Eine lustig-vitale Karlsbader Wandergemeinschaft feiert ihr 20-jähriges Bestehen.

Hans (Jan) Kemr aus Neuhammer (Nové Hamry) erzählte in der „Lückenschluss“-Serie des LandesEcho, wie durch gemeinsames Arbeiten der Eisenbahner beidseits des Erzgebirgskammes über die kollegialen Verbindungen hinaus Freundschaften entstanden. Diese werden besonders durch gemeinsames Wandern gepflegt. Umso heftiger schmerzt die nun für Monate erzwungene Abstinenz. Zumal einige Kollegen – so auch Hans – sich im verdienten Ruhestand aktiv in der Natur bewegen und auf Touren weiterhin Neues erkunden sowie beliebte Ausflugsziele abermals besuchen möchten. Denn die Unternehmungen der „emeritierten Karlsbader Lokführer“ haben inzwischen eine 20-jährige Tradition. Ludvík Erdmann berichtet: „Zur Zeit der EXPO 2000 begann es. Da sind wir, die Deutsch sprechenden Kollegen, als Lotsen mit den Triebfahrzeugführern der Erzgebirgsbahn aus Aue von Johanngeorgenstadt bis nach Karlsbad gefahren. Im Jahr darauf haben wir Karlsbader die Baureihen-Schulung für den deutschen ‚Desiro‘-Zug absolviert. So kamen wir uns Schritt für Schritt näher. Bald schon gab es die Idee der gemeinsamen Freizeit-Ausflüge, also in Kombination Bahnfahren und Wandern. Das Reisebüro Schnecke war geboren.“An der Quelle der Weißen Elster/Bílý Halštrov nahe Haslau/Hazlov - Foto Jürgen Barteld

Ausflüge für jedermann

„Reisebüro Schnecke“? Ludvík Erdmann lacht und klärt auf: „Diesen Namen bekam Hans spontan zugedacht. Er ist einige Jahre oft zwischen Chodau (Chodov) und Elbogen (Loket) auf der Lok gefahren – bei dort höchster Geschwindigkeit von 30 km/h. Da haben ihn die Kollegen alsbald Schnecke genannt. Freilich wurde nun der Schalksname auch seiner Initiative angeheftet und mit dem Titel ‚Reisebüro‘ versehen.“ Folglich wurde Hans Kemr auch dessen „Direktor“. Und das passt wunderbar zu dem überaus heimatverbundenem Neuhammeraner, ist er doch von recht Schwejk‘scher Art. Klar, dass es auch einen offiziellen Stempel mit der Schnecke gibt und diese auf den Einladungen zu sehen ist. Die Initiatoren betonen aber stets den lockeren Zusammenschluss, ein Verein möchten sie nicht sein. Begonnen mit den Kollegen sowie Familienangehörigen, Freunden und Bekannten, kann längst jedermann mit auf Tour gehen. „Wir sind für alle offen, die Interesse an solchen Ausflügen haben. Die Leute lieben einfach unser lustiges Büro und seinen Direktor Hans“, schmunzelt Erdmann. „Wir spinnen die Touren zusammen aus, planen dann exakt und als Sekretär gestalte ich die Einladungen. Wenn wir uns in Gasthäusern oder Museen und dergleichen anmelden und vorbestellen müssen, dann bitten wir um verbindliche Rückmeldung. Sonst lassen wir uns überraschen, wie viele Begleiter zum Treffpunkt kommen. Das können zehn Leute oder auch gegen fünfzig sein. Es hat immer funktioniert.“Am Radweg, ehem. Bahntrasse Eger - Waldsassen. Foto: Jürgen Barteld

Wie viele Touren wurden bis jetzt absolviert? „Wir haben nicht gezählt, aber wir machen jeden Monat einen Ausflug, mitunter auch zwei. Gestartet im Jahr 2001 sind das somit etwa 230 Touren, wovon 38 vordergründig gemeinsam mit den Erzgebirgsbahn-Kollegen waren. Auf deren Seite wandern wir aber auch schon seit zehn Jahren regelmäßig zum König-Albert-Turm im Spiegelwald. Einige Reisen führten zu weiter entfernten Zielen in Deutschland und Österreich, also auch über mehrere Tage. Zudem organisiert Hans Radtouren innerhalb Tschechiens, vornehmlich für jüngere Kollegen, die noch im Dienst stehen. Schon Tradition ist unsere Wanderung zum Jahresausklang vom Haltepunkt Seify über den Berg/Aussichtsturm Pajndl nach Neuhammer oder zum Restaurant Kuckuck (Kukačka), mehrfach sind wir auch den Neudecker Kreuzweg gegangen.“

„Schnecke“ als Heimatpfleger

Stets im Programm sind Ziele links und rechts des Egertales, etwa zur Klosterbrauerei Osseg (Osek) oder bis hin ins Böhmische Mittelgebirge. Etliche Ausfahrten führten hinüber nach Sachsen, Thüringen oder Oberfranken – günstig erfahrbar mit dem grenzüberschreitenden „EgroNet“-Fahrschein der Bahnen. So wanderten die „Schnecken“ von Erdmannsdorf über Augustusburg zum alten Hetzdorfer Viadukt, besuchten Elstertal- und Göltzschtalbrücke und das Schaubergwerk St. Christoph in Breitenbrunn. Besondere Aufmerksamkeit erfahren immer wieder die historischen Plätze in der näheren Umgebung samt Pflege alter Wegzeichen oder Gedenksteine: „Schnecke“ als Heimatpfleger. Schließlich hatte Hans Kemr auch die Idee, dass ihre Stammbahnstrecke, der sogenannte erzgebirgische Semmering hinauf nach Bärringen-Abertham (Pernink) und Bergstadt Platten (Horní Blatná) einen Schutzpatron haben sollte. Gesagt, getan: Durch Kettensägearbeit mutierte ein staatlicher Baumstumpf nahe Neuhammer zum „Gutstock“ (Berggeist und Sagengestalt im Erzgebirge). Und der grüßt stets freundlich auch alle anderen Wanderfreunde.