Unsere Landesbloggerin hat die letzten drei Monate in Prag verbracht. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Stadt und den Tourismus hat sie hautnah miterlebt und ihre Eindrücke festgehalten.

Mein Aufenthalt in Prag neigt sich dem Ende zu. Fast drei Monate habe ich in der tschechischen Hauptstadt gelebt und gearbeitet. Drei Monate, in denen ich nicht nur viele neue Orte entdeckt, Eindrücke gesammelt sowie Menschen und Kultur kennengelernt habe, sondern auch die Auswirkungen der Pandemie zu spüren bekam. Während ich mir zu Beginn meines Aufenthalts bei einem Bad in der Menschenmenge oft wünschte, einen besonderen Ort oder eine Aussicht exklusiv für mich zu haben, ist dieser Wunsch nach kurzer Zeit zur bedrückenden Realität geworden. Wie beim analogen Fotografieren gibt es in meiner Erinnerung zu fast jedem Ort ein Negativ, das nicht ohne Farbe, sondern ohne Menschen auskommt.

Vermeintliches Ende der Pandemie

Kurz vor meiner Ankunft stimmten mich Fotografien von einer Feier auf der Karlsbrücke auf den aktuellen Umgang mit der Pandemie in Tschechien ein. Man feierte das Ende der Maskenpflicht und das vermeintliche Ende des Diktats eines Virus, das das öffentliche Leben in der Tschechischen Republik fast drei Monate zum Stillstand brachte.

Die Bilder dicht beieinandersitzender Menschen wirkten aus deutscher Perspektive zu diesem Zeitpunkt sehr makaber. Das Ende einer Schutzmaßnahme, die vielmehr auch Zeichen der Solidarität ist, mit einer Menschenansammlung zu feiern, schien mir paradox.

Die Karlsbrücke ist eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten in Prag. Foto: Lara Kauffmann

Ein normaler Tag auf der Karlsbrücke im August. Foto: Lara Kauffmann

Maßnahmenschock

Dreieinhalb Stunden dauerte die Zugfahrt, die mich von Berlin nach Tschechien brachte. Es war das erste Mal, dass ich seit Ausbruch der Pandemie die Grenzen Deutschlands überschritt. Ein anderes Land zu bereisen bedeutet immer auch, sich auf andere kulturelle Gepflogenheiten einzustellen. Natürlich haben die beiden Länder verschiedene Identitäten, Sprachen, Geschichte, dennoch erwartete ich keinen Kulturschock. Vielmehr schockierten mich die gelockerten Maßnahmen. Die ganze Welt ist mit der gleichen Bedrohung durch das Coronavirus konfrontiert. Im Umgang mit dieser scheint sich jedoch eine neue Dimension von kultureller Verschiedenheit etabliert zu haben, was nicht zuletzt auch auf die zeitliche Asynchronität zurückzuführen ist. Die Pandemie erfasste den Globus mit der Dynamik einer Welle. Dies hat große Vorteile bezüglich des Erprobens von politischen Strategien, Hygienekonzepten oder Maßnahmen der gegenseitigen Unterstützung zwischen den Ländern. Moralisch befand ich mich jedoch in einem Dilemma: Wie konnte es sein, dass ein Verhalten, das wenige Stunden zuvor von der deutschen Regierung noch als verantwortungslos und meine Mitmenschen gefährdend bewertet wurde, nur einige Hundert Kilometer entfernt scheinbar keine Gefahr mehr darstellt? Die ersten Supermarktbesuche waren unangenehm. Der Drang, mein Gesicht mit einer Maske zu verhüllen, schien in Prag „out of fashion“ zu sein. Hier wurde im wörtlichen Sinne aufgeatmet, ohne Maske frei durchgeatmet. Obwohl mir von Einheimischen versichert wurde, die Stadt sei vergleichsweise „leer“, erlebte ich das kulturelle Leben hier in vollem Gange und die Kapazitäten an Menschen, die die kleinen engen Gassen der Altstadt fassen können, schienen fast ausgereizt.

