Ein Retro-Zugerlebnis bei einem Ausflug durch die schönen Flusslandschaften von Moldau und Sázava – diesen Spaß kann man sich an Wochenenden in den Monaten von April bis Oktober vom Prager Hauptbahnhof aus gönnen.

Foto: Detmar DoeringDie Strecke wurde schon ganz zu Ende des 19. Jahrhunderts gebaut. Ursprünglich als wichtige Verkehrsachse gedacht, entwickelte sie sich bereits in der Zeit der Ersten Republik in den 1920er/30er Jahren zunehmend zu einer Ausflugsbahn für Prager, die einen kurzen Ausflug ins Grüne machen wollten. Die in Anspielung auf die amerikanische transkontinentale Bahngesellschaft Union Pacific (die man von Western-Filmen kennt) stolz Posázavský Pacifik genannt wurde, war eine anspruchsvolle Bauleistung. Die bis heute nicht elektrifizierte Bahnlinie erstreckte sich von Prag bis zum 157 Streckenkilometer entfernten Světlá nad Sázavou.

Der Sázava-Motorzug (Posázavský motoráček) genannte Retro-Ausflugszug fährt allerdings nur rund 45 Kilometer über Orte wie Vrané nad Vltavou mit seiner schönen Stauanlage, Davle (wo 1968 der US-Film Die Brücke von Remagen gedreht wurde), Jílové u Prahy (wo es ein schönes Heimatmuseum für die Region gibt) bis nach Čerčany. Von da geht es wieder zurück. Ein Highlight der Strecke ist das nahe Jílové gelegene pittoreske, fast 42 Meter hohe Žampacher Viadukt (Žampašský viadukt). Hier an der Sázava fährt man durch den landschaftlich schönsten Teil der Route mit malerischen Felsen überall über dem Fluss. Man passiert unzählige Tunnel und erahnt, welche Meisterleistung, aber auch welche Anstrengungen für den Bau der meist einspurigen Strecke erbracht wurden.

Foto: Detmar DoeringGanz und gar authentisch wäre der Ausflug, wenn man die zur Zeit der Einweihung üblichen Dampfloks zum Einsatz gebracht hätte. Das ist wohl nicht mehr möglich, aber die Dieselzüge aus der Zeit des Realsozialismus haben auch einen unerwartet großen Retro-Charme. Im Prinzip handelt es sich nicht um einen klassischen Zug, sondern um zwei Triebwagen und eine reine Lokomotive, die aneinandergereiht wurden. Die beiden eigentlich motorisierten Triebwagen dienen letztlich als Waggons. Gezogen wird das Ganze also von einer Lokomotive der Baureihe T 458.1, die in den Jahren 1962 bis 1970 bei ČKD Praha als eine schnellere Variante der T 435 gefertigt wurde. Sie schaffte immerhin 80 Kilometer pro Stunde Geschwindigkeit und verfügte über einen enormen Kraftstoffvorrat von 4000 Litern, weshalb sie im Volksmund den Namen „Velký Hektor“ („Großer Hektor“) verpasst bekam.

Die T 458.1 wurde erst im Jahr 2000 von der Tschechischen Bahn (Ceské drahy) ausgemustert. Da war der Kommunismus gottlob seit Längerem beendet. Entsprechende Insignien wurden nach 1989 verständlicherweise entfernt. Für eine richtige Retro-Bahn gehört sich aber eine originale Optik, so wie sie ursprünglich war. Deshalb wurde auch vorne auf dem Motor wieder ein roter Stern angebracht. Dabei meinte es der reale Sozialismus gar nicht so gut mit der T. 458.1, denn die vielbeschworene internationale Solidarität der sozialistischen Brüdervölker funktionierte bei ihr nicht so recht. Die DDR bestellte nur drei Exemplare zur Probe und befand sie unbrauchbar. Dabei funktionieren die drei Exemplare heute noch als Werkbahn und auch die Lokomotive des Posázavský motoráček läuft einwandfrei. In der Tschechoslowakei wurden immerhin 235 Stück angefertigt und erfolgreich zum Einsatz verwendet…Foto: Detmar Doering

Foto: Detmar DoeringAm anderen Ende unseres Wochenend-Retrozuges befindet sich ein Triebwagen der Baureihe M 286.1, der den Spitzname „krokodýl“ (Krokodil) verpasst bekommen hat. Zwischen 1962 und 1967 wurden von diesem Typ ganze 52 Stück durch die Firma Vagónka studénka gebaut, die 1998 Teil der ČKD und 2000 schließlich aufgelöst wurde. Bis 2014 waren sie noch bei der Tschechischen Eisenbahn regulär im Einsatz. Man sieht die M 286.1 auf dem großen Bild oben. Die „Endposition“ und die großen halbrunden Fenster dort, machen den M 286 auf dieser Strecke eigentlich zu dem idealen Aussichtswagen.

Darüber sollte man das Innere nicht übersehen, welches das Retro-Erlebnis erst zum richtigen Retro-Erlebnis macht. Der seltsame geschwungene Toilettensitz, die mit grünem Leder bezogenen Sitze (von denen es 48 gibt) oder der bullerige Heizkörper aus silbrigem Metall, der sehr robust wirkt, sind nur einige originelle Beispiele.

Foto: Detmar DoeringZwischen Lok und M 286.1 befindet sich dann der vom gleichen Hersteller produzierte Triebwagen der Baureihe M 262.0, der von 1949 bis 1960 in 250 Exemplaren produziert wurde. Offiziell wurde der Typ bei der Tschechischen Bahn erst 2011 ausgemustert. Mit 56 Sitzen ist er marginal größer als der M 286.1. Er ist etwas kastenförmiger, weshalb man ihm den Nicknamen „Schrank“ (kredenc) gab. Aber er ist relativ bauähnlich, weshalb die Gruppierung mit dem M 286. optisch schlüssig wirkt, wie man hier auf dem Bild mit dem Halt im Örtchen Luka pod Medníkem sieht.

Auf jeden Fall ist der aus drei Wagen bestehende Retro-Zug in die Region südlich von Prag ein Erlebnis, das man sich in den warmen Monaten des Jahres unbedingt gönnen sollte. Das kann man in dieser Form erst seit 2015. Das Umland von Prag – insbesondere entlang der Moldau und ihrer Nebenflüsse – ist nämlich ausgesprochen reizvoll. Und es auf diese Weise zu erschließen, ist die beste Art, die man sich denken kann.


Ahoj aus PragAhoj aus Prag! Seit September 2016 leben wir berufsbedingt in Prag. Wir – eigentlich Rheinländer – haben sie schon voll in unser Herz geschlossen, diese Stadt! Deshalb dieser Blog, in dem wir Fotos und Kurzberichte über das posten, was diese Stadt so zu bieten hat und was wir so erleben. Wir, das sind:

Lieselotte Stockhausen-Doering und Detmar Doering

… und unser Hund Lady Edith! Wer sich in Prag einmal umschauen möchte, wird auf diesem Blog nach einiger Zeit sicher Interessantes finden, was nicht jeder zu sehen bekommt, der die Stadt besucht. Viel Spaß beim Lesen!