Auf ihrer Route passiert die Tramlinie 22 nahezu alle historischen Sehenswürdigkeiten Prags – die Linie eignet sich perfekt für eine Stadtrundfahrt. Landesbloggerin Saray Kourouma hat sich auf die Tour begeben, die sie Prag mit anderen Augen hat erleben lassen.
Es ist ein grauer und regennasser Morgen, als ich an der Station Vypich, ein paar Haltestellen nach der Startstation Bílá Hora, in den hinteren Wagen der Tram 22 steige. Die Scheiben sind leicht beschlagen und Regenperlen zeichnen kleine Muster auf das Glas. Mein Ticket habe ich über die PID-App für 50 Kronen (ca. 2 Euro) gekauft. Vor mir liegt eine knapp einstündige Fahrt quer durch Prag – von Břevnov über die Kleinseite und durch die Neustadt bis zum Bahnhof Hostivař (Nádraží Hostivař).
Die Fahrt beginnt
Zunächst gleitet die Tram ruhig durch das Wohnviertel Břevnov. Schlichte Häuser, kleine Bäckereien und unscheinbare Eckläden ziehen an mir vorbei, während an den Haltestellen nach und nach mehr Fahrgäste zusteigen. Auf dem Hradschin (Hradčany) windet sich die Tram einen Hügel hinunter und plötzlich ertönt zweisprachig die Ansage „Pražský hrad – Prague Castle“. Fast automatisch wandert mein Blick nach rechts, wo sich die türkisen Türme mit den goldenen Spitzen der Prager Burg abzeichnen. Ihre Farbe verdanken sie einer natürlichen Schutzschicht aus Kupferverbindungen, die sich über Jahrzehnte durch Luft, Regen und Kohlendioxid bildet. Selbst aus der Ferne wirkt die Anlage riesig und majestätisch. Jahrhundertelang war sie die Residenz böhmischer Könige und römisch-deutscher Kaiser, heute ist sie Sitz des tschechischen Präsidenten. Romanik, Gotik und Barock verschmelzen hier beeindruckend und seit 1992 gehört die Burg zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Kurz darauf passiert die Tram das Renaissance-Lustschlösschen der Königin Anna (Letohrádek královny Anny) im Königsgarten (Královská zahrada). Erbaut im 16. Jahrhundert von Ferdinand I. für seine Frau, steht das Schloss heute ruhig zwischen Bäumen und wirkt mit seiner hellen Fassade und dem ebenfalls türkisfarbenen, kupfernen Dach beinahe etwas unscheinbar und klein im Vergleich zur riesigen Burg.

Die Tram bewegt sich weiter in Richtung Moldau. Nach einer Kurve öffnet sich mein Blick auf die Silhouette der Prager Altstadt: Türme, Kuppeln und Dächer reihen sich wie eine Filmkulisse aneinander. Spätestens hier wird mir klar, warum die Tramlinie 22 so beliebt ist.
Eintauchen in die Kleinseite
Mit der Einfahrt in die Kleinseite (Malá Strana) verändert sich die Landschaft. Die Straßen werden enger, die Fassaden detailreicher, barocke Häuser mit geschwungenen Giebeln und verzierten Fenstern stehen dicht an dicht. Kleine Läden, Cafés und Souvenirstände ziehen an mir vorbei. An der Station Malostranská fällt mein Blick auf die Bronzestatue eines brüllenden Löwe mit ausgebreiteten Flügeln, der an die tschechoslowakischen Piloten der Royal Air Force erinnert. Gleich daneben steht das Denkmal der Opfer und Helden der zweiten Widerstandsbewegung (Památník obětí a vítězů druhého odboje), eine Erinnerung an den Widerstand gegen die Nazi-Besatzung der Tschechoslowakei von 1938 bis 1945. Geschichte begegnet mir hier beinahe beiläufig. Je näher wir dem Kleinseitner Ring (Malostranské náměstí), dem Zentrum der Kleinseite kommen, desto voller wird die Tram.

Die mächtige Kuppel der St.-Nikolaus-Kirche (Kostel svatého Mikuláše) erhebt sich über den Platz, direkt daneben befindet sich eines von mehreren schönen Gebäuden der Karls-Universität, eine der ältesten Universitäten Europas. Trotz des schlechten Wetters herrscht hier reges Treiben: Touristen fotografieren, Straßenmusiker spielen und Einheimische eilen vorbei. Kurz darauf halten wir an der Station Pražské Jezulátko, auf deren rechten Seite sich die helle Fassade der Barrockkirche Maria vom Siege (Kostel Panny Marie Vítězné) erstreckt. In der Kirche wird das berühmte Prager Jesulein verehrt, eine 47 Zentimeter hohe Wachsfigur des Jesuskindes.

