Kaum noch Karlsbrücke zu sehen vor lauter Touristen - Foto: Friederike Aschhoff

Es ist ein überwältigender Anblick, der sich einen von der Prager Burg aus auf die Stadt bietet. Perfekt, gäbe es da nicht die anderen. Wer kann den Ausblick schon genießen, wenn sich Menschen ungeduldig hinter einem drängen, um Fotos zu machen? Der sogenannte „Overtourism“, das touristische Übermaß, greift um sich. Welche Lösungsansätze gibt es in Europa und Tschechien?

Wo es schön ist, kommen viele Menschen hin. 2016 haben 7,07 Millionen Menschen Prag besucht. Fast sechs Millionen waren Ausländer, so das tschechische Statistikamt. Die Einwohnerzahl Prags betrug dabei nur 1,26 Millionen. 2017 war Tschechien einer Studie von Euromonitor zu Folge nach London, Paris, Rom und Istanbul die meistbesuchte Stadt in Europa. Auch 2018 stiegen die Touristenzahlen noch weiter an. Wie Prag, verzeichnen auch andere Städte immer mehr Besucher. Das bringt nicht nur Freude mit sich.

Einwohner wehren sich

Stark negative Reaktionen kommen von Touristengegnern in Berlin. Parolen, wie „No more Rollkoffer“ finden sich an Hauswänden in Kreuzberg, Friedrichshain und Neukölln. Das erscheint aber noch harmlos, vergleicht man es mit einer Situation in Barcelona 2016. Ein Reisebus wurde dort auf einer Straße angehalten. Halb vermummte junge Männer schlugen die Frontscheibe ein, zerschnitten die Reifen und sprühten „Tourismus zerstört die Stadtviertel“ auf den Bus.

Damit wird deutlich: Der Tourismus in europäischen Städten hat auch seine Gegner und seine Schattenseiten. Zwar bringt er Geld und Arbeitsplätze, aber gleichzeitig steigen auch die Preise für Immobilien und Dienstleistungen. Manche Touristen missachten Ruhezeiten oder hinterlassen rücksichtslos ihren Abfall auf den Straßen. Dadurch fühlen sich die Einheimischen in ihrer Stadt nicht mehr wohl, deshalb werden Maßnahmen gegen die Touristenflut ergriffen.

Einige Städte, etwa Venedig, versuchen es in Zukunft mit Eintrittsgeldern. In der Altstadt der kroatischen Stadt Dubrovnik werden die Touristenzahlen begrenzt. Inzwischen dürfen sich dort nur noch 8000 Touristen gleichzeitig aufhalten. Zum Schutz der Einwohner wird überlegt, eine touristenfreie Zone einzurichten.

Vorreiter in Restriktionen gegen den Massentourismus ist Amsterdam. Dort hat man lautes Grölen sowie Trinken in der Innenstadt unter Strafe gestellt. Auch Bierräder wurden auf eine Petition der Einwohner hin verboten. Ab 2020 soll es auch keine Gruppenführungen mehr durch das Rotlichtviertel geben. Außerdem dürfen keine Geschäfte mehr eröffnen, die sich nur auf das Geschäft mit Touristen konzentrieren. Damit die Besucher nicht nur auf das Stadtzentrum konzentriert sind, werden zudem Attraktionen im Umland so umbenannt, dass „Amsterdam“ im Namen vorkommt, um die Aufmerksamkeit der Touristen zu erregen. Dadurch versucht die niederländische Stadt den Status als „Partystadt“ loszuwerden.

Auch Berlin hat mit den Besuchern zu kämpfen. 13,5 Millionen Besucher wurden 2018 vom Amt für Statistik Berlin-Brandenburg erfasst. Um die Touristen besser zu verteilen, gibt es die App „Going Local Berlin“. Sie ist kostenlos und auch offline benutzbar. Über 700 Tipps für Attraktionen, Touren und Restaurants sind verzeichnet.

Krumau platzt aus allen Nähten - Foto: Friederike Aschhoff

Maßnahmen in Tschechien

Ein vergleichbares Projekt gibt es auch in Tschechien. Die „Prague Cool Pass“ App. Sie ist die digitale Erweiterung zu der „Prague Card“, einer Besucherkarte, die Eintritt in verschiedene Attraktionen gibt. Die App, ebenfalls kostenlos, hat Tipps für über 100 Attraktionen. Sie soll die Touristen besser über die Stadt verteilen.

Wie in Amsterdam wird auch in Prag gegen den „Biertourismus“ gekämpft. Dafür wurden bereits Maßnahmen ergriffen, wie das Verbot von Bierrädern und eine erhöhte Alkohol- und Tabaksteuer, die im Laufe dieses Jahres eintreten. Auch die großen Plüschtiere in Gestalt von Eisbären, Pandas oder dem Maulwurf Pauli, die auf dem Wenzelsplatz oder dem Altstädter Ring herum tanzen und sich gegen Bezahlung mit Touristen fotografieren lassen, werden verboten.

Ein anderer großer Klagepunkt der Prager Bevölkerung sind die steigenden Mietpreise. Schuld geben sie Plattformen wie Airbnb. Hier können Privatwohnungen an Feriengäste vermietet werden. Die zahlen natürlich mehr für ihre Feriendestination als ein Einheimischer für seine Wohnung. In Berlin und Amsterdam gibt es bereits Beschränkungen für das Angebot von Airbnb und Ferienwohnungen, in Tschechien noch nicht. Auch die Stadtverwaltung klagt über die Plattform, weil sie die Bettensteuer umgeht, der Stadt also Einnahmen entgehen. Über entsprechende Maßnahmen wird verhandelt. Nicht nur Prag, sondern auch Brünn (Brno), Pilsen (Plzeň) und Krumau an der Moldau (Český Krumlov) haben gegen die steigenden Touristenzahlen zu kämpfen.

In Krumau werden jährlich bis zu 2 Millionen Besucher gezählt. Die Stadt selber hat aber nur 10 000 Einwohner. Damit verschwindet das alltägliche Leben in der Stadt, die wie Prag UNESCO-Weltkulturerbe ist. Nur 300 Einheimische leben noch im historischen Zentrum, heißt es vom Krumauer Rathaus. Stattdessen finden sich dort Touristenläden, Restaurants, Hotels und teilweise leerstehende Airbnb-Wohnungen. Im letzten Jahr hatte die Künstlerin Kateřina Šedá, in einem dreimonatigen Projekt Alltagsszenen mit Statisten inszeniert. Sie spielten Schach im Park, wuschen ihr Auto in einer der kleinen Gassen oder hingen Wäsche zum Lüften aus dem Fenster. Dadurch wollte sie wieder etwas Normalität in das Stadtbild einbringen, damit es nicht wie eine leere Kulisse wirkt. Zynisch nannte die Künstlerin ihr Projekt „Unes-Co“ („Wie viel ertragen“). Wie andere europäische Städte, überlegt auch Krumau ein generelles Eintrittsgeld zu erheben.

 


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