Anpassung

So schnell, wie ich mich an das Tragen einer Maske gewöhnt habe, gewöhnte ich mich daran, sie nur noch gelegentlich zu tragen. Meine ersten Wochen in Prag fühlten sich nach Corona-Urlaub an: raus aus dem von Beschränkungen beherrschten Deutschland und rein in die lebendige Metropole Prag. Den Gedanken teilten viele und so wurde Prag nach monatelanger Grenzschließung, besonders bei Deutschen, zum beliebten Reiseziel.

Es dauerte nicht lange, bis die Maske ihr Comeback feierte und sich die Straßen leerten. Nicht nur die Maskenpflicht wurde sukzessive auf verschiedene Bereiche erweitert, die maximale Personenanzahl bei Veranstaltungen herabgesetzt und der Schulunterricht in das virtuelle Klassenzimmer verlegt. Tschechien wurde außerdem von vielen europäischen Ländern, darunter auch Deutschland, zum Risikogebiet erklärt. Dies erschwerte nicht nur den Grenzverkehr, sondern führte auch zu einem drastischen Rückgang des Touristenaufkommens.

Nicht nur die Innenstadt hat sich geleert, auch der Flughafen Prags wirkt verlassen. Foto: Lara Kauffmann

Nicht nur die Innenstadt hat sich geleert, auch der Flughafen Prags wirkt verlassen. Foto: Lara Kauffmann

Lockdown 2.0

Wochenlang tänzelte man angesichts steigender Infektionszahlen auf der politischen Bühne um den Begriff „Lockdown“ herum, versuchte ihn zu meiden, ihn abzuschwächen und konnte ihn letztendlich doch nicht aufhalten. Für mich war es der erste „urbane“ Lockdown. Als sich im Frühling die Lage in Deutschland zuspitzte, war ich gerade in meinem Heimatort zu Besuch. Ein kleines Dorf, das nicht mehr als 1.000 Einwohner zählt und in seinem Trott nicht großartig von Restaurant- und Geschäftsschließungen in der nächsten Stadt beeinflusst wird. Die Auswirkungen der Pandemie betrafen meinen Alltag daher nur mittelbar. Meine Lockdown-Erfahrung in Prag hingegen war unmittelbar. Als ich mich Mitte September erneut auf Wohnungssuche begeben musste, wurde ich unfreiwillig zum Profiteur der Auswirkungen der Pandemie. Aufgrund ausbleibender Touristen stehen in der Altstadt viele Ferienwohnungen leer. In unmittelbarer Nähe historischer Sehenswürdigkeiten zu wohnen, ist ein Luxus, der in das Reisebudget eines Touristen passt, jedoch für den Durchschnitt der Bewohner Prags unerschwinglich ist. Die Coronakrise zwang allerdings auch Vermieter dazu, ihre Mieten der Nachfrage anzupassen und ermöglichte es mir, für die zweite Hälfte meines Prag-Aufenthaltes ein Zimmer nur wenige Meter entfernt von der Karlsbrücke und dem Altstädter Ring zu beziehen. Die Straße war mir bekannt, wenige Wochen zuvor drängte ich mich mit Touristen durch die schmale Gasse auf der Suche nach dem hängenden Sigmund Freud. Die Tatsache, dass ich ihn nur wenige Wochen später von meinem Fenster aus fast berühren können würde, schien damals noch weit entfernt. Dabei profitierte ich nicht nur in finanzieller Hinsicht. Ich persönlich könnte es mir bei normalem Touristenaufkommen aufgrund der Lautstärke gar nicht vorstellen hier zu wohnen und genieße die Ruhe trotz der zentralen Lage sehr.

Vor Corona drängten sich Touristen durch die schmale Gasse, um die hängende Skulptur Sigmund Freuds zu bewundern. Foto: Lara Kauffmann

Vor Corona drängten sich Touristen durch die schmale Gasse, um die hängende Skulptur Sigmund Freuds zu bewundern. Foto: Lara Kauffmann

Meine Zeit in Prag wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben. Ich erlebte den Rücktritt zweier Gesundheitsminister, einen Lockdown sowie ein schier touristenfreies Prag. Obwohl die Stadt ohne Menschenmengen eine ganz besondere Magie entfaltet, hoffe ich sehr, dass dieser Zustand bald ein Ende finden wird und mich bei meinem nächsten Besuch das übliche bunte Treiben erwartet.