Etwa 200 Schülerinnen und Schüler erinnerten auf einem Gedenkmarsch von Postelberg (Postoloprty) nach Saaz (Žatec) an das Massaker an der deutschen Bevölkerung vor 81 Jahren. Auch Botschafter Peter Reuss und Erzbischof Stanislav Přibyl nahmen an der Veranstaltung teil.
Am Mittwoch, den 3. Juni 2026, fand zum fünften Mal der „Schüler-Gedenkmarsch“ von Postelberg (Postoloprty) nach Saaz (Žatec) statt. Etwa 200 Schülerinnen und Schüler aus den umliegenden Schulen in Laun (Louny), Saaz (Žatec), Kaaden (Kadaň), Klösterle an der Eger (Klášterec nad Ohří), Prag sowie weiteren Schulen nahmen daran teil. Die Veranstaltung erinnerte an die Opfer des sogenannten Postelberg-Massakers von 1945, dem größten Massenmord an deutschen Zivilisten auf tschechischem Gebiet nach dem Zweiten Weltkrieg.
Gedenksteine und Skulpturen erinnern an das Massaker
Nach einer Andacht in der Kirche Maria-Himmelfahrt in Postelberg, geleitet vom Prager Erzbischof Stanislav Přibyl, versammelten sich die Schülerinnen und Schüler und weitere Teilnehmende um 10 Uhr auf dem Platz vor der Kirche.

Der erste Halt des etwa 16 Kilometer langen Marsches war eine Skulptur des tschechischen Bildhauers Čestmír Suška. Das Haus, gebaut aus Metall, ist Teil der Reihe der „Verlassenen Häuser“. Die Skulptur in Postelberg steht auf dem Grundstück der Brüder Rick und Walter Urban. Im Gespräch mit den Schülerinnen und Schüler erzählten die Zeitzeugen von ihren Erinnerungen. Zum Zeitpunkt des Massakers 1945 waren sie acht Jahre alt.
Viele der Orte, an denen die Verbrechen stattfanden, wie die Levonice-Fasanerie, sind mittlerweile zerstört. Entlang der Strecke erinnern Gedenksteine, die in den vergangenen Wochen von den Organisatoren aufgestellt wurden, an die Verbrechen von damals. Mittels eines angebrachten QR-Codes können die Besucher auf der Webseite mehr über die Geschichte erfahren.
Versöhnung entsteht durch Kommunikation
Nach einer kurzen Pause auf dem Schloss Steknik führte die Strecke weiter nach Saaz (Žatec). Zum Abschluss fand in der Kirche der Krönung Marias eine Wallfahrtsmesse mit Abendmahl statt. In seiner Predigt erinnerte Erzbischof Stanislav Přibyl daran, dass es beim Prozess der Versöhnung nicht um Schuldzuweisung gehe, sondern um Barmherzigkeit. „Der heutige Weg von Postelberg nach Saaz, konnte uns daran erinnern, dass Vergebung nicht durch Worte entsteht, sondern manchmal buchstäblich durch Schritte, die eine Haltung zum Ausdruck bringen“, erklärte der Erzbischof.
Auch der deutsche Botschafter Peter Reuss nahm an der Messe teil. Im Vorfeld legte er Blumen auf dem Friedhof im Gedenken an die Opfer nieder. In seiner Rede erinnerte er an den Prozess der Verständigung und verwies auf das 30-jährige Jubiläum der Deutsch-Tschechischen Erklärung im kommenden Jahr.
Vergessene Geschichte
Ins Leben gerufen wurde der Marsch 2021 von Petr Zemánek, Lehrer am Jan-Kepler Gymnasium in Prag. In den 1980er Jahren war er während seines Wehrdienstes in der Kaserne Postelberg stationiert. Damals fand er durch Zufall einen Menschenknochen. Wie sich später herausstellte, stammte dieser vom Postelberg-Massaker, über das er zu dieser Zeit jedoch noch nichts wusste.
Auch viele der teilnehmenden Schülerinnen und Schüler wussten vor dem Gedenkmarsch nur wenig über die Ereignisse von 1945. Jakub (17) und Ondřej (15), die in der Region aufgewachsen sind, haben vom Postelberger Massaker bislang lediglich auf Wikipedia gelesen. Štefan (18) aus Laun berichtet, seine Klasse habe im Vorfeld des Gedenkmarschs einen Film zum Thema angesehen. Wie Lehrer Zemánek erklärt, soll der Schüler-Gedenkmarsch Geschichte vor Ort erfahrbar machen und zur Auseinandersetzung mit einem lange verdrängten Kapitel der deutsch-tschechischen Vergangenheit anregen.
Zemánek hofft, dass im kommenden Jahr auch Schulen aus Deutschland an dem Gedenkmarsch teilnehmen. „Aktuell ist das Interesse leider nicht groß. Gemeinsame Treffen sind ein wichtiger Teil der Versöhnung“, so Zemánek mit Blick auf die Zukunft.
Weitere Gedenkveranstaltung an diesem Wochenende
Das Saazer Verschönerungskollektiv ŽOK (Žatecký okrašlovací kolektiv) veranstaltet in Zusammenarbeit mit dem Regionalmuseum K. A. Polánek am Sonntag, den 7. Juni, ab 14 Uhr im Kapuzinerkloster in Saaz ein Begleitprogramm zum Schüler-Gedenkmarsch unter dem Titel „Scherben im Räderwerk der Geschichte. Postelberg 1945“. Bestandteil des Programms ist die Vorstellung des Buches Splitter grausamer Jahre, der Autorin Milada Krausová sowie eine anschließende Podiumsdiskussion zusammen mit Petr Hlaváček und Jiří Kopic. Im Anschluss wird außerdem ein Dokumentarfilm mit Porträts von Zeitzeugen des Postelberger Massakers beziehungsweise deren Nachkommen sowie bedeutenden Persönlichkeiten gezeigt, die dieses unheilvolle Kapitel der deutsch-tschechischen Beziehungen in ihrem Werk reflektieren oder sich um Versöhnung zwischen unseren Nationen bemühen.
Das Massaker von Postelberg
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam es in Postelberg (Postoloprty) und Umgebung zu den schwersten Gewaltverbrechen gegen die deutsche Zivilbevölkerung auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik. Zwischen Mai und Juni 1945 wurden bei sogenannten „Säuberungsaktionen“ zahlreiche deutsche Männer, Frauen und Jugendliche festgenommen und ermordet.
Im Rahmen der Ermittlungen 1947 wurden insgesamt 763 Opfer exhumiert. Es ist jedoch davon auszugehen, dass bis heute noch immer nicht alle Gräber entdeckt worden sind – Historiker gehen von mindestens 1600 Opfern aus. Die Ermittlungen wurden bereits ein Jahr später eingestellt. Erst nach 1989 begann eine breitere öffentliche Aufarbeitung der Ereignisse.
Heute erinnern mehrere Gedenkorte in und um Postelberg an die Opfer. Der Schüler-Gedenkmarsch von Postelberg nach Saaz (Žatec) gehört zu den wichtigsten Erinnerungsveranstaltungen der Region.
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