenschaftliches Talent.
Mit ein paar schnellen Klicks wird klar: Google Maps weiß erstaunlich viel über diesen Ort. Das Prager Einstein-Haus im Stadtteil Smíchov ist nicht nur als “Sehenswürdigkeit” gelistet, sondern hat auch eine solide 4,5 von 5 Sternebewertung auf Google vorzuweisen. Touristen stehen laut Auslastungsanalyse bevorzugt zwischen 4 und 19 Uhr vor unserer Haustür. Der wöchentliche Besuchs-Peak? Natürlich Sonntag, zwischen 17 und 18 Uhr. Wer jetzt eine Schlange an Interessierten erwartet, die sich geradezu darum reißen, einen Blick auf die Büste vor dem Haus erhaschen zu können, liegt falsch. In meinen zwei Monaten in Prag konnte ich bis jetzt genau eine Familie beobachten, die unter der Büste schräg neben der Tür stand, diese kurz musterte, halbherzig ein Bild machte und dann weiter über die Moldau-Brücke in Richtung Altstadt zog.
Kein Hauch von Geschichte im Treppenhaus
Im Inneren des Hauses erinnert übrigens so gar nichts daran, dass hier einmal einer der einflussreichsten Physiker unserer Zeit ein- und ausging. Vermutlich auch deshalb, weil man – egal nach wie viel Recherche – nicht herausfinden kann, in welchem Stockwerk Einstein mit seiner Familie nun gelebt haben soll. Das sechsstöckige Haus mit Keller umfasst insgesamt 14 Wohnungen. Geht man also davon aus, dass Einstein mit Frau, Kindern und Hausmädchen nicht in einem kleinen Kellerapartment hauste, sondern eine größere Wohnung irgendwo zwischen dem ersten und sechsten Stock bewohnte, so liegt die Wahrscheinlichkeit bei eins zu zwölf, dass dies vielleicht genau mein Apartment war, in dem einige seiner Ideen entstanden. Vielleicht saß der damals erst 32 Jahre alte Professor für Physik dort an seinem Schreibtisch und machte sich mit wirren – damals noch dunklen – Haaren und gespitztem Stift daran, eifrig Formeln auf das Papier zu kritzeln.
Einstein war 1911 nach Prag – das damals noch zu Österreich-Ungarn gehörte – gekommen, um als neu ernannter Professor für theoretische Physik an der Deutschen Universität zu unterrichten. Er blieb insgesamt nur 16 Monate hier, aber sie waren wissenschaftlich entscheidend. Elf wissenschaftliche Arbeiten entstanden, sechs davon befassten sich mit der Relativitätstheorie. Während ich im Physikunterricht versuchte, die Formeln für die nächste Prüfung kurzzeitig irgendwie im Gedächtnis zu behalten, um eine halbwegs gute Note zu erzielen (sicherlich ein Grund, eine Karriere im Journalismus und nicht in der Physik anzustreben), dachte Einstein hier über Raumzeit, Licht und Gravitation nach. Ein Physiker mit herausragenden Fähigkeiten und eine Studentin mit einem Studienfach, das sich maximal weit von der theoretischen Physik entfernt. Wir hätten wohl keine so gute Lerngruppe gebildet.
Den Durchblick behalten bei E=mc²
Im Vorwort der 1923 erschienenen tschechischen Ausgabe seines Buches Über die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie wird deutlich, dass Einstein während seiner Zeit in Prag wichtige Fortschritte bei der Ablenkung von Licht durch Gravitation und zur Rotverschiebung, die wichtige Grundlagen für die spätere allgemeine Relativitätstheorie, sammelte. Einstein half uns, mit seinen Erkenntnissen zu verstehen, wie das Universum wirklich funktioniert. Ohne seine Entdeckungen wären viele technische Entwicklungen und wissenschaftliche Durchbrüche der letzten 100 Jahre kaum möglich gewesen. Oder hätten Sie vermutet, dass es ohne diese heute womöglich keine GPS-Systeme, Solarzellen oder Laser geben würde?
