Heute vor 110 Jahren wurde Willy Brandt in Lübeck geboren. Dies soll Anlass sein, auf das Verhältnis des späteren Bundeskanzlers und Friedensnobelpreisträgers zur Tschechoslowakei zu schauen.

Willy Brandt trug mit seiner Politik, „Wandel durch Annäherung“, dazu bei, dass sich der Eiserne Vorhang ein Stück weit öffnete. In seiner Zeit als Bundeskanzler schloss er Verträge, mit Moskau, Warschau und Prag. Die neue Ostpolitik trug im gewissen Maße dazu bei, dass sich die Beziehungen zu den kommunistischen Nachbarn normalisierten. Der 1973 abgeschlossene Vertrag von Prag öffnete die Gesprächskanäle, die für die Zeit bis 1989 zu einem wichtigen Faktor der deutsch-tschechoslowakischen Beziehungen wurden. Diese Politik Brandts hatte allerdings nicht nur Befürworter. Sie wurde kritisiert, weil sie das Gespräch mit kommunistischen Regimen suchte und weil sie die neuen Grenzen nach 1945 bestätigte und somit auch das Ergebnis von Vertreibung und Aussiedlung nicht in Frage stellte.

Eine Politik des Dialogs

Brandt verfolgte – und das ist bereits ausführlich behandelt worden – eine Politik des Dialogs zwischen den Industrieländern und den Ländern des globalen Südens. Die Tschechoslowakei stellte von daher für Brandt keinen Schwerpunkt seiner Außenpolitik dar. Dennoch betonte Brandt wiederholt die Bedeutung der Beziehungen zur Tschechoslowakei. Ebenso ist anzuführen, dass es in seinem Umfeld einige bedeutende sudetendeutsche Sozialdemokraten gab. In erster Linie war dies natürlich der letzte Vorsitzende der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP) und spätere SPD-Bundestagsabgeordnete Wenzel Jaksch.

Würdigung der sudetendeutschen Sozialdemokratie

Als Brandt in der Großen Koalition am 1. Dezember 1966 als Außenminister vereidigt wurde, war seine erste offizielle Handlung am Folgetag die Trauerrede auf der Beerdigung Jakschs, der wenige Tage zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. In seiner Rede führte er an: „Wir alle sind uns dankbar bewusst, was Wenzel Jaksch für das deutsche Volk zu leisten bemüht war und wie wesentlich er mit seinen heimatvertriebenen Landsleuten zum Aufbau und Ausbau unserer Bundesrepublik beigetragen hat. Ganz bewusst erinnere ich in dieser Stunde auch an die Leistung die seit 1961 Grundlage einer konstruktiven deutschen Ostpolitik durch einen einmütigen Beschluss des Deutschen Bundestages wurde – aufgrund eines Berichtes, der seinen Namen trägt. Wenzel Jaksch hat diesem Konzept durch seine viel beachtete Studie über Perspektiven der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit den osteuropäischen Staaten neue Gedanken eingefügt. Sie werden nicht verlorengehen, wenn es darum geht, den Schutt der Vergangenheit wegzuräumen und die Spaltung Europas in geduldiger Arbeit zu überwinden.“

In einer Danksagung an die sudetendeutsche Sozialdemokratie wenige Monate zuvor erinnerte sich Brandt an Begegnungen mit sudetendeutschen Sozialdemokraten im gemeinsamen schwedischen Exil: „In Stockholm, während des Krieges, wurde ich selbst Zeuge eines neuen Abschnittes des Ringens der Sudetendeutschen Sozialdemokratie um Gleichberechtigung und um eine Lösung der Nationalitätenfrage in Mitteleuropa. Damals wehrte ich mich gegen die Verirrungen des Vansittartismus, der alle Deutschen zu Verbrechern machen wollte, so wie ich mich auch heute mit aller Kraft gegen die Diffamierung eines ganzen Volkes oder ganzer Volksgruppen wende. Damals bemühten Ernst Paul und ich uns in skandinavischen und internationalen Diskussionen um die Friedensziele der Demokratie.“

Die Friedensziele der Demokratie – das ist die vielleicht wichtigste politische Botschaft im Vermächtnis von Willy Brandt. Von dieser Botschaft ließ er sich auch leiten in seiner Politik gegenüber der Tschechoslowakei.

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