Besucherinnen und Besucher vor der Pietà-Statue auf der Karlsbrücke in Prag
Besucherinnen und Besucher vor der Pietà-Statue auf der Karlsbrücke in Prag Credit: Yannis Weber

Unter dem Slogan „Just a random spot in Prague“ kursieren tausende Videos in den sozialen Netzwerken, die eine scheinbar zufällige Ecke der Prager Karlsbrücke zeigen. Landesblogger Yannis Weber hat sich mit dem Ort beschäftigt, der Menschen unabhängig von Nationen weltweit zu verbinden scheint.

Gebaut im 14. Jahrhundert, gehört die Karlsbrücke (Karlův most) in Prag zu den bekanntesten Kulturdenkmälern der Tschechischen Republik. Als ich über die Brücke laufe, kommen mir Schulklassen und Reisegruppen entgegen. Vor einer der 30, meist im Barockstil gestalteten Statuen steht eine Reihe von Menschen. Nacheinander machen sie Fotos, alle in der gleichen Pose. Eine Person schaut in die Kamera, angelehnt an die Pietà-Statue (Sousoší Piety), die andere Person ist mit dem Rücken zur Kamera gewandt, mit Blick auf die Moldau. Unter der Caption „Just a random spot in Prague“ werden Beiträge auf den sozialen Medien tausend, teils millionenfach aufgerufen. Auf das Bild der posierenden Personen – in schwarz-weiß gehalten – folgt die Antwort „No it’s not!“, und ein Bild der britischen Band Depeche Mode, aufgenommen 1988 neben eben jener Pietà-Staue auf der Prager Karlsbrücke, erscheint.

Musik als innere Emigration

Die Band Depeche Mode nimmt einen wichtigen Platz in der tschechischen Popgeschichte ein. Während die Band Depeche Mode im Westen bereits großen Erfolg hatte, produzierten die staatlichen Plattenlabels in der Tschechoslowakei bis 1987 keine Vinyl-Pressungen der Band. Wer ein Album der Band besitzen wollte, musste dieses teuer über den Schwarzmarkt kaufen oder sich mit minderwertigen Kassettenkopien zufrieden geben. Dennoch war die Band in der Tschechoslowakei beliebt. Das Paradox bestand darin, dass der Staat die Depeche-Mode-Musik im Radio als „sozialkritisch“ verkaufte, gleichzeitig die Fans, sogenannte Depešáci, als „potenzielle Staatsfeinde“ betrachtete. Ihr einheitliches Erscheinungsbild, die schwarze Kleidung sowie die Groover-Frisur wurden als Zeichen einer „unorganisierten“ und damit nicht staatlich kontrollierten  Massenbewegung gewertet.

Die Musik von Depeche Mode war für viele Hörerinnen und Hörer eine „innere Emigration“. In der bedrückenden politischen Atmosphäre der ČSSR der 80er Jahre thematisierten die Texte von Martin Gore Freiheit, Glaube, Sex und Individualität. Die Musik bot einen Raum, in dem man sich frei fühlen konnte, ohne direkt politisch aktiv werden zu müssen, erklärt Wissenschaftler Josef Kubík in seiner Studie. Im Jahr 1987/1988 änderte das Regime unter dem Druck der Jugendkultur und dem Prinzip von Glasnost (dt.: Offenheit) ihre Strategie. 1988 veröffentlichte das Staatslabel Supraphon offiziell das Album The Singles 81–85 als Lizenzpressung. Am 11. März 1988 fand das erste Konzert von Depeche Mode in Tschechien statt. Der Andrang war groß. Von bis zu 250.000 interessierten Besucherinnen und Besuchern konnten nur 15.000 ein Ticket bekommen. Im gleichen Jahr fotografierte der niederländische Fotograf und Art-Director der Band, Anton Corbijn, die Bandmitglieder an verschiedenen Orten der Stadt – unter anderem am Hauptbahnhof, am Grab von Franz Kafka, vor dem Štvanice-Stadion – und an jenem Ort an der Prager Karlsbrücke, der heute längst zum Pilgerort für Depeche-Mode Fans jeder Generation geworden ist, welche die Statue fotografieren oder das Bild nachstellen wollen.

Album-Cover-Paradoxon

Seit der Veröffentlichung der Bilder in Corbijns Fotobüchern Depeche Mode: Strangers sowie Depeche Mode by Anton Corbijn verwenden Fans der Band – früher in Internetforen, später auf Pinterest und Instagram – das Bild vor der Pietà-Statue als Cover-Artwork der Lieder. Die düster aussehende Statue im Barock-Stil passte perfekt zum melancholischen, fast sakralen Image der Band der Music for the Masses-Ära, ihrem sechsten Studioalbum. Viele Menschen, die ich bei meinem Besuch auf der Brücke frage, woher sie das Bild kennen, assoziieren mit dem Bild das Cover des 1988 erschienenen Albums Music for the Masses oder den Song Enjoy the silence. Tatsächlich waren die Bilder nie ein offizielles Cover-Artwork. Im Gegensatz dazu zeigt das offizielle Cover der 1990 erschienenen Single von Enjoy the silence, eine weiße Rose auf blauem Hintergrund und das Album Music for the Masses ein Lautsprechersystem im Sonnenuntergang.