Fast verborgen zwischen Bäumen taucht wenig später das Denkmal für die Opfer des Kommunismus auf (Pomník obětem kommunismu). Die bronzenen Männerfiguren auf der Treppe wirken fragmentiert und als würden sie Schritt für Schritt mehr zerfallen.
Es geht weiter in die Neustadt
Über die Brücke der Legionen (Most Legií) ruckelt die Tram schließlich über die Moldau in Richtung Neustadt (Nové Město). Das Wasser liegt ruhig unter dem grauen Himmel. Für einen kurzen Moment sehe ich links die Karlsbrücke und rechts die Jirásek-Brücke (Jiráskův most). Auf der Brücke öffnet sich ein wunderschöner Ausblick auf Prag. Während ich bewusst aus dem Fenster schaue, sind viele Mitfahrende neben mir in ihre Handys vertieft. Für sie ist diese beeindruckende Aussicht Teil ihres Alltags.
Weiter auf der Nationalstraße (Národní třída) glänzt das Nationaltheater (Národní divadlo) mit seiner goldenen Krone, einem Symbol tschechischer Kultur aus dem 19. Jahrhundert. Direkt daneben setzt die Glasfassade der Neuen Bühne (Nová scéna) einen modernen Kontrast.

Restaurants und Geschäfte reihen sich dicht aneinander und die Eindrücke folgen so schnell, dass mein Blick kaum hinterherkommt. Hier merke ich deutlich, dass ich mich inmitten des regen und vollen Stadtkerns der Neustadt befinde.
Am Karlsplatz (Karlovo náměstí), einem der größten öffentlichen Plätze Europas, öffnet sich der Raum wieder. Grünflächen durchziehen den Platz, Menschen sitzen auf Bänken und Hunde werden ausgeführt. Gleich daneben setzt die barocke St.-Ignaz-Kirche (Kostel svatého Ignáce z Loyoly) mit ihrer imposanten Fassade einen starken Akzent. Wie auch bei der Prager Burg und beim Lustschlösschen der Königin Anna fallen mir hier die türkisen, kupfernen Türme der Kirche auf.

Kurz vor der Station I.P. Pavlova taucht in einer Seitenstraße für einen Moment das Gebäude des Nationalmuseums (Národní muzeum) mit seiner goldenen Kuppel auf, bevor sie wieder hinter den Häuserreihen verschwindet.

Von Vinohrady bis nach Hostivař
Wir erreichen nun das Viertel Vinohrady (ehemals Königliche Weinberge) und die Hektik der Innenstadt weicht einer ruhigeren Atmosphäre. Hier ist alles ein wenig grüner und Jugendstil- und Gründerzeitfassaden prägen das Bild des Viertels. Während die Tram weiter ruckelt, ziehen recht und links Straßencafés, kleine Boutiquen und Alleen vorbei. Das Zentrum Vinohradys ist der Friedensplatz (Náměstí Míru), auf dem die spitzen Türme der neugotischen St.-Ludmilla-Kirche (Kostel svaté Ludmily) majestätisch über den Platz ragen.

Je weiter wir fahren und uns von Vinohrady und der Neustadt entfernen, desto schlichter werden die Häuser. In Vršovice dominieren nun Wohnviertel das Bild und die prachtvollen Jugendstil- und Gründerzeitfassaden weichen schlichteren Häusern und weniger verzierten Geschäften. Der Blick auf die Fortuna Arena ist wohl der letzte kleine Höhepunkt der Fahrt. Schließlich erreiche ich die Endstation: der Banhof Hostivař (Nádraží Hostivař). Die Ansage bittet die Fahrgäste zum Aussteigen und gemeinsam mit den letzten Mitreisenden verlasse ich die Tram.
Mein Fazit zur Tram 22
Schon nach wenigen Minuten wird klar, dass eine Fahrt mit der Tram 22 weit mehr ist als nur eine gewöhnliche Fortbewegung durch Prag. Sie eröffnet einen ganz eigenen Blick auf die Stadt. Je nachdem, auf welcher Seite man sitzt, entstehen unterschiedliche Perspektiven. Mal öffnet sich der Blick weit über Dächer und Straßen, mal rahmen Häuserzeilen und vorbeiziehende Plätze die Szenerie ein. Manchmal versperren andere Fahrgäste die Sicht und manchmal erwischt man genau den richtigen Platz für einen perfekten Moment. Allerdings geschieht alles in einem schnellen Tempo. Die Tram fährt zügig weiter, Sehenswürdigkeiten ziehen schnell vorbei und es ist gar nicht so leicht, ein wirklich gutes Foto zu machen. Wer die schönsten Streckenabschnitte erleben möchte, sollte an der Station Brusnice einsteigen und bis Moskevská fahren. Gerade dieser Teil der Route führt an besonders vielen Sehenswürdigkeiten vorbei und bietet außerdem einen idealen Ausgangspunkt, um die Stadt anschließend zu Fuß weiter zu erkunden.
Für alle, die Prag bequem und preiswert entdecken möchten, bietet die Tramlinie 22 eine kleine Stadtrundfahrt auf Schienen. Wichtig ist jedoch, aufmerksam zu bleiben, da die Sehenswürdigkeiten sich oft nur für einen flüchtigen Moment zeigen.
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