Die Spuren der Deutschböhmen im Isergebirge drohen zu schwinden. Um sie weiterhin sichtbar zu machen, veröffentlichte das „Haus der deutsch-tschechischen Verständigung“ in Reinowitz (Rýnovice) in der Vergangenheit bereits ein Buch zu den Essgewohnheiten der einstigen Bewohner des Sudetenlandes sowie ein literarisches Werk, das Schicksale infolge der Vertreibung dokumentiert. In seiner jüngsten Publikation widmet man sich dem Humor der Deutschböhmen aus dem Isergebirge.

Welche Witze erzählten sich die Deutschen aus dem Isergebirge? Worüber wurde gelacht? Das Buch gibt eine umfangreiche Sammlung verschiedenster Humorfarben wieder. Dabei waren die Witze so vielfältig wie das Leben der Menschen selbst: manchmal hart, an anderen Stellen heiter und beschwingt. Zusammengesetzt aus Splittern der Erinnerung von Zeitzeugen bietet sich hier ein buntes Bild des entwurzelten Grenzlandes, einer Landschaft, die man lieben muss.

Hier lesen Sie das Vorwort:

Heinz Wendt, ein Sudetendeutscher aus Gablonz (Jablonec nad Nisou), lebt heute in Heubach. Dort entstand seine Sammlung von Witzen aus der alten Heimat. Das kleine Werk trägt den Titel „Nauer – darüber hat man in Gablonz gelacht“. Eines von diesen handgeschriebenen Exemplaren widmete er seiner Kindheitsfreundin Christa Petrásková. Sie lebt nach wie vor in ihrem Elternhaus am Waldrand hinter der Gablonzer Talsperre, Heinz wanderte mit seiner Familie nach 1969 nach Deutschland aus. Die beiden sind Freunde geblieben, für immer. Die Anekdotensammlung von Heinz bekam ich im Frühjahr 2020 in die Hände. Es war die Zeit der Pandemie, als der Mundschutz beunruhigte Gesichter bedeckte, das Händeschütteln als Zumutung galt und die Großeltern sich nicht trauten, ihre Enkelkinder zu umarmen. Jawohl. Die Witze wuchern insbesondere zu Zeiten der Unterdrückung und Krisen. In einer verzweifelten Situation dienen sie als Ventil, das den Stress mildert und die Hoffnung nährt.

Beim Spaßmachen sind die Tschechen sehr einfallsreich, und deren Witz steht dem trockenen Humor der Angelsachsen in nichts nach. Den Gegner zu verspotten oder sich selbst auf den Arm zu nehmen, das ist ihnen eigen. Was auch eine Depesche aus dem Zweiten Weltkrieg dokumentiert. Im Buch „Dramatische Tage und Alltag im Protektorat“ heißt es: „Die Laune ist ausgezeichnet. Das Protektorat ist das Land des Lächelns. Die Deutschen nennen uns (also Tschechen) die lachenden Bestien.“ Der Urheber des Begriffs „lachende Bestien“ war angeblich der stellvertretende Reichsprotektor Reinhard Heydrich, „der Henker von Prag“. Treppenwitz der Geschichte: Acht Monate später wurde er selber zum Opfer tschechischer Widerstandskämpfer. Diesen Vergleich verwendete einige Jahrzehnte später in seiner Erzählung „Zuglauf überwacht“ auch Bohumil Hrabal, der legendäre und meist übersetzte tschechische Schriftsteller der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch wenn die Tschechen gemeint waren, in die gleiche Kategorie fallen zweifelsohne auch die Sudetendeutschen, die im Isergebirge seit Generationen lebten und arbeiteten. Auch sie schätzten Späße, oft auf fremde Kosten, was ihnen half, das karge Leben in den Bergen zu ertragen.

Beliebt waren Mundartanekdoten – in Paurisch. Und gerade in diesem Dialekt steckte oft die eigentliche Pointe. Es amüsierte sie, zu sehen, ob jemand außer ihnen des Pudels Kern entdecken würde. Die Anekdoten von Heinz aus dem Alltag im Isergebirge, mit seinen Federzeichnungen, spiegeln nostalgisch jene Zeit wider, als die Welt „noch in Ordnung war“. Die meisten haben sogar nach hundert Jahren an nichts verloren. Verewigt sind Menschen, die hier einst lebten und fast schon in Vergessenheit geraten sind, aber auch Plätze, die es bis heute gibt, die man jederzeit besuchen kann. Ein Bonus dabei ist die Erinnerung an das friedliche und liebevolle Zusammenleben der Tschechen und Tschechisch-Deutschen. Genießen Sie es!


Erhältlich im Buchhandel: ISBN 978-80-908039-0-9