Nachdem die Zahl der täglichen Corona-Neuinfektionen extrem angestiegen ist, zieht die tschechische Regierung nun die Notbremse und beschränkt das öffentliche Leben massiv: Ab Mittwoch müssen Gaststätten für knapp drei Wochen komplett schließen, im öffentlichen Raum soll ein Alkoholverbot gelten. Grundschulen werden ebenfalls geschlossen. Maximal sechs Personen dürfen sich versammeln.

Ab Mittwoch fährt Tschechien aufgrund der sich massiv verschlechterten epidemiologischen Lage das öffentliche Leben wieder stark zurück. Restaurants, Bars und Clubs werden für knapp drei Wochen – bis zum Ende des nationalen Notstands am 3. November – komplett geschlossen. Speisen und Getränke dürfen zwar bis 20 Uhr durch ein Fenster verkauft werden, allerdings soll im öffentlichen Raum ein Alkoholverbot gelten. In den vergangenen Tagen hatten sich während der zuvor ab 20 Uhr geltenden Sperrstunde vielerorts Ansammlungen von Menschen vor den Ausgabefenstern gebildet. Das kulturelle Leben ist bereits seit Montag heruntergefahren: Seitdem haben Theater, Kinos, Museen und Galerien geschlossen, seit Freitag bereits Fitnesscenter und Schwimmhallen. Außerdem sind Menschenansammlungen im öffentlichen Raum ab Mittwoch auf maximal sechs Personen begrenzt. An den Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs gilt ab dann auch eine Maskenpflicht. Die neuen Maßnahmen zielen vor allem auf die Beschränkung sozialer Kontakte. Einen harten Lockdown, der neben einer Beschränkung der Bewegungsfreiheit auch das Herunterfahren der Wirtschaft bedeuten würde, möchte die tschechische Regierung unbedingt vermeiden. Offiziell ist daher im Zusammenhang mit den Maßnahmen auch nicht von einem "Lockdown" die Rede, auch wenn die Maßnahmen einen harten Einschnitt in das öffentliche Leben darstellen.

Nun auch Grundschulen geschlossen

Daneben werden ab Mittwoch auch die Grundschulen (Klassen 1 bis 5) bis zum 1. November geschlossen und gehen zum Distanzunterricht über. Die Schließung oder Offenhaltung der Grundschulen sei laut Premierminister Babiš (ANO) eine der schwersten Entscheidungen gewesen, weswegen sich die seit dem frühen Abend erwartete Pressekonferenz der Regierung zu den neuen Maßnahmen bis in den späten Abend verschoben hatte. Kindergärten sollen dagegen aber geöffnet bleiben. „Wir bitten um Verständnis aller Arbeitnehmer, es ist einfach notwendig“, sagte Premier Babiš und fügte hinzu, dass für Kinder von Arbeitnehmern aus dem Gesundheitssystem Schulklassen eingerichtet werden sollen, so wie das bereits im Frühjahr der Fall war.

„Kein Italien-Szenario“

„Wir sehen, dass der wachsende Trend ähnliche Parameter hat wie in einigen Länder, in denen flächendeckende Maßnahmen eingeführt wurden. Wir müssen dies tun, weil wir keine weitere Chance mehr haben. Wir sind gezwungen, Maßnahmen zu ergreifen, um den Trend, den wir hier haben, in zwei, höchstens drei Wochen umkehren zu können, da sonst die Krankenhäuser überfüllt wären“, begründete Gesundheitsminister Roman Prymula (parteilos, für ANO) die harten Maßnahmen.

Der Hintergrund für die verschärften Maßnahmen sind die extrem angestiegenen Corona-Neuinfektionen. Nachdem am Mittwoch und Donnerstag in der vergangenen Woche jeweils über 5.000 Neuinfektionen gemeldet wurden, kamen am Freitag 8.616 neue Fälle hinzu. Auch am Wochenende lag die Zahl der positiven Tests mit 4.636 am Samstag und 3.104 am Sonntag vergleichsweise hoch, da an den Wochenenden generell weniger getestet wird.

Aufgrund dieser massiv gestiegenen Zahlen kam die Regierung zu dem Schluss, dass die erst letzten Donnerstag verkündeten Maßnahmen nicht ausreichen würden, um die Ausbreitung des Virus entscheidend zu verlangsamen. „Wir wollen ein Szenario wie in Israel oder Italien nicht riskieren. Die Entscheidung war schwierig, aber ich denke, wir haben eine klare Vorstellung davon, wie wir zur Normalität zurückkehren können. Ich bin überzeugt, dass wir damit erfolgreich sind und das Virus besiegen“, kommentierte Babiš. „Wir haben nur noch diesen einen letzten Versuch, den Kollaps zu vermeiden“, versuchte Babiš den Ernst der Lage eindringlich klarzumachen. Innenminister Jan Hamáček (ČSSD) – gleichzeitig Leiter des Zentralen Krisenstabs – empfahl den Bürgern, insofern möglich, zuhause zu bleiben und Wege außer zur Arbeit oder zum Einkaufen zu meiden.

Bereits in den letzten Tagen hatte sich nach Äußerungen einzelner Mitglieder der Regierung herauskristallisiert, dass die neuen Maßnahmen vor allem auf eine Beschränkung sozialer Kontakte abzielen würden. So bleiben Geschäfte und Kaufhäuser im Gegensatz zum Lockdown im Frühjahr zunächst geöffnet. Ein erneutes Herunterfahren der gesamten Wirtschaft wollte die Regierung vermeiden, auch Präsident Zeman hatte sich zuletzt dagegen ausgesprochen.

Hilfe aus Deutschland

Die massiv gestiegenen täglichen Corona-Neuinfektionen führen dazu, dass nun auch die Zahl der Menschen, die aufgrund einer COVID-19-Erkrankung im Krankenhaus behandelt werden müssen, rasant ansteigt. Im Moment ist das bei 2.146 Menschen der Fall. Davon nimmt bei 426 Menschen die Krankheit einen schweren Verlauf, sodass eine intensivmedizinische Pflege nötig ist. Laut Angaben des tschechischen Gesundheitsministeriums stehen aktuell 983 Betten auf Intensivstationen bereit. Fast die Hälfte der Kapazitäten ist damit bereits erreicht. Durch eine Reorganisation im Gesundheitssystem sollen laut Gesundheitsminister Prymula die Krankenhauskapazitäten verdoppelt werden. Zuletzt hatte sich Deutschland auf einer Videokonferenz von Regierungsvertretern beider Länder bereit erklärt, nicht benötigte Betten auf Intensivstationen für tschechische Bürger bereitzustellen.

Seit Beginn der Pandemie haben sich in Tschechien über 119.000 Menschen mit dem Coronavirus infiziert, aktuell gilt die Infektion bei 61.522 Menschen aktiv. Die Zahl der Todesopfer hat kürzlich die Marke von 1.000 überschritten.