Am Mittwoch, den 15. April, fand in der Repräsentanz des Freistaats Bayern ein literarischer Abend mit Prof. Dr. Stefan Samerski (links) und Ferdinand Hauser (rechts) zum Schriftsteller Johannes Urzidil statt.
Am Mittwoch, den 15. April, fand in der Repräsentanz des Freistaats Bayern ein literarischer Abend mit Prof. Dr. Stefan Samerski (links) und Ferdinand Hauser (rechts) zum Schriftsteller Johannes Urzidil statt. Credit: LandesEcho/ Lena Hänke

In der Repräsentanz des Freistaats Bayern in Prag ist eine neue Biografie über den deutschsprachigen Schriftsteller Johannes Urzidil vorgestellt worden. Historiker und Theologe Prof. Dr. Stefan Samerski präsentierte das Werk im Rahmen eines literarischen Abends. 

Die Veranstaltung am vergangenen Mittwoch, den 15. April, fand in Zusammenarbeit mit der Repräsentanz des Freistaats Bayern in der Tschechischen Republik und der Sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften und Künste statt. Gemeinsam mit Ferdinand Hauser (Radio Prague International), der aus Urzidils Texten las, näherte sich Samerski Leben und Werk eines Autors, der heute oft im Schatten bekannterer Vertreter des Prager Kreises steht. 

Martin Kastler, Leiter der Bayerischen Repräsentanz, eröffnete den literarischen Abend: „Es ist spannend, dass wir einen sehr bekannten Autor, eine Persönlichkeit aus diesem Prag, der deutschsprachigen Zunge, hier heute auch erleben können und etwas von seinem Leben erfahren.“ 

Autor des Prager Kreises 

Während Samerski in seinem Vortrag die Verbindung zwischen Urzidils Leben und Werk nachzeichnete, las Ferdinand Hauser aus Texten des Schriftstellers. So entstand ein vielschichtiges Bild – von Urzidils Kindheit in Prag bis zu seinem Leben im Exil. 

Urzidil stand in engem Kontakt mit dem Prager Kreis um Max Brod und Franz Kafka. An Kafkas Grab hielt Urzidil eine Rede, die auch beim literarischen Abend vorgetragen wurde. Samerski erklärte sprachliche Parallelen zwischen den Werken Urzidils und Kafkas und betonte, dass Urzidil wesentlich dazu beitrug, Kafka im Ausland und besonders in Amerika bekannt zu machen.

„Heute wissen noch wenige, was für ein Meister Franz Kafka von uns gegangen ist. Und kaum ist jemand im Bereich unserer deutschen Gegenwartsliteratur nachbarlich genug, um Kafka für das zu danken, was er ihr schenkte.“

Johannes Urzidil an Franz Kafkas Grab, 1924

Leben im Exil und literarischer Durchbruch

Urzidil arbeitete als Korrespondent für eine Reihe deutschsprachiger Zeitungen (u.a. Prager Tagblatt und Bohemia) und Ende der 1920er Jahre in der Presseabteilung der Deutschen Botschaft in Prag, bevor er 1933 nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten als „Nicht-Arier“ aus dem Dienst entlassen wurde. 

Im Juni 1939, drei Monate nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten nach Prag, flohen Urzidil und seine jüdische Frau über Italien nach Großbritannien, wo er unter anderem bei der BBC für die Berichterstattung über Deutschland verantwortlich war. Die meiste Zeit seines Exils verbrachte er jedoch in New York, wo er ab 1941 eine neue Heimat gefunden hatte. Dort gelang ihm ab Ende der 1950er Jahre auch der literarische Durchbruch. Zu seinen bekanntesten Werken zählen etwa Die verlorene Geliebte (1956), Prager Triptychon (1960) oder Das Elefantenblatt (1962). Daneben schrieb Urzidil eine große Zahl von Artikeln und Essays, oft über böhmische Themen (z. B. Die Tschechen und Slowaken, 1960) oder über Schriftsteller, die ihm nahestanden (v. a. Goethe, Stifter, Kafka, aber auch Henry David Thoreau und Walt Whitman). 

Im Gegensatz zu Italien und Frankreich geriet Johannes Urzidil in Deutschland und Tschechien nach seinem Tod 1970 in Vergessenheit. Selbst heutzutage ist seine Lebensgeschichte, im Vergleich zu anderen Autoren seiner Zeit, kaum bekannt. 

Brückenbauer zwischen den Kulturen

Samerski betonte bei dem literarischen Abend zudem Urzidils reflektiertes Verständnis von Heimat. „Heimat ist nicht ausschließlich geografisch bestimmt. Es sind vielmehr die Menschen, von denen die Heimat gelebt wird, wo immer sie sich auch befinden“, zitierte Samerski den böhmischen Schriftsteller. Dieses Denken sowie sein Exilschicksal machten ihn besonders unter Sudetendeutschen zu einem geschätzten Autor. 

Urzidil verstand sich als Vermittler zwischen den Kulturen und setzte sich für Völkerverständigung ein. Auch deshalb sieht Samerski in ihm einen frühen „Europäer“, dessen Denken über nationale Grenzen hinausging. Laut Samerski habe sich Urzidil nicht als politischen Autor verstanden, sich aber trotzdem immer wieder für Schwächere eingesetzt. So habe er auch die Vertreibungen im 20. Jahrhundert kritisiert. 

Ganz im europäischen Sinne bereiste Urzidil nach dem Zweiten Weltkrieg viele Länder und veranstaltete regelmäßig Lesungen vor Ort, was auch zu seinem Erfolg als Autor beitrug. Auf einer solchen Vortragsreise in Rom starb Urzidil am 2. November 1970. 

Im Anschluss an die Veranstaltung hatten Besucherinnen und Besucher die Gelegenheit, mit dem Autor ins Gespräch zu kommen und die Biografie zu erwerben.

Stefan Samerski: Johannes Urzidil. Leben und Werk im Überblick. Erschienen am 17. März 2026 im Verlag Schnell & Steiner. Preis: 5,00 EUR zuzügl. Versandkosten. Mehr Informationen hier.

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