Die Schützeninsel hat ihren Namen von den Stadtschützen aus dem 16. Jahrhundert. Foto: Detmar Doering

Sie hat sich inzwischen zu einem kleinen Freizeitparadies für einheimische Prager, aber auch Touristen enwickelt: Die Schützeninsel (Střelecký ostrov).

Vor der Altstadt liegend, ist sie heute zu Fuß über die Most Legii (Brücke der Legionen) erreichbar. Die wurde aber als die zweite Prager Moldaubrücke überhaupt in den Jahren 1898 bis 1901 erbaut. Sie ersetzte wiederum eine 1839-41 entstandene Kettenbrücke. Vorher musste man per Boot hinüberschippern.

Das war natürlich der Exklusivität der „Location“ angemessen. Die Flussinsel, die im 12. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt wurde, war im 14. Jahrhundert im Besitz des Johanniterordens, der hier sogar eine kleine Festung errichtete. Als befestigter Standort spielte die Insel noch im Dreissigjährigen Krieg eine Rolle bei der Verteidigung der Stadt gegen die 1648 einfallenden Schweden. Aber schon 1562 hatte König Ferdinand I. den größten Teil der Insel den Stadtschützen der Altstadt gegeben.Foto: Detmar Doering

Und daher hat die Insel auch ihren heutigen Namen. Hier praktizierten im Sinne des ihnen vom König verliehenen Privilegs zunächst die Schützen zur Verteidigung der Stadt, wobei sich das Ganze nach und nach zu einem gepflegten Hobby für Adel und auch das reiche Bürgertum entwickelte. Es bildeten sich Schützenvereine mit schicken Uniformen. Zunächst schoss man mit Pfeil und Bogen auf einen hölzernen Vogel, der auf einer Stange saß (was der Ursprung der Redensart den Vogel abschießen ist), später auch mit Armbrüsten und Gewehren auf Zielscheiben. Dafür gab es am südlichen Ufer auch eine kleine hölzerne Schießhalle.

Die Halle brannte Anfang des 19. Jahrhunderts ab und wurde 1812 durch ein prächtigeres Gebäude im klassizistischen Stil ersetzt, für dessen Pläne sich der Architekt Josef Zobel verantwortlich zeigte. Dieses nunmehr steinerne und somit feuerfeste Gebäude, das eher einem schönen fürstlichen Palais gleicht, kann man heute noch fast unverändert bewundern, wenngleich es kurz vor dem Zweiten Weltkrieg um einen Restaurantanbau ergänzt wurde. Und immer noch war die Insel der Ort, wo sich die adligen und großbürgerlichen Schützen mehr oder minder exklusiv trafen. Deshalb wurde unter anderem ein Ballsaal eingerichtet. Der elitäre Anspruch änderte sich fast schon notgedrungen ein wenig mit der Fertigstellung der ersten Brücke 1841.

Mit ihr kam das Zeitalter der Veranstaltungen für die großen Massen. Meisterschaften für Bogenschützen gibt es hier zwar noch bis heute, aber der große erste Hit für die Massen im 19. Jahrhundert war die Industriemesse von 1872. Schon 10 Jahre später, am 18. Juli 1892, kam es noch dicker. Da führte nämlich der von Miroslav Tyrš 1862 gegründete Turnerverband Sokol (Falke) sein 1. Sport- und Turnfest durch, an dem über 1600 Sportler teilnahmen. Dabei ging es weniger um Leibesertüchtigung, denn der Sokol verstand sich als politische Organisation zur Erkämpfung von Rechten für die Tschechen im Habsburgerreich. Mit dem Fest gelang ihm eine politische Demonstration der Stärke. Eine Gedenkplatte findet sich seit 1932 am Gebäude. Noch mehrmals fanden in der Folge hier Sokol-Feste statt.

Foto: Detmar Doering

Die nächste bemerkenswerte große Politveranstaltung war erste Arbeiter-Feier am 1. Mai 1890. Der Tag der Arbeit wird heute noch gerne von Kommunisten und Sozialisten gefeiert, obwohl er als offizieller und arbeitsfreier Feