Ich bin ein Dorfkind, aufgewachsen in einer 400-Seelen-Gemeinde. Schon immerhabe ich meine Zeit gern in der Natur verbracht und es geliebt, im Sommer barfuß durch den Garten und das Dorf zu schlendern.Enge Schuhe mochte ich hingegen noch nie wirklich. Getragen habe ich sie dennoch – sie sehen schließlich schick aus.

 

Vor zwei Jahren habe ich dann aber beschlossen, meinen Füßen ein bisschen mehr Freiraum zu gönnen und mir zum ersten Mal sogenannte Barfußschuhe gekauft. Das sind Schuhe mit einer dünneren Sohle, einem breiteren Zehenraum und ohne Absatz oder Sprengung. Zugegeben, an ihr „fußiges“ Aussehen muss man sich gewöhnen. Dafür sind sie aber deutlich bequemer als konventionelle Schuhmodelle und zudem leichter und flexibler, weshalb sie bestens fürs Reisen geeignet sind.

Neue Pfade

Mittlerweile wohne ich nicht mehr in meinem Dorf, sondern in Prag. Und mittlerweile ist wieder Sommer. Zu gern hätte ich die Moldaumetropole barfuß erkundet, doch mein Plan ging nicht auf: Scherben, Hundehäufchen und der heiße Asphalt machten den Stadtspaziergang zum gefährlichen Slalomparcours und mir somit einen Strich durch die Rechnung. Und da 40 Grad Celsius nun wirklich zu heiß für geschlossene Schuhe sind, brauchte ich Sandalen, um auf sanften Sohlen durch die Straßen tigern zu können.

In der tschechischen Hauptstadt gibt es eine große Auswahl an Läden, die Barfußschuhe verkaufen. Sehr teuer allerdings und ich sah nicht ein, umgerechnet 80 Euro für ein Stück Gummisohle mit Bändchen daran auszugeben. Also meldete ich mich kurzerhand bei einem Workshop an, bei dem man sogenannte Huarache-Sandalen für deutlich weniger Geld selbst herstellen konnte. Dieses Schuhmodell stammt von den mexikanischen Tarahumara-Indianern, die darin kilometerweite Märsche durch die Wüste und ins Gebirge unternahmen. Mittlerweile tragen die Sandalen aber auch viele Mitteleuropäer, denen die Freiheit ihrer Füße am Herzen liegt, die aber gleichzeitig einen Direktkontakt mit Hundekot vermeiden wollen.

Das Aussehen der Schuhe kann man selbst bestimmen - Foto: Isabelle WolfSelbstgeschustert

Gesagt, getan. Ein wenig aufgeregt machte ich mich also eines Abends auf den Weg zum „naBOSo“-Laden in Prag. Dort angekommen, half eine junge Frau mir und weiteren 15 Barfußfans beim Herstellen unserer ersten selbstgemachten Sandalen. Jedes Paar Schuhe sollte am Ende des Workshops ein Unikat werden, denn es gab viele Möglichkeiten, das Aussehen und die Tragweise des Schuhs zu variieren: Dicke oder dünne Sohle? Einfache oder schwierige Bindung? Rotes, blaues, grünes oder doch schwarzes Bändchen? Glasperlen – ja oder nein? Zu viele Fragen.

Nach einer Einweisung in die Materie des Barfußlaufens ging dann die Herstellung los. Fleißig wurden Fußumrisse aufgemalt und Sohlen zugeschnitten, Löcher gestanzt, schließlich das Bändchen und gegebenenfalls Schmuckperlen angebracht. An sich wäre das auch nicht sonderlich schwierig gewesen. Da der Workshop jedoch auf Tschechisch stattfand, saß ich ab und an ratlos in der Ecke, weil ich über einige Begriffe stolperte und natürlich nicht wusste, was ich mit einer „podrážka“ und dem „razidlo“ anfangen soll. Die anderen Kursteilnehmer, blutige Anfänger genauso wie Barfußexperten, halfen mir freundlich weiter und fragten glücklicherweise auch nicht weiter nach, warum ich Begriffe wie „Sohle“ oder „Locheisen“ nicht kannte.

Schließlich machten sich die Teilnehmer mit den fertigen Sandalen am Fuß beschwingten Schritts auf den Heimweg. Ich hatte zusätzlich sogar ein paar neue Wörter im Gepäck und war ziemlich stolz auf mein Werk.

Die Freiheit am FußGestatten: Barfußschuh. Belastbar, mobil und flexibel - Foto: Isabelle Wolf

Nun, wenige Wochen später, ertappe ich ab und zu Leute auf der Straße und Freunde, wenn sie misstrauisch auf meine Schuhe schauen. Von „Wow, die hast du selbst gemacht?“ bis hin zu „Hm, aber besonders schick sehen die jetzt nicht aus…“ habe ich nämlich bisher alle Arten von Kommentaren gehört. Wenn ich den Skeptikern dann aber anbiete, die Schuhe einmal anzuprobieren, sind sie von dem Gefühl begeistert. Plötzlich achtet man nämlich viel deutlicher auf seine Umgebung und den Untergrund. Man läuft bewusster.

Wer dieses Gefühl auch einmal spüren will, kann in den Schuhgeschäften selbstverständlich kostenlos solche Minimalschuhe an- und das Barfußlaufen auf einem der vielen Barfußpfade in Deutschland und Tschechien ausprobieren.

Zu Fuß gehen liegt übrigens im Trend: Mittlerweile finden sogar geführte Barfußwanderungen statt und Leipzig hat einen „Fußverkehrsverantwortlichen“, der für eine faire Verkehrsplanung sorgen will.

Bis bald und ahoj.


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