An einem Julitag vor 200 Jahren hört eine Frau auf dem Weg von Haindorf nach Reichenberg ein Weinen. Aber was könnte das sein?
Reichenberg (Liberec) und Haindorf (Hejnice) trennt voneinander der bewaldete Bergsattel Hemmrich, tschechisch Oldřichovské sedlo. Im Mittelalter führte hier ein Handelsweg von Böhmen nach Sachsen, und da es damals noch keinen anderen gab, diente dieser lange Zeit auch allen Bewohnern des Isergebirges.
Die Kunde von einer Marienerscheinung mit wundersamer Genesung zog schon im 13. Jahrhundert die Pilger von nah und fern an. Die Holzkapelle mit kleiner Marienstatue wurde erst durch eine gotische und später durch die imposante barocke Kirche ersetzt. Der Wallfahrtsort Haindorf erfuhr seine Blütezeit unter der Herrschaft derer von Gallas. Im 17. Jahrhundert zählte man bis zu 7 000 Pilger, und so wurde an der Stelle der Marienerscheinung für die Bedürfnisse des stetig wachsenden Pilgerstroms ein Franziskanerkloster errichtet.
An einem Julitag, vor gut 200 Jahren, zog wieder einmal eine Prozession mit Psalmgesang und Gebet von Haindorf durch Hemmrich zurück nach Reichenberg. Eine zierliche Frau aus Gablonz (Jablonec nad Nisou) blieb etwas zurück. Als sie den Pilgern durch den Wald folgte, hörte sie plötzlich etwas. „Was war es bloß? Etwa ein Weinen?“, wunderte sie sich. Sie horchte kurz ⎼ und tatsächlich! Jetzt war sie sich sicher, es war ein Kinderstimmchen. Sie ging ihm nach und bald fand sie im Buchengesträuch ein Kindlein, einen Jungen, gewickelt in ein Tuch. Sie rief einige der Frauen, die vor ihr gingen, herbei und zeigte ihnen das Findelkind. „Was nun? Man kann es doch nicht hier liegen lassen.“
Die ratlosen Frauen redeten alle durcheinander, waren auch in Sorge, ob es nicht ein Wechselbalg sei. Inzwischen bildete sich um sie eine Menschentraube, misstrauisch beäugte man das Kind und beriet sich. Da fasste die Frau einen Entschluss. Sie nahm das weinende Bündel in die Arme: „Es ist sicher kein Wechselbalg! Wir nehmen den Kleinen mit. Die Männer sollen vorgehen und unterwegs in umliegenden Dörfern nachfragen, ob dort nicht ein Kind vermisst wird.“ Doch alles umsonst. Weder im nahen Dorf, noch in einem der Häuser, die am Weg lagen, wusste man von einem verlorenen Kind. So kamen die Pilger bis Reichenberg, gingen nach Hause, und der barmherzigen Frau blieb nichts anderes übrig, als den Jungen heim nach Gablonz mitzunehmen. Ihr Mann, von dem seltsamen Mitbringsel keineswegs begeistert, murrte zwar, aber sie setzte sich durch. Das arme Kind seinem Schicksal zu überlassen, kam nicht in Frage. Und so behielten sie es. Die Pflegeeltern, brave gottesfürchtige Leute, ließen das Kind in Nabsel (Bzí) taufen, und der dortige Pfarrer gab ihm gleich auch einen Nachnamen: „Der Junge soll Hemmrich heißen, nach seinem Fundort.“ Der kleine Hemmrich war ein liebes Kind, bereitete seinen Pflegeeltern Freude und machte sich auch als Erwachsener gut. Er hinterließ viele Nachkommen, die im Gablonzer Land seit Generationen zufrieden lebten und arbeiteten. Und der Familienname Hemmrich ist dort bis heute keine Seltenheit.
Quelle: Sagen und Märchen der Deutschen aus dem Isergebirge (Petra Laurin & Monika Hanika), Haus der deutsch-tschechischen Verständigung in Reinowitz, 2022 / Pověsti a pohádky Němců z Jizerských hor (Petra Laurin & Monika Hanika), Dům česko-německého porozumění v Rýnovicích, 2022.
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