Politische Widersacher aus dem Fenster zu werfen, das gehört in der Prager Geschichte fast schon zum guten Ton. Unser Landesblogger widmet sich diesmal der Geschichte der „Defenestration“, religiösen Streitigkeiten und der Frage, worauf Menschen im Jahr 2318 Acht geben sollten.

Die Prager und ihre Fenster. Das scheint ein schwieriges Verhältnis zu sein zwischen den beiden. Insgesamt dreimal schon in der Geschichte der Stadt fielen Männer aus ihnen heraus. Einige überlebten, andere nicht, zweimal lösten sie sogar einen Krieg aus, hochpolitisch also, die Fensterstürze! Doch woran liegt das? Werden Prager Fenster etwa tiefer gebaut als anderswo? Oder lehnen sich die Prager einfach gerne mal zu weit aus dem Fenster?

Der erste Prager Fenstersturz ereignete sich am 30. Juli 1419. Anhänger des wenige Jahre zuvor hingerichteten Reformatoren Jan Hus stürmten das Neustädter Rathaus. Sie befreiten ihre dort gefangen gehaltenen Glaubensgenossen und warfen neben dem katholischen Bürgermeister auch noch mehrere königstreue Ratsherren und Gemeindeältere aus dem Fenster. Die überlebten den Sturz zwar, wurden dann aber von der wütenden Menge, die unter dem Fenster wartete, totgeschlagen. Doch noch ein weiteres Todesopfer hatte dieses Ereignis zur Folge, wenn auch indirekt: Die ausbrechende Hussitenrevolution zehrte so sehr an den Nerven des böhmischen Königs, Wenzel von Luxemburg, dass dieser wenig später einen Schlaganfall erlitt und starb. In der Folge brachen auf böhmischem Gebiet die Hussitenkriege los, ein Konflikt zwischen Reformatoren und den Anhängern der römisch-katholischen Kirche.

Biblisches Vorbild der Defenestration?

Der wohl bekannteste unter den Fensterstürzen ist der zweite. Er ereignete sich zwar fast genau 200 Jahre später, am 23. Mai 1618, führte aber zu einem ganz ähnlichen Konflikt, wenn auch mit größeren Ausmaßen. Protestantische Adlige zogen an besagtem Tag hinauf zur Prager Burg. Ihre Wut galt den Statthaltern des katholischen Habsburg-Kaisers Matthias, der ihnen im Gegensatz zu seinem Vorgänger nicht Glaubensfreiheit im protestantisch dominierten Böhmen gewähren wollte. Nach einer Auseinandersetzung warfen sie die Statthalter des Kaisers, Wilhelm Slavata und Jaroslav von Martinic, kurzerhand aus dem Fenster. Auch sie überlebten den Fenstersturz. Auf wundersame Weise? Darüber gibt es verschiedene Auffassungen. Einige Zeitgenossen, wohl eher dem Katholizismus zugeneigt, erzählten, die Jungfrau Maria habe sie aufgefangen. Wohingegen deren protestantisch-reformatorische Pendants die Legende vom Misthaufen erfanden, der den beiden Statthaltern das Leben gerettet haben soll. Wahrscheinlicher hingegen scheint, dass die dicken Mäntel der Männer und die angeschrägte Burgmauer, an der sie eher herabrutschten als fielen, den Sturz abfederten. Jedenfalls überlebten die beiden und brachten den Stein ins Rollen, der dem europäischen Kontinent drei Jahrzehnte kriegerischer Auseinandersetzungen bescherte.

Laut Wikipedia ist das Fachwort für Fensterstürze übrigens „Defenestration“ (gleichzeitig auch Name einer englischen Metal-Band) und in der Geschichte ein gar nicht so unübliches Mittel, um sich politischer Widersacher zu entledigen. Eine der ersten verbrieften Defenestrationen etwa ist im Alten Testament festgehalten: Die Königin des Nordreiches Israel, Isebel, soll ihren Mann dazu gebracht haben, ihre phönizischen Götter anzubeten, und wurde von dessen Söhnen deswegen aus dem Fenster ihres Palastes geworfen. Fensterstürze scheinen also einen gewissen Bezug zu Streitigkeiten um die einzig wahre Religion zu haben. Oder vielleicht lasen die mittelalterlichen Prager die Bibel ganz genau und fanden Inspiration am Beispiel Isebels?

Der dritte Fenstersturz?

Doch zurück nach Prag, wo inzwischen weitere 300 Jahre vergangen sind. Die Streitigkeiten darum, wie das Abendmahl denn jetzt einzunehmen sei, haben sich weitgehend gelegt. An ihre Stelle treten aber andere Konflikte: wie die Frage nach der einzig wahren Staatsform, welche die Tschechoslowakei nach Ende des Zweiten Weltkrieges annehmen soll. Kommunismus oder Kapitalismus? Jan Masaryk war der Sohn des Gründervaters und ersten Präsidenten der demokratischen Tschechoslowakei, Tomáš Garrigue Masaryk, und gilt heute als Liberaler. 1948 jedoch verblieb Masaryk als parteiloser Außenminister der einzige Nicht-Kommunist in dem mehr und mehr vom sowjetischen Einfluss geprägten Kabinett. Sein Tod wird von manchen als Dritter Prager Fenstersturz bezeichnet. Denn man fand Masaryk am 10. März 1948 tot unter dem Badezimmerfenster des Palais Czernin nahe der Prager Burg, das seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder als Außenministerium dient. Mord oder Suizid? Ermittlungen kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen. 2004 stellte eine Kommission nach zehn Jahren Ermittlung fest, es müsse sich um Mord gehandelt haben. Doch mit Sicherheit ließ sich das nicht sagen. 2019 wurde die Arbeit an dem Fall übrigens erneut aufgenommen, in der vergangenen Woche allerdings aus Mangel an neuen Erkenntnisse eingestellt. Und um noch etwas Öl ins Feuer der Spekulationen zu gießen: Masaryk soll übrigens auch Mitglied der Freimaurer gewesen sein.

Eine Büste erinnert an Jan Masaryk, Sohn des Mitbegründers der ersten demokratischen Tschechoslowakei. Foto: Mathis Brinkmann

Eine Büste erinnert an Jan Masaryk, Sohn des Mitbegründers der ersten demokratischen Tschechoslowakei. Foto: Mathis Brinkmann

Wo wir schon bei Verschwörungsmythen und der Suche nach vermeintlichen Zusammenhängen geschichtlicher Großereignisse sind: Auch zwischen den Drei Prager Fensterstürzen lässt sich eine solche Verbindung ziehen – wenn man denn möchte. Sie halten sich lose an einen wachsenden zeitlichen Abstand von 200 Jahren auf 300, auf 400? Folglich sollte man sich im Jahr 2318 rasch überlegen, wie sich Prager Fenster sturzsicherer gestalten lassen.