Einer Kirchenruine in Jungfernteinitz (Panenský Týnec) werden Heilkräfte nachgesagt. Unsere LandesBloggerin Isabella hat der nie zu Ende gebauten Kirche einen Besuch abgestattet und den Ort auf sich wirken lassen.

Ich gebe zu, normalerweise halte ich mich nicht allzu lange in Ruinen auf. Selbst bei den eindrucksvollsten Burgruinen – nach dem ersten Erleben der unerlässlichen Ahs und Ohs, meine ich irgendwann, alle Ecken und Winkel angemessen ausgiebig betrachtet zu haben. Ab diesem Zeitpunkt sehe ich dann in jedem Stein nur noch vergangene Vergangenheit. Bei einem Besuch der Kirchenruine in Jungfernteinitz war das jedoch anders, denn in jener Ruine geht es gerade um das, was man nicht sehen kann.

Die LandesEcho-LandesBloggerin Isabella lässt den Ort auf sich wirken. Foto: Alexey Norkin

Die LandesEcho-LandesBloggerin Isabella lässt den Ort auf sich wirken. Foto: Alexey Norkin

Keine Zeit für Sightseeing

Durch ein steinernes Portal betrete ich die 700 Jahre alte Kirchenruine. Fast keiner der hier Anwesenden spricht ein Wort, und die wenigen, die reden, flüstern. Da steht ein Paar sich gegenüber, händehaltend, und schaut einander schweigend ins Gesicht. Offenbar bestimmten, sich mir aber nicht erschließenden Regeln folgend, schreiten zwei Frauen am Gemäuer entlang. Ganz konzentriert, beinahe regungslos, steht ein Mann mit langen Haaren, die Augen geschlossen, den Kopf gesenkt, in der Mitte des halbrunden Kirchentorsos. Und ein älterer Herr mit Hund sitzt, etwas abseits auf einer Bank vor einem Baum, in stiller Betrachtung der Ruine und ihrer Besucher versunken. Selbst der Hund des Alten scheint das Geschehen zu beobachten – oder das Tier sieht das, was wir nicht sehen.

Andächtige Stimmung in der Kirchenruine. Foto: Alexey Norkin

Andächtige Stimmung in der Kirchenruine. Foto: Alexey Norkin

Obgleich niemand spricht, kirchenstill ist es hier nicht: Das monotone Gurren der Tauben, die ringsum im Gemäuer nisten, verwandelt sich in dieser Umgebung in einen meditativen Klangteppich. Auch die Menschen verwandeln sich, fügen sich in diesen Ort anders ein, als man es von hektischen Selfie-Sightseeings gewohnt ist: Sie nehmen den Ort wahr, lassen sich auf ihn ein, wollen sich offensichtlich mit ihm verbinden. Den Säulen gleich, die von der Ruinenmauer in den Himmel ragen, werden sie ruhig wie Stein. Hier herrscht wahrhaftig eine besondere, ja, irgendwie heilige Atmosphäre. Und da bin ich, mittendrin, suche mir einen sonnigen Stehplatz an der Ruinenwand, setze meine Sonnenbrille auf und schaue in den hellen Himmel, der das Kirchendach ersetzt.

Schicksalsgenossen Kloster und Klosterkirche

Ein Blick zurück in die Geschichte: Jungfernteinitz (Panenský Týnec) wurde im 13. Jahrhundert der Burg Scherotin (Žerotín) unterstellt. Dementsprechend benannte man die Minderstadt namens Týnec zunächst in „Žirotský Týnec“ um. Doch eines, vom Burgherrn im Jahre 1280 gestifteten, Klosters wegen gab das Volk alsbald dem Örtchen den bis heute währenden Namen „Panenský Týnec“. Jenes gestiftete Kloster des Frauenordens der Klarissen war ein Geschenk Habart von Žerotíns an die Heilige Agnes von Böhmen, als Entlohnung dafür, dass sie Žerotíns Frau Scholastika von der Unfruchtbarkeit geheilt hatte. Der lebende Beweis dieser Heilung waren zwei Söhne, von denen der ältere, der berühmte Deutschordensritter Plichta von Žerotín, eine dem Klarissenkloster angelehnte Klosterkirche Anfang des 14. Jahrhunderts in Auftrag gab. Doch nach Plichtas Tod auf dem Schlachtfeld ging das Geld aus und der Bau der Kirche nur noch schleppend voran. Nach einem verheerenden Brand im Kloster – man schrieb das Jahr 1380 – wurden alle Mittel in den Wiederaufbau des Klosters gesteckt, die Arbeit an der Klosterkirche dagegen auf Eis gelegt.

Das Kloster, und mit ihm die Klosterkirche, blieb nicht lange vom Unglück verschont: Während der Hussitenkriege von 1419 bis 1436 wurde das Klarissenkloster ausgeraubt und gebrandschatzt. Nach den Kriegen nahm sich der letzte Nachkomme aus dem Hause Žerotín, Jaroslav Plichta von Žerotín, der Renovierung von Kloster und Klosterkirche an. Doch auch ihm schlug das Schicksal ein Schnippchen: Er starb, noch ehe er die Kirche fertigstellte. Während des Dreißigjährigen Krieges fielen dann die Schweden in Jungfernteinitz ein und zerstörten die Burg Žerotín, ebenso das Klarissenkloster. Beides wurde nicht mehr aufgebaut und zerfiel im Laufe der Zeit. Die Klosterkirche aber blieb über Jahrhunderte, was sie bis heute ist: unvollendet.

