Vom 8. bis 21. April finden die 44. Internationalen Grenzland-Filmtage in Selb statt, diesmal als reines Online-Festival. Im Rahmen des Sonderprogramms in Asch (Aš) wird zum ersten Mal der Film „Zwei Brüder – zwei Nationalitäten“ gezeigt, der sich in besonderer Weise der gemeinsamen deutsch-tschechischen Geschichte sowie der Vertreibung der Deutschen widmet.

Als ältestes deutsches Filmfestival mit einer osteuropäischen Ausrichtung spielen Grenzen – wie es schon der Name verrät – für die internationalen Grenzland-Filmtage in Selb/Asch keine untergeordnete Rolle. Grenzen zu überwinden, nicht nur die nationalen, sondern auch die gedachten Grenzen zwischen Ost und West, Grenzen in den Köpfen, aber auch Grenzüberschreitungen anderer Arten, das ist sozusagen das inoffizielle Motto der Grenzland-Filmtage, die 1977 zum ersten Mal als „Wunsiedler Filmtage“ stattfanden. Seit 1981 ist das Filmfestival in Selb zuhause, seit 2018 besteht eine – wieder grenzüberschreitende – Kooperation mit dem nur zehn Kilometer entfernten Asch in Böhmen.

In diesem Jahr alles online

Auch in diesem Jahr gibt es eine Premiere, denn zum ersten Mal finden die Grenzland-Filmtage als reines Online-Festival statt, nachdem es im letzten Jahr zu Beginn der Corona-Pandemie ganz ausfallen musste. „Vor einem Jahr hatten wir ein großartiges Festival vorbereitet und mit großer Vorfreude den 43. Grenzland-Filmtagen entgegengesehen. Und dann kam alles anders…“, erinnert sich in der Programmbroschüre Kerstin Fröber, die erste Vorsitzende des Vereins zur Förderung grenzüberschreitender Film- und Kinokultur e.V., der das Filmfestival ausrichtet. Lange hielten die Organisatoren noch an einer hybriden Umsetzung der Grenzland-Filmtage fest, doch die beginnende dritte Pandemie-Welle in Deutschland, die sich weiter ausbreitenden Virusmutationen sowie die Einschränkungen im deutsch-tschechischen Grenzverkehr bewegten die Organisatoren letztlich zur reinen Online-Umsetzung. „Getreu unseres Mottos eines grenzüberschreitenden Festivals waren wir dafür gezwungen, eine weitere Grenze zu überschreiten“, so Fröber.

Von Grenzen und Grenzüberschreitungen

Insgesamt 96 Filme stehen im Rahmen des Festivals zum Streamen in das heimische Wohnzimmer bereit und bilden eine große Bandbreite an Themen ab. Natürlich spielen bei vielen Filmen – wie jedes Jahr – Grenzüberschreitungen eine Rolle, vor dem Hintergrund der Grenzschließungen und Reisebeschränkungen während der Corona-Pandemie erlangen sie jedoch eine ganz besondere Aktualität.

Im albanischen Kurzfilm „Van" (Regie: Erenik Beqiri) nimmt ein junger Mann an illegalen Kämpfen teil, um sich ein Ticket für ein vermeintlich besseres Leben in Frankreich zu erarbeiten. Ein weiteres Beispiel zum Thema geographische Grenzen sind die animierten Kurzfilme „Lassen" (Schweden; Regie: Star Bazancir) und „Migrants" (Frankreich, Regie: Hugo Caby, Antoine Dupriez, Aubin Kubiak, Lucas Lermytte, Zoé Devise) zum Thema Migration. Im halbdokumentarischen Spielfilm „Full of Fire" (Schweden, Deutschland; Dennis Stormer) begibt sich die Hauptfigur Moa auf einen Trip quer durch Europa (Schweden – Baltikum – Polen – Deutschland) und trifft auf die unterschiedlichsten Menschen vor Ort. Und auch der Dokumentarfilm „Der Engel der Geschichte" (Deutschland, Regie: Erik Esser) widmet sich einer Grenze in Europa.

Der albanische Kurzfilm „Van" (Regie: Erenik Beqiri). Foto: Grenzland-Filmtage Selb

Der albanische Kurzfilm „Van" (Regie: Erenik Beqiri). Foto: Grenzland-Filmtage Selb

Doch auch im übertragenen Sinne finden sich in der Programmauswahl die Thema Grenzen und Grenzüberschreitungen wieder, dazu gehören vor allem Filme über Tabuthemen wie Suizid bei Jugendlichen (Spielfilm „More than perfect", Deutschland, Regie: Teresa Hoerl; Kurzfilm „Ciúnas", Irland, Regie: Tristan Heanue), sexueller Missbrauch in der Familie (mittellanger Spielfilm „Sachen wie...", Ungarn, Regie: Kálmán Nagy; Kurzfilm „Dona", Spanien, Regie: Marga Melià) oder Zwangsprostitution (Kurzfilm „Batyr", Kasachstan, Regie: Yelena Lissassina) im Programm. Auch gesellschaftliche Normen bezüglich der Abgrenzung zwischen Mann und Frau werden in Filmbeiträgen hinterfragt, wie z. B. dem südkoreanischen Kurzfilm „God's Daughter Dances" (Regie: Sungbin BYUN).

