Pilsener Design-Fakultät legt Kult-Kinderbuch neu auf.

Der Struwwelpeter hatte es nie leicht: Immer wurde kritisiert, immer wieder in Frage gestellt, was der Autor Heinrich Hoffmann mit seinem Buch bezwecken wollte. Gleichzeitig übt das Buch Faszination aus. Bis heute, und nicht nur auf Kinder. 

Sondern auch auf Barbara Šalamounová, die mit ihren Studierenden an der Ladislav-Sutnar-Fakultät für Design und Kunst der Westböhmischen Universität Pilsen (Plzeň) Hoffmanns Geschichten neu aufgelegt hat. Genauer: in Comics auf Deutsch, die seit wenigen Wochen als gedruckter Sammelband zu haben sind.

Kinder und Psychologie

Alles begann im Jahr 2017, als in Pilsen anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Deutsch-Tschechischen Erklärung von 1997 der Deutsch-Tschechische Kulturfrühling gefeiert wurde. Dort sollte explizit deutsche und tschechische Literatur der Öffentlichkeit präsentiert werden. Die Kunst-Dozentin Šalamounová wollte dazu genau dieses Kinderbuch mit ihren Studierenden bearbeiten. Sie sieht in dem Buch großes künstlerisches Potenzial, um sich mit der damaligen Welt auseinanderzusetzen. Es wurde damals von Hoffmann für seinen Sohn geschrieben. Die oft kritisierten rohen Darstellungen der Züchtigung als damals gesellschaftlich akzeptierte Erziehungsmethode betrachtet sie als Mittel der Übertreibung, um die Botschaft klarer herüberzubringen. „Das Buch erschien zu einer ganz anderen Zeit als heute. Es ist klar, dass viele Dinge damals noch nicht selbstverständlich waren“, so die Initiatorin.

In Tschechien hatte sich bislang noch niemand an eine Comicversion des Struwwelpeters gewagt, schon gar nicht auf Deutsch. Šalamounová änderte dies. Sie selbst stammt aus einer Künstlerfamilie und ist Deutsch-Tschechin. Von 1998 bis 2004 lebte und studierte sie in Halle an der Saale. Ihre Tätigkeit an der Pilsener Universität heute umfasst die Bereiche Filmpuppen, Szenario und Gestaltung für Trickfilm. Seit 2011 ist sie Leiterin des Ateliers für Comic und Kinderillustration. Es ist ihr eine Herzensangelegenheit, deutsche Literatur in Pilsen bekannter zu machen. 

Cover: Pilsens neuer StruwwelpeterHoffmanns Werk wurde von den Studierenden bearbeitet und die erstellten Comics dann im Sommer 2017 in einer Vernissage mit Lesung präsentiert. Sie gingen dann auf eine kleine Ausstellungs-Tournee mit zwei weiteren Stationen in Pilsen und im bayerischen Kallmünz. Im Rahmen der Lesungen war aber nicht nur der Struwwelpeter Thema, sondern auch der Roman von Joachim Meyerhoff „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“. Meyerhoff ist ein aktuell schaffender Autor, der in seinen biografischen Büchern – mittlerweile ist der 5. Teil erschienen, alle sind Bestseller – unter anderem von seiner Kindheit in einer Jugendpsychiatrie in Norddeutschland erzählt, deren Direktor sein Vater war. Beide Bücher – Hoffmann und Meyerhoff – verbinden Kindererziehung und Psychologie miteinander, ihr Vergleich gab der Lesung einen historischen und gegenwärtigen Anstrich. Das Publikum war sehr angetan, die wenigen gedruckten Ausgaben der Comics, die dort zur Verfügung standen, kamen gut an.

Grob oder lustig? 

Bei der Vernissage waren auch Aneta, Philip und Matej dabei, drei Masterstudierende der Sutnar-Fakultät. „Keiner von uns kannte damals die Geschichten von Hoffmann. Wir haben es zunächst auf Tschechisch gelesen und uns im Anschluss jeder eine der Geschichten ausgesucht und bearbeitet“, erzählt Philip. „Dabei kamen uns die Szenen schon ein bisschen grob vor“, fügt Aneta hinzu. 

Die Studierenden mussten sich ein Storyboard überlegen, in dem sie die Geschichten auf eine konkrete Anzahl von Bildern begrenzten und sich Gedanken zu der farblichen Gestaltung machten. Insgesamt hatten sie drei Monate Zeit dafür. Ihre Pädagogin stand ihnen mit Rat zur Seite. „Es ist nicht einfach, einen Text in einen so begrenzten Raum zu packen“, berichtet Matej und zeigt seinen Comic: die Geschichte vom fliegenden Robert. „Man muss sich gut überlegen, wie viel Text man dazu braucht, wie viel man durch Bilder ausdrücken kann.“

Grenzenlose Öffentlichkeit

Die Comics erstellten die Studierenden in der Prüfungszeit, sie waren Teil ihrer Semesterabschlussarbeiten. Deutsch sprechen sie dabei kaum. „Wir haben die Texte auch auf Deutsch gelesen, um sie später für die Sprechblasen zu verwenden – aber das war nicht so schwer. Es sind ja eher kurze Geschichten“, sagt Aneta. „Wir wussten, es geht um den Deutsch-Tschechischen Kulturfrühling, da war es verständlich, dass wir uns mit der deutschen Sprache auseinanderzusetzen hatten.“

Nach dem Kulturfrühling gab es nicht mehr viele Gelegenheiten, die Comics der Öffentlichkeit zu präsentieren. Doch Šalamounová und ihren Kollegen an der Fakultät wollen das Erarbeitete nicht in Vergessenheit geraten lassen. Sie erhoffen sich von dem nun erschienen Sammelband mehr Interesse aus dem Ausland und vor allem von Studierenden aus Deutschland. „Es wäre wunderbar, wenn wir die Arbeit unserer Studierenden mehr in der Öffentlichkeit zeigen könnten, zum Beispiel eine weitere Ausstellung unserer Comics. Mit dem Sammelband haben wir einen ersten Schritt getan, unsere deutsch-tschechische Arbeit bekannter zu machen.“

Insgesamt wurden 1000 Stück des Struwwelpeter-Sammelbandes gedruckt. Wer Interesse an einem kostenlosen Exemplar hat, kann sich direkt an Barbara Šalamounová wenden: Tel.: 377636751, E-mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. Nur solange der Vorrat reicht.


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