Ein Werk des Veitsdom-Baumeisters?

Strenggenommen handelt es sich bei dem Kirchengemäuer nicht um eine Ruine, bezeichnet eine solche doch ein „verfallenes oder zerstörtes Bauwerk“. Aber dieses Bauwerk war nie eines, die Kirche wurde nicht zu Ende gebaut. Einen Baumeister gab es dennoch: Die gotische Hallenkirche trägt die Handschrift der Werkstatt Peter Parlers, jenem deutschen Bildhauer, der als einer der bedeutendsten Dombaumeister des Mittelalters angesehen wird. Parler zog Mitte des 14. Jahrhunderts, auf Berufung Karls IV., nach Böhmen und lebte die meiste Zeit über in Prag, wo er sein berühmtestes Werk schuf, den Veitsdom. Am Bau der Karlsbrücke soll er ebenfalls beteiligt gewesen sein. Doch dies ist ebenso wenig historisch gesichert, wie die Frage, ob er es war, den Plichta von Žerotín mit dem Bau der Klosterkirche in Jungfernteinitz betraute.

Von der damals geplanten dreischiffigen Hallenkirche ist heute nur ein 21 Meter langer, neun Meter breiter und über 20 Meter hoher, siebeneckiger Chorraum (Presbyterium) geblieben, und von den Seitenschiffen nur die Südwand mit dem Portal, sowie die Hälfte der Westwand. Drei der ursprünglich vier Schiffsäulen wurden abgerissen, die einzig erhaltene ist ein Glockenturm, welcher allerdings erst 1744 nachträglich hinzugefügt wurde. Die gesamte Kirchen-„Ruine“ steht als geschütztes Kulturdenkmal in der Liste der Kulturdenkmäler (NKP) der Tschechischen Republik.

Die gotische Hallenkirche, vermutlich von Peter Parler erbaut. Foto: Alexey Norkin

Die gotische Hallenkirche, vermutlich von Peter Parler erbaut. Foto: Alexey Norkin

Tempel mit Heilkraft

Im Jahr 2014 wurde die Klosterkirche in Jungfernteinitz vom Tschechischen Rundfunk zum „magischsten Ort in der Tschechischen Republik“ gekürt. Allerdings scheint die Magie an diesem Ort nicht bloß eine Glaubensfrage, sondern eine richtiggehende medizinische Angelegenheit zu sein: Laut der offiziellen Webseite von Panenský Týnec wird der Aufenthalt in der Ruine ausdrücklich für Menschen empfohlen, die unter „manischer Depression, mangelndem Selbstvertrauen, Überempfindlichkeit und Selbstmordanfälligkeit“ leiden, das Sitzen im Gras auf dem Ruinengrundstück nach Schlaganfällen und Kopfverletzungen angeraten. Die an diesem Ort ausgestrahlte Energie besitze die Fähigkeit, Optimismus und Lebensfreude zu verbreiten und stärke die Abwehrkraft des Körpers.

Diese Heilkraft wird jedoch nicht nur behauptet, sie wird geradezu mit (vermeintlichen) Argumenten unterfüttert. Bis in die 1990er Jahre beschäftigte sich in der Tschechoslowakei die sogenannte Psychotronik als eine anerkannte Wissenschaft mit übernatürlichen Phänomenen. Und ebenjene Psychotroniker stellten fest: Die oftmals als „Tempel“ oder „Kraftort“ betitelte Kirchenruine befindet sich auf einer „heilenden, positiven Zone, die die Form eines Kreuzes hat“. Durch jene Kreuzung zweier „Energiekraftlinien“ vervielfache sich die Heilkraft. Überdies wird angenommen, über die Existenz dieses Energiekreuzes müsse auch schon Plichta von Žerotín im 14. Jahrhundert informiert gewesen sein, und ebendiese energetische Gegebenheit habe ihn dazu bewogen, die Kirche genau dort bauen zu lassen.

Das Unvollendete

Zurück in der Gegenwart: Ich hatte meine Augen irgendwann zugemacht, mich an die Ruinenwand gelehnt und dabei nur noch dem Taubengurren gelauscht. Jetzt aber öffne ich meine Augen wieder und trete mit langsamen Schritten aus dem „Energiefeld“ aus. Das heißt, ich verlasse die Kirchenruine. Ob ich von etwas geheilt wurde, werde ich wohl nie erfahren. Aber zumindest kam mir ein schöner Gedanke, als ich an der alten Kirchenwand lehnte: Hier wird das Unvollendete nicht als gescheiterte Vollendung begriffen. Nicht als ein gestorbenes Vorhaben, sondern im Gegenteil als etwas, das lebendig geblieben ist, lebendig bleibt.