Natürlich stellten sich auch mir nach dem Einzug die wirklich entscheidenden Fragen, die einem in den Kopf kommen, wenn man sozusagen in Einsteins Haus wohnt: Bekommt man automatisch ein paar IQ-Punkte vom Universum geschenkt? Wird man plötzlich gut in Physik? Lösen sich Raumzeit-Formeln wie von selbst? Versteht man den Zusammenhang zwischen Masse, Lichtgeschwindigkeit und Energie, den Bestandteilen einer der wohl berühmtesten Formeln der Welt, der Relativitätstheorie? Natürlich ist das Unsinn – allerdings muss ich zugeben, mich selbst bei der Frage ertappt zu haben, ob ich wohl nach der ersten Nacht im neuen Apartment nicht zumindest ein kleines bisschen etwas schlauer und naturwissenschaftlich begabter geworden bin.

Stationen eines Genies
1912 zog Einstein weiter – erst zurück nach Zürich, später Berlin, schließlich in die USA. Aus Gedanken und Ideen aus Prag wurde mit der Zeit Weltwissen. Viele Städte, in denen Einstein für kürzere oder längere Zeit lebte, erinnern auch heute noch an ihn. Plaketten, Büsten und sogenannte Einstein-Häuser finden sich an verschiedensten Orten, die viele seiner Stationen markieren. Prag ist also nicht allein mit dem Anspruch, ein eigenes Einstein-Haus vorweisen zu können. Am Schwielowsee bei Potsdam steht seine Sommerresidenz, in Bern kann man das Wohnhaus besichtigen, in dem er zwischen 1903 und 1905 mit seiner Frau Mileva und dem gemeinsamen Sohn wohnte. Und in Princeton, New Jersey, steht jenes Haus, das Einstein bis zu seinem Tod 1955 bewohnte und in das nach ihm noch einige weitere Nobelpreisträger und Wissenschaftler zogen. Jede dieser Städte schmückt sich mit dem wissenschaftlichen Glanz ihres berühmten Bewohners – und es ist verständlich. Denn Einstein hat überall Spuren hinterlassen: egal ob in Vorlesungssälen, in Manuskripten, oder Gedanken, die später die ganze Welt veränderten. Prag ist in dieser Reihe eine wichtige, wenn auch eher kurze Etappe.
Die Familie hätte sicherlich noch länger in Prag bleiben können, doch seine Frau fand besonders die Sprache nicht leicht. So zog die Familie schließlich nach Zürich. Dennoch mochte Albert Einstein Prag sehr – er schätzte die Stadt und ihre Atmosphäre.
Stets neugierig bleiben
Das Wohnen im ehemaligen Einstein-Haus zeigt vor allem eines: Große Ideen beginnen oft im kleinen an ganz gewöhnlichen Orten. Nicht jeder muss zwangsläufig die Relativitätstheorie erfinden. Doch können wir uns trotzdem von Albert Einsteins Wirken inspirieren lassen, und uns Offen für Neues zeigen – für Entdeckungen und Gedanken, seien sie noch so klein. Wenn wir schon nicht Albert-Einsteins Intelligenz besitzen, dann nehmen wir uns wenigstens an dessen Neugier ein Beispiel.

Liebe Leserinnen und Leser,
mein Name ist Alina und ich freue mich darauf, in den kommenden vier Monaten als Praktikantin beim LandesEcho mitzuwirken und viele neue Erfahrungen zu sammeln. Ich studiere seit zwei Jahren Journalistik und Strategische Kommunikation in Passau und möchte das im Studium erlernte nun gerne in die Praxis umsetzen und den typischen Redaktionsalltag kennenlernen. Neben dem Studieren verbringe ich meine Freizeit gerne zusammen mit Freunden und Chai Latte in einem gemütlichen Café oder mache kurze Ausflüge in umliegende Städte.Ein Sprachkurs an der Uni hat mein Interesse an Tschechien geweckt und nun bin ich gespannt, das Land auch einmal für mehrere Wochen hautnah zu entdecken – sei es bei Spaziergängen entlang der Moldau, durch den weitläufigen Petřín-Park oder beim Schlendern über die zahlreichen Prager Weihnachtsmärkte.Ich freue mich auf eine spannende Zeit, viele neue Eindrücke und bin neugierig auf das, was mich in Prag erwarten wird.