Pilgerstätte und Touri-Spot

Von denen, die ein Foto machen, tragen heute viele Winterjacken. Vereinzelt erinnern Personen an die traditionelle Kleidung vieler Depešáci von damals. Für Guillermo und seine Tochter Candela aus Argentinien ist die Stelle auf der Karlsbrücke neben der Pietà-Statue ein besonderer Ort. Stolz zeigen sie mir ihr Partner-Tattoo, eine schwarze Rose. Die Rose war das Cover des 1990 erschienenen Albums Violator mit Hits wie Enjoy the Silence und Personal Jesus. Celia, Studentin aus Brasilien, möchte das Bild ihrer Mutter schicken. Sie haben früher gemeinsam die Lieder von Depeche Mode im Auto gehört. Auch Theodor aus Rumänien verbindet mit der Musik Jugenderinnerungen. Dean aus England war schon früher ein großer Depeche Mode Fan. Als die Familie an der Statue vorbeikommt, fragt ihn seine Tochter, ob er ein Bild machen möchte. Anders als ihr Vater ist sie kein großer Depeche Mode Fan, kennt das Motiv aber aus den sozialen Medien.

Mittlerweile ist der Ort an der Karlsbrücke nicht nur für Depeche Mode Fans ein besonderer. Die Stelle neben der Pietà-Statue auf der Karlsbrücke hat sich längst als allgemeines Popkulturgut etabliert. Sie hätten das Fotomotiv auf Instagram gesehen, erklären mir auch François und Alex aus Belgien. Ongi aus der Ukraine wiederum kennt das Bild von TikTok. Das Bild passt perfekt in die „Gothic-Ästhetik“, erklärt mir Anna aus Polen. Die Pietà-Statue (dt.: Mitleid/ Mitgefühl) ist ein Motiv der christlichen Kunst, das die Jungfrau Maria darstellt, wie sie den sterblichen Leib Jesu Christi nach seiner Kreuzabnahme in den Armen hält.

It’s not a random spot

Als ich mich für diesen Artikel Ende Januar bei Schneetreiben auf den Weg zur Pietà-Statue mache, bin ich skeptisch: Werde ich hier wirklich Menschen treffen, die das Bild nachstellen? Doch auf der Karlsbrücke angekommen, erübrigt sich jede Skepsis. Eine Reihe von Menschen wartete bereits auf ihren Augenblick, das Foto nachzustellen. Innerhalb weniger Stunden traf ich Personen aus der ganzen Welt, welche mir ihre Geschichten mit der Band erzählten. Depeche Mode kritisiert in ihren Texten Systeme und half Menschen weltweit, wie in der Tschechoslowakei, sich mit der Musik zu identifizieren. Heute ist der Ort eine Pilgerstätte für Fans, an dem Besucher die Aufnahmen von 1988 rekriieren – mal als tiefe Hommage an ihre Idole, mal aus purer Ästhetik. Für Tschechinnen und Tschechen haben die Bilder jedoch noch eine andere Bedeutung. Auch wenn die Samtene Revolution erst ein Jahr später stattfand, zeigen die Bilder einen Moment der Öffnung nach außen. Das starre Gebilde des Eisernen Vorhangs geriet zunehmend in Bewegung.

Ihren großen internationalen Durchbruch erreichte Depeche Mode mit dem Song People are People 1984. Die staatlichen Zensurbehörden der Tscheoslowakei ließen den Song für die Radionutzung zu, weil sie den Text oberflächlich als Kritik am Rassismus in den USA oder der Apartheid in Südafrika interpretierten. Er galt als „fortschrittlich“ und politisch korrekt im Sinne des Sozialismus. Die Jugendlichen lasen zwischen den Zeilen: Für sie war People Are People ein Schrei nach Individualität. Wenn Gahan sang: „I can’t understand what makes a man hate another man“, dachten viele Fans an die Schikanen durch die Volkspolizei.

das könnte sie auch interessieren

Der musikalische Frühling wird 80

Klassikfans strömen vom 12. Mai bis 3. Juni nach Prag, um eines der ältesten Musikfestivals in Europa zu feiern: Den 80. Prager Frühling (Pražské jaro).

Mehr…

Werden Sie noch heute LandesECHO-Leser.

Mit einem Abo des LandesECHO sind Sie immer auf dem Laufenden, was sich in den deutsch-tschechischen Beziehungen tut - in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft oder Kultur. Sie unterstützen eine unabhängige, nichtkommerzielle und meinungsfreudige Zeitschrift. Außerdem erfahren Sie mehr über die deutsche Minderheit, ihre Geschichte und ihr Leben in der Tschechischen Republik. Für weitere Informationen klicken Sie hier.