Mitte April begaben sich Schülerinnen und Schüler aus Bad Tölz auf eine Exkursion ins Egerland, um der deutsch-tschechischen Vergangenheit nachzuspüren. Die Gruppe möchte einen Dokumentarfilm über die Vertreibung der Sudetendeutschen drehen.

„Wir besuchen das Seminar Unterwegs im Egerland und beschäftigen uns mit einem Dokumentarfilm über die Vertreibung der Sudetendeutschen“, erklärt Lino Schwichtenberg. Der 17-Jährige besucht den 11. Jahrgang des Gabriel-von-Seidl-Gymnasiums in Bad Tölz. Es ist der Nachmittag des 14. Aprils, und die 16-köpfige Schülergruppe steht vor den Toren der Maria-Loreto-Kirche in Altkinsberg (Starý Hrozňatov). Von Wald und Wiesen umgeben, ca. 40 Minuten Busfahrt von Eger (Cheb) entfernt, ist die Kirche kein Ort, an dem man zufällig vorbeikommt. „Unser Lehrer hat uns den Impuls gegeben, dann haben wir weiter recherchiert und herausgefunden, dass die Kirche hier komplett zerstört und dann wieder aufgebaut wurde“, erklärt Julia Kohlauf, eine weitere Kursteilnehmerin. „Deshalb haben wir uns für einen Besuch entschieden.“ 

Sogar eine Drohne ist für die Dreharbeiten im Einsatz.
Sogar eine Drohne ist für die Dreharbeiten im Einsatz. Credit: Lennard Halfmann

Sinnbild europäischer Geschichte

Die Kirche scheint genau der richtige Ort zu sein, um Aufnahmen für einen Dokumentarfilm über die Vertreibung und die historischen Zusammenhänge der deutsch-tschechischen Geschichte zu drehen. Zwischen 1646 und 1689 von Egerer Jesuiten gebaut, zog die Maria-Loreto-Kirche in den Jahren danach Pilger aus Böhmen und Bayern an, bevor sie sich zu einer Pfarrkirche für die umliegenden Dörfer entwickelte. Nach dem Jahr 1945, als viele deutsche Einwohner des Dorfes ihre Heimat verlassen mussten, war die Kirche der Zerstörung und Schändung von Grenzsoldaten ausgesetzt und verfiel. Sie wurde erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wieder aufgebaut. Mittlerweile sind auch die Pilger wieder zurückgekehrt. „Unser Job als Lehrer ist es, den jungen Menschen den Wert der Demokratie nahe zu bringen und zeigen, dass die Zukunft in einem vereinten Europa liegt“, erklärt Cornelius von der Heyden, der den Kurs gemeinsam mit seiner Kollegin Adeline Singer leitet. „Lernen am Originalschauplatz macht mehr Sinn als im Klassenzimmer“, so die Meinung des Geographielehrers. 

Lehrer Cornelius von der Heyden möchte den Schülerinnen und Schülern die Geschichte Europas näherbringen – und ihnen zeigen, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen.
Lehrer Cornelius von der Heyden möchte den Schülerinnen und Schülern die Geschichte Europas näherbringen – und ihnen zeigen, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen. Credit: Lernnard Halfmann

Schülerinnen und Schüler organisieren alles selbst

Der Kurs „Unterwegs im Egerland“ ist der dritte seiner Art, den der Lehrer organisiert, oder besser: organisieren lässt. Die Schülerinnen und Schüler müssen sich um alles selbst kümmern: von der Planung der Strecke, über das Buchen der Übernachtung bis hin zum Programm. Auch die Kontaktaufnahme mit der Presse erfolgte durch die Schülerinnen und Schüler selbst: „Diese Herausforderungen zu meistern, ist ein echter Erfolg, den die Schülerinnen und Schüler mitnehmen können“, ist Cornelius von der Heyden überzeugt, der den 16- und 17-jährigen Schülern nicht nur die Geschichte Europas näherbringen, sondern ihnen zeigen möchte, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen. 

Dokumentarfilm-Premiere im Oktober geplant

Im Rahmen des Projekts von Cornelius von der Heyden besuchte die Gruppe bereits im vergangenen Jahr den Brünner Versöhnungsmarsch. „Mein Opa wurde vertrieben. Er wurde aus Radonitz in einem Viehwaggon nach Bayern transportiert. Mir war seine Geschichte bekannt, ich war aber nicht wirklich vertraut damit: Ich wusste nicht, wie viele das gleiche Schicksal hatten, welche Hintergrundgeschichte die Vertreibung hatte… Das hat sich alles erst seit Mai letzten Jahres ergeben, als wir mit dem Versöhnungsmarsch in Verbindung gekommen sind“, berichtet Schüler Adrian Wenisch. 

Im Rahmen der Arbeit am Dokumentarfilm sind weitere Besuche an historischen Orten geplant. Auch ein Besuch des kommenden Sudetendeutschen Tages – dem ersten auf dem Gebiet des heutigen Tschechiens – ist angedacht. Im Oktober soll der Dokumentarfilm der Schülerinnen und Schüler im Haus des Deutschen Ostens in München seine Premiere feiern.

Dieser beitrag erschien zuerst in der landesecho-ausgabe 5/2026

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