Die Burg Pravý hradec gehört neben Levý hradec und der Prager Burg zu den ältesten Sitzen der Přemyslidenfürsten. Foto: Detmar Doering

Die Erdwälle sind längst von Bäumen und Sträuchern überwachsen. Nur wenig ist noch sichtbar von ihr, der frühmittelalterlichen Wallburg bei Groß Kletzan (Klecany), rund zwei Kilometer nördlich der Prager Stadtgrenze. Hoch über dem rechten Ufer der Moldau stand die Pravý Hradec (Rechte Burg) im Schatten der gegenüber auf dem linken Ufer gelegenen Levý Hradec, die als die Wiege des böhmischen Reiches und des Herrschergeschlechts der Přemysliden gilt, das von dort aus das Land christianisierte.

Pravý Hradec dürfte möglicherweise in einem nicht mehr ganz zu klärenden militärischen Zusammenhang mit der Levý Hradec gestanden haben, denn es war immer gut, zwei Ufer eines strategisch wichtigen Flusses zu bewachen. Lange vermutete man hier schon eine Wallburg. Alte Chroniken erwähnten vage, dass im Jahr 777 der legendäre Přemysl, der Stammvater des böhmischen Herrschergeschlechts, hier einem treuen Gefolgsmann das spätere Burgareal schenkte, das aber offenkundig nicht identisch mit der in der Nähe liegenden Festung ist, die hier im 14. Jahrhundert entstand, und aus der sich später durch Umbau das örtliche Schloss Klecany entwickelte.

Erst Josef Ladislav Píč, einer der Pioniere der Archäologie in Böhmen und Leiter der archäologischen Abteilung des Nationalmuseums, wies 1891 nach, dass sich hinter etlichen Erdformationen am südöstlichen Rand von Klecany eine alte Wallburg von rund 5,8 Hektar Ausmaßen verbarg. Die datierte er später in seinem mehrbändigen Standardwerk Starožitnosti země české (Altertümer der böhmischen Länder, 1899-1909) auf das 12. Jahrhundert, aber spätere Forschungen gehen davon aus, dass die Burg ihre Blüte im 8. bis 10. Jahrhundert hatte. Wie überhaupt das Areal um Klecany mit seinem die Moldau überragenden Felsvorsprung schon seit dem Bronzezeitalter besiedelt war.

Im Jahr 2000 führte die Archäologin Nad’a Profantová zusammen mit ihrem Kollegen Ivan Krutina eine Teilausgrabung durch, bei der zwei Gräberfelder aus dem 10. Jahrhundert mit reichen Grabbeigaben gefunden wurden. Eine vollständige Erforschung der Burganlage steht aber noch aus. Profantová vermutet mit gutem Grund, dass sich zum Ende des 10. Jahrhunderts in der Wallburg eine hölzerne Kirche befand, aber es gibt eben noch keine archäologische Evidenz dafür. Inszwischen hat ein 2007 gegründeter und sehr engagierter Freundesverein aus Klecany einen kleinen Lehrpfad mit Tafeln eingerichtet und wirbt für weitere und intensivere Forschungen im Gelände, das möglicherweise noch einige Überraschungen in sich bergen könnte.

Man muss als Ausflüger im landschaftlich übrigens sehr schönen Areal schon sehr nach erkennbaren Spuren der Burg suchen, die kaum je mehr als ein Erdwall mit Palisaden gewesen sein kann. Im Nordosten ist der Wall noch am deutlichsten erhalten. Und dadurch, dass er dort noch mit Strauchwerk überwachsen ist, während das Innenareal häuptsächlich aus Wiesenlandschaft besteht, kann man sich die Ausmaße recht gut vorstellen. Im Westen kann man spärliche Spuren eines Grabens erkennen. Am äußeren Felsrand zur Moldau sind durch Besiedlung und Steinabbau wohl einige Teile der Anlage verloren gegangen.

Richtig schön bemerkt man allerdings, wenn man dem Wegweiser des Pfads hinunter zu Moldau durch die Čertovka (Teufelsschlucht) folgt, und erkennen kann, wie damals die steilen Felsabstürze in die uralte Verteidungsstruktur einbezogen wurden. Der Weg durch die größtenteils künstliche, d.h. gegrabene Schlucht, die weiter unten einen scharfen Bogen macht, damit der Feind von unten nicht die Bewegung von Verteidigern zum Ufer erkennen konnte, lässt wohl am deutlichsten den sonst kaum erkennbaren Festungscharakter des Areals erkennen (siehe Bild links und großes Bild oben).

Manchmal ist es ja aufregender, wenn man fast nichts sieht, als wenn viel geboten wird. Das regt die Phantasie an. Jedenfalls ist der wunderschöne Wanderweg um die alte Burganlage so etwas wie eine spannende Entdeckungsreise mit schönem Moldaublick. Das sollte aber die Archäologen nicht davon abhalten, in Zukunft intensiver und umfänglicher Ausgrabungen zu unternehmen. Selbst sollte man hier aber nicht mit Hacke und Spaten loslegen – auch wenn die Versuchung groß ist und man eventuell wirklich etwas Wertvolles findet. Die Archäologie soll man besser den Archäologen überlassen.


Ahoj aus Prag Titelbild

Ahoj aus Prag! Seit September 2016 leben wir berufsbedingt in Prag. Wir – eigentlich Rheinländer – haben sie schon voll in unser Herz geschlossen, diese Stadt! Deshalb dieser Blog, in dem wir Fotos und Kurzberichte über das posten, was diese Stadt so zu bieten hat und was wir so erleben. Wir, das sind:

Lieselotte Stockhausen-Doering und Detmar Doering

… und unser Hund Lady Edith! Wer sich in Prag einmal umschauen möchte, wird auf diesem Blog nach einiger Zeit sicher Interessantes finden, was nicht jeder zu sehen bekommt, der die Stadt besucht. Viel Spaß beim Lesen!

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