Auf dieses Gebäude ist man in Prag stolz, hatte es doch gezeigt, dass heimische Architekten auf Weltniveau mithalten konnten: der tschechoslowakische Pavillon der Expo 1958 in Brüssel.

Die Expo war die erste große Weltausstellung nach dem Zweiten Weltkrieg, wo sich (unter den Bedingungen des Kalten Krieges) die Länder der Welt in Sachen Technik, Wissenschaft und Wirtschaft miteinander maßen.

Zum Wettbewerb gehörte auch die Konkurrenz um die am avantgardistischsten gestalteten nationalen Pavillons und Ausstellungsgebäude. Waren die besonders gut und aufsehenerregend geraten, hatten sie oft eine längere Existenzdauer als es ursprünglich vorgesehen war. Das war schon immer so. Der Eiffelturm war 1889 auch nur für die Dauer der Pariser Weltausstellung errichtet worden, steht aber immer noch. Es galt auch für regionale Industrieausstellungen wie die große Prager Jubiläumsindustrieausstellung von 1891, die bis heute in der Stadt Spuren hinterlassen hat.img 0175

Auch die Brüsseler Expo 58 bereicherte langfristig und weltweit die Architektur. Die Fußgängerbrücke des Pavillons der Bundesrepublik kann man heute noch bei Duisburg als Autobahnübergang bewundern. Brüssel selbst zählt immer noch das berühmte Atomium zu seinen Wahrzeichen. Ja, und dann ist da eben auch der tschechoslowakische Pavillon. Der heimste damals eine Riesenmenge von Architekturpreisen ein – wohl 14 an der Zahl. Das verdankte man den Planungen der Architekten František Cubr, Josef Hrubý und Zdenĕk Pokorný, die 1956 die nationale Ausschreibung für den Bau gewonnen hatten. Zu dieser Zeit waren Stalin und sein getreuer tschechoslowakischer Helfer Gottwald schon tot, weshalb kein Zwang mehr bestand, das Land im kitschigen Zuckerbäckerstil zu repräsentieren. Die drei Architekten durften sich ohne Beschränkung in jenem Stil des neuen Funktionalismus austoben, der auch im Westen gerade en vogue war.

img 0176Der Pavillon bestand aus zwei Modulen, dem eigentlichen großen Ausstellungsgebäude und einem Restaurantmodul. Im Hauptgebäude wurden nicht nur technische Errungenschaften vorgestellt, sondern auch damit verbundene Kulturaufführungen. Hier konnten Besucher erstmals die Laterna Magika bewundern, das erste konsequent als solches konzipierte Multimediatheater der Welt (das heute hier in Prag untergebracht ist). Keine Frage: Nachdem es bei der Expo so preisgekrönt eingeschlagen war, konnte man das Ganze nicht einfach mit dem Ende der Weltausstellung (sie dauerte ja nur vom April bis zum Oktober 1958) abreißen. Also baute man es 1960 Stück für Stück und stellte es im folgenden Jahr wieder in Prag auf. Allerdings nicht an einem Ort. Das Hauptgebäude wurde etwas außerhalb in Holešovice (Prag 7) auf dem ehemaligen Ausstellungsgelände (Výstaviště Praha) von 1891, das Restaurant oben am Rande der Anhöhe des Letná-Parks (Letenské sady) aufgestellt. Von dort aus erlaubte es den Besuchern eine unglaubliche Aussicht über die Moldau und Altstadt.

Glücklich ging das Ganze aber nicht aus. Im Oktober 1991 brannte das Hauptgebäude auf dem Ausstellungsgelände völlig und irreparabel ab und musste abgerissen werden. Dem architektonisch noch avantgardistischeren Restaurant blieb dieses Schicksal zwar erspart, aber eine nicht ganz glücklich verlaufene Privatisierung nach dem Ende des Kommunismus (1989) setzte ihm zu. Der neue Eigner, der es 1991 erwarb, kümmerte sich nicht adäquat um das denkmalgeschützte Gebäude. Nach mehreren Besitzerwechseln wurde es 1997 von einem sanierungswilligen und -fähigen Investor übernommen. Der wollte jedoch das Restaurant in ein Bürogebäude umwandeln. Trotz anfänglichen Widerstands seitens des Kulturministeriums wurde das Gebäude am Ende doch in diesem Sinne radikal umgebaut, um es dem neuen Zweck anzupassen. Am Ende gelang den beauftragten Architekten Barbora Skorpilova und Jan Padrnos sogar tatsächlich eine sehr einfühlsame und unter Verwendung vieler originaler Bauteile erfolgte Renovierung. Die Denkmalschützer konnten aufatmen. Aber die schöne Aussicht in einem Café zu genießen, ist Touristen nun nicht mehr so einfach möglich. Heute residiert im ehemaligen Restaurant eine Werbeagentur.

Gottlob kann man das recht transparente Gebäude bei einem Spaziergang auf der Letná-Höhe von außen immer noch hervorragend studieren. Die leichte Glas- und Stahlarchitektur mit ihrer Kombination geometrischer Formen (Kreise/Quader) wirkt auch heute noch ausgesprochen modern und auch ansprechend. Der 1958 von den Fortschritten in Raumfahrt und Atomtechnologie geprägte Optimismus, der sich in dem Motto der Expo 58 wiederfand – „Technik im Dienste des Menschen. Fortschritt der Menschheit durch Fortschritt der Technik“ – hat in dem Gebäude in gelungener Weise seinen Ausdruck gefunden.


 Ahoj aus PragAhoj aus Prag! Seit September 2016 leben wir berufsbedingt in Prag. Wir – eigentlich Rheinländer – haben sie schon voll in unser Herz geschlossen, diese Stadt! Deshalb dieser Blog, in dem wir Fotos und Kurzberichte über das posten, was diese Stadt so zu bieten hat und was wir so erleben. Wir, das sind:

Lieselotte Stockhausen-Doering und Detmar Doering

… und unser Hund Lady Edith! Wer sich in Prag einmal umschauen möchte, wird auf diesem Blog nach einiger Zeit sicher Interessantes finden, was nicht jeder zu sehen bekommt, der die Stadt besucht. Viel Spaß beim Lesen!