Der südkoreanische Kurzfilm „God's Daughter Dances" (Regie: Sungbin BYUN). Foto: Grenzland-Filmtage Selb

Der südkoreanische Kurzfilm „God's Daughter Dances" (Regie: Sungbin BYUN). Foto: Grenzland-Filmtage Selb

Darüber hinaus werden auch grenzüberschreitende Filmproduktionen zu sehen sein. Dazu gehört zum einen der Dokumentarfilm „Die letzte erste Tanke/ Privní a poslední pumpa" (deutsch-tschechische Produktion; Regie: Ferdinand Hauser, Conrad Winkler) und zum anderen der Kurzfilm „The human" (niederländisch-deutsche Produktion; Regie: Harko Wubs.

Filmpremiere: „Zwei Brüder – zwei Nationalitäten“

Die Durchführung der Grenzland-Filmtage als reines Online-Format hat allerdings zur Folge, dass aufgrund rechtlicher Bestimmungen die meisten der gezeigten Filme einem Geoblocking unterliegen und nur von Deutschland aus abrufbar sein werden. „Digitale Festivalbesucher“ aus Tschechien können sich aber über das Sonderprogramm in Asch freuen, das in Zusammenarbeit mit den „Bayerisch-tschechischen Freundschaftswochen“ auf die Beine gestellt wurde.

Zum ersten Mal einer breiten Öffentlichkeit gezeigt wird hier der einstündige Dokumentarfilm „Zwei Brüder – zwei Nationalitäten“. Im Mittelpunkt des Films steht die Spurensuche der Filmemacherin Petra Dombrowski in ihrer deutsch-tschechischen Familiengeschichte: Nach dem Tod ihrer als junge Frau aus der Tschechoslowakei vertriebenen Mutter entdeckte Dombrowski zunächst Hinweise auf ihren Großvater und dann auf ihren Großonkel. In dem Film wird die Geschichte der beiden Brüder behandelt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Brünn (Brno) aufwuchsen. Einer der beiden nahm jedoch die deutsche Staatsbürgerschaft an und so trennten sich infolge der Ereignisse des 20. Jahrhunderts ihre Wege.

Zum ersten Mal wird der Dokumentarfilm "Zwei Brüder - zwei Nationalitäten" von Petra Dombrowski einer breiten Öffentlichkeit gezeigt. Foto: Grenzland-Filmtage Selb

Zum ersten Mal wird der Dokumentarfilm "Zwei Brüder - zwei Nationalitäten" von Petra Dombrowski einer breiten Öffentlichkeit gezeigt. Foto: Grenzland-Filmtage Selb

„Wir denken, dass es auch vor dem aktuellen Hintergrund spannend ist, den Film zu zeigen. Denn Fragen wie: Wer hat welche Lebensbeziehungen und wird wie und warum und von wem dafür von anderen ‚in Schubladen gesteckt‘ oder ist dadurch irgendwelchen Gruppen zugeordnet, drängen sich gerade auch auf. Darüber ein Gespräch zu führen und konstruktiv zu schauen, wie wir aus dem Umgang mit geschichtlichen Traumata gestärkt hervorgehen können, das ist eine Motivation“, sagt Pablo Schindelmann, Geschäftsführer der bayerisch-tschechischen Freundschaftswochen.

Ursprünglich sei laut Schindelmann geplant gewesen, den Film bei den Grenzland-Filmtagen in Asch gleichzeitig sowohl in der deutschen als auch in einer tschechischen Sprachversion zu zeigen. Geplant war, dass deutsch- und tschechischsprachige Filmgäste gemeinsam den Film schauen und das tschechischsprachige Publikum dem Film per Kopfhörer in einer tschechischen Version folgen könnte. „Das war im letzten Jahr, als wir zum ersten Mal von dem Film hörten, unsere Idee“, erinnert sich Schindelmann. Doch wegen Corona kam es zu Verzögerungen, letztendlich kann der Film auch nicht als Präsenzveranstaltung gezeigt werden. „Aber wir haben uns jetzt kurzfristig entschieden, doch nur die deutsche Version zu zeigen, aber eben auch in Tschechien“, erklärt Schindelmann. Im Laufe des Jahres soll der Film aber auch noch eine tschechische Sprachversion bekommen und damit einer breiteren Öffentlichkeit in Tschechien zugänglich werden.

Filmemacherin Petra Dombrowski. Foto: Grenzland-Filmtage Selb

Filmemacherin Petra Dombrowski. Foto: Grenzland-Filmtage Selb

Entstanden ist der Film im Rahmen einer Förderung des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, auch die Landesversammlung der deutschen Vereine in der Tschechischen Republik hat die Produktion des Films unterstützt.

Begleitend zum Film findet am Mittwoch, den 14. April, von 17.30-19.00 Uhr ein ZOOM-Filmgespräch statt. Dabei soll es darum gehen, inwiefern die vielfältigen Facetten der gemeinsamen deutsch-tschechischen Geschichte geeignet sind, Impulse für deutsch-tschechische Kooperationen zu geben und zum gegenseitigen Verständnis beizutragen. Darüber sprechen die Filmemacherin Petra Dombrowski, der Chodauer Stadthistoriker Miloš Bělohlávek, die Leiterin des Centrums Bavaria Bohemia Dr. Veronika Hofinger und die tschechische Pädagogin Veronika Kupková. Das Gespräch wird deutsch-tschechisch simultan-gedolmetscht und live auf Facebook und YouTube übertragen.


Eine Einzelkarte kostet 6,00 Euro und gilt für einen ausgewählten Filmblock, mit einem Soli-Ticket in Höhe von 10,00 Euro können die Grenzland-Filmtage zusätzlich unterstützt werden. Einzelkarten für Kinderfilme kosten 3,00 Euro. Der Ticket-Vorverkauf läuft bereits.

Mehr über die Internationalen Grenzland-Filmtage sowie das Programm finden Sie hier.