Bei einem Treffen in Teplitz beschwören Vertreter von AfD und tschechischer SPD die deutsch-tschechische Zusammenarbeit und bringen auch deutsche Fördermittel ins Spiel. In seiner Kolumne wundert sich Autor Jürgen H. Jakob über plötzlich entdeckte Gemeinsamkeiten und fragt sich, was der heilige Clarius damit zu tun hat.

Ich lebe als Deutscher in Tschechien. Und als jemand, der sich mit Geschichte befasst, habe ich gelernt, dass man bei Reliquien, politischen Versprechen und Fördermitteln immer genau hinschauen sollte. In allen drei Fällen ist für den Laien nicht sofort erkennbar, wie viel Substanz tatsächlich dahintersteckt.

Nun trafen sich in Teplitz (Teplice) Vertreter der tschechischen SPD (Freiheit und direkte Demokratie) und der deutschen AfD. Nicht an einem Grenzübergang, nicht in einem Industriegebiet und auch nicht dort, wo die grenzüberschreitende Zusammenarbeit seit Jahrzehnten tatsächlich stattfindet. Nein. Man traf sich in der Kreuzerhöhungskirche – direkt bei den sterblichen Überresten des heiligen Clarius. Das war klug gewählt. Wo sonst sollte man politische Wunder erwarten als in unmittelbarer Nachbarschaft eines Heiligen?

Geschichte als Kulisse

Die deutsche Delegation führte der AfD-Bundestagsabgeordnete Steffen Janich an. Gemeinsam erinnerte man an Clarius und kurz darauf an Judith von Thüringen. Die deutsche Königstochter gründete Ende des 12. Jahrhunderts das Benediktinerinnenkloster von Teplitz und gab der Entwicklung der Stadt entscheidende Impulse.

Im begleitenden Bericht klang das allerdings fast so, als habe Judith persönlich die Thermalquellen aus dem Erzgebirge gemeißelt. Das wäre historisch ungefähr so präzise, als würde man behaupten, Konrad Adenauer habe den Rhein erfunden. Geschichte diente an diesem Nachmittag ohnehin eher als stilvolle Kulisse. Serviert wurde Zukunft.

Man sei sich einig gewesen, hieß es, dass gemeinsame Projekte in Kultur, Tourismus und Sicherheit entstehen sollen. Das klingt beeindruckend. Welche Projekte damit gemeint sind, blieb allerdings offen: Weder wurden konkrete Vorhaben oder Träger genannt noch ein Zeitplan oder eine Finanzierung. In der Politik erkennt man konkrete Projekte manchmal gerade daran, dass niemand sagen kann, worum es eigentlich geht. Vielleicht entsteht ein deutsch-tschechischer Pilgerweg des heiligen Clarius. Vielleicht bekommt Judith von Thüringen eine Smartphone-App. Oder die Reliquien erhalten ein grenzüberschreitendes Sicherheitskonzept. Man wird sehen.

Wenn die Fördermittel sprudeln

Besonders aufmerksam wurde ich bei der Ankündigung, die deutschen Partner wollten Möglichkeiten deutscher Fördermittel erschließen. Vor meinem geistigen Auge tat sich sofort eine warme Quelle im Erzgebirge auf, aus der deutsche Steuergelder direkt in bereitstehende Fördertöpfe fließen, ganz ohne Kostenplan oder Eigenmittel. Die Realität ist leider prosaischer.

Dabei wäre gegen gute gemeinsame Projekte überhaupt nichts einzuwenden. Ich lebe hier. Ich weiß, wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Tschechien ist. Sie funktioniert allerdings nicht erst seit diesem Treffen. Seit Jahrzehnten arbeiten Kommunen, Museen, Universitäten, Schulen, Vereine, Kirchen und zahllose Ehrenamtliche über die Grenze hinweg zusammen. Nicht weil sich Parteien dazu fotografieren lassen. Sondern weil Menschen miteinander arbeiten.

Gerade deshalb wirkt es etwas kühn, wenn sich ausgerechnet zwei Parteien als Entdecker einer Zusammenarbeit präsentieren, die längst Alltag geworden ist. Ein erheblicher Teil der hierfür verwendeten Fördermittel stammt aus der Europäischen Union. Ausgerechnet jener Europäischen Union also, die in den politischen Erzählungen von AfD und tschechischer SPD sonst eher den Charakter einer überdimensionierten Fehlkonstruktion besitzt. Brüssel ist offenbar wahlweise Bedrohung oder Geldautomat. Je nachdem, auf welcher Seite des Förderbescheids man gerade steht.

Die Vergangenheit bleibt

Besonders bemerkenswert fand ich schließlich den Satz, die Vergangenheit liege nicht mehr auf dem Tisch. Als Historiker beruhigt mich das nur bedingt. Vergangenheit liegt selten auf dem Tisch. Meist liegt sie darunter, tritt den Anwesenden gegen das Schienbein und wartet geduldig darauf, dass wieder jemand erklärt, man müsse jetzt endlich nur noch nach vorne schauen. Gerade die deutsch-tschechische Versöhnung ist nicht dadurch entstanden, dass man die Geschichte geschlossen hielt. Sondern dadurch, dass man sie geöffnet, erforscht, diskutiert und manchmal auch ausgehalten hat.

Zum Schluss bat der Verfasser des Berichts über das Treffen um einen sachlichen Umgangston in den Kommentaren. Das erscheint vernünftig. Wer AfD, tschechische SPD, Sudetendeutsche, deutsche Fördermittel und einen mittelalterlichen Heiligen in einem einzigen Beitrag zusammenführt, sollte vorsorglich nicht nur die Moderation bereithalten, sondern vielleicht auch den Kampfmittelräumdienst. So bleibt vorerst das Wunder von Teplitz: Es gibt weder ein benanntes Projekt noch einen bekannten Projektträger, keinen Förderbescheid und keine Finanzierung. Nur die Erfolgsmeldung ist bereits fertig. Der heilige Clarius soll zahlreiche Wunder vollbracht haben. Dieses dürfte selbst in seiner Vita fehlen.

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