In seinem aktuellen Buch beschäftigt sich Thomas Oellermann mit dem Schicksal sudetendeutscher Sozialdemokraten. Mit dem LandesEcho sprach der Historiker über die oft mühsame Quellenarbeit – und über die Bedeutung des Erinnerns.
LE: Welchen Hintergrund hat ihr Gedenkbuch Es ging um alles, in dem Sie sich den Biografien sudetendeutscher Sozialdemokraten widmen?
Im Rahmen meiner Doktorarbeit an der Universität in Düsseldorf, beim vor wenigen Wochen verstorbenen Professor Dr. Brandes, habe ich mich eingehender mit der Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie beschäftigt. Das war nicht nur eine einzelne Partei, sondern eine klassische Arbeiterbewegung mit ganz vielen Organisationen: Gewerkschaften, Kulturverbänden und so weiter. Und dabei ist mir sehr schnell aufgefallen, dass es eine Menge Akteurinnen und Akteure gab, von denen aus heutiger Sicht keiner mehr weiß, wer sie waren, welche Position sie hatten, welche Rolle sie gespielt haben und welches späteres Schicksal sie hatten. Deshalb habe ich irgendwann angefangen, Informationen zu sammeln, und das habe ich auch über meine Doktorarbeit hinaus über zwanzig Jahre lang gemacht. Für mein Gedenkbuch habe ich Personen ausgewählt, die in der Zeit des Nationalsozialismus, in der Zeit des Zweiten Weltkriegs wirklich schwere Schicksale zu erleiden hatten: Weil sie von den Nationalsozialisten verfolgt, teilweise auch ermordet wurden, oder weil Ihnen mit viel Glück die Emigration gelang – die viele dann aber auch wieder vor komplett neues Leben stellte: Einige waren sehr tapfer und schlossen sich in ihrer neuen Heimat den alliierten Armeen an, um gegen das nationalsozialistische Deutschland zu kämpfen.
LE: Gibt es bei den unzähligen Biografien, denen Sie sich angenommen haben, einzelne Personen, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?
Da gibt es unglaublich viele Geschichten. Zum Beispiel gibt es einen gewissen Walter Rosenzweig. Er ist einfach eine interessante Person, weil er bereits vor 1938 [vor der Besetzung des damaligen Sudetenlandes durch das Deutsche Reich; Anm. d. Red.] zu einem Opfer der Nationalsozialisten wurde. Dieser Walter Rosenzweig wurde im November 1935 im Rahmen einer politischen Auseinandersetzung von einem Mitglied der Sudetendeutschen Partei ermordet. Für mich ist sein Schicksal ein sehr eindrückliches Beispiel, das zeigt, wie unglaublich hitzig und aufgeladen die Atmosphäre bereits vor der Zeit des Nationalsozialismus, vor dem Münchner Abkommen, in dessen Folge das Sudetenland zum Dritten Reich gehörte, war. Oder Albert Exler: ein sudetendeutscher Sozialdemokrat, der vor den Nationalsozialisten nach Finnland floh, sich dann der finnischen Armee anschloss und im Winterkrieg auf der finnischen Seite gegen die Sowjetunion kämpfte. Später gelangte er nach Schweden, wurde dann in Großbritannien zu einem Fallschirmspringer ausgebildet und 1944, zusammen mit zwei anderen Fallschirmspringern mit einer geheimen Mission über dem Sudetenland abgesetzt. Im Gegensatz zu seinen zwei Kameraden hat Albert Exler den Einsatz mit viel Glück überlebt, seine Erinnerungen hat er später aufgeschrieben. Auch das ist eine sehr starke Geschichte, die Geschichte eines tapferen Menschen, der den Kampf mit dem Nationalsozialismus aufgenommen hat ⎼ obwohl es ihn zuerst nach Finnland, Schweden und Großbritannien verschlagen hatte.
LE: An welchen Quellen haben Sie sich während Ihrer Recherche bedient?
Also, prinzipiell haben wir, wenn es um die Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie geht, das Problem, dass es kaum archivarische Quellen gibt. Das hat mit den Kriegsfolgen zu tun, mit politischer Verfolgung und damit, dass nach dem Zweiten Weltkrieg in der Tschechoslowakei nicht alle sudetendeutschen Archivbestände aufbewahrt wurden. Ein zentraler Weg führt daher über Zeitungen und Zeitschriften, die sind in der Prager Nationalbibliothek komplett erhalten. Und die muss man dann – da nur ganz wenig digitalisiert ist – durchlesen. In einer Gewerkschaftszeitung aus den 1920er Jahren liest man beispielsweise, dass da jemand recht wichtig war, Vorsitzender oder stellvertretender Vorsitzender, relativ bedeutend. Und dann findet man in einer anderen Quelle später, dass derjenige nach 1938 von den Nationalsozialisten in ein Konzentrationslager verschleppt wurde. Die zwei Quellen ergeben dann schon ein etwas größeres Bild zu dieser Person. Das Zusammenpuzzeln war meine Aufgabe beim Abfassen dieses Buches.
LE: Sie leisten Pionierarbeit. Verspüren Sie eine besondere Verantwortung gegenüber den Personen, über die Sie schreiben?
Das kann ich nur bejahen. Der Buchtitel bezieht sich auf eine Deklaration der sudetendeutschen Sozialdemokratie aus dem September 1938 mit dem Titel Es geht um alles. Diesen Aufruf finde ich sehr, sehr bezeichnend und wichtig für die heutige Zeit, wo wir uns schon mal überrumpelt fühlen vom Weltgeschehen, wo wir uns fragen, was wir eigentlich tun können. Das heutige Motto ist das gleiche wie 1938: Es muss darum gehen, einen demokratischen, einen friedlichen Weg zu finden. Und dafür steht meines Erachtens nach diese Gruppe der sudetendeutschen Sozialdemokraten, die bis zuletzt Demokraten waren, die sich klar bekannt haben zur Tschechoslowakischen Republik, zur Demokratie und zur Freiheit, und dafür unglaublich gelitten haben.
Das Gespräch führte Lennard Halfmann
Thomas Oellermann studierte Osteuropäische Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. In seiner Doktorarbeit widmete er sich der Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie. Oellermann ist heute wissenschaftlicher Mitarbeiter des Prager Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Dieser beitrag erschien zuerst in der landesecho-ausgabe 1/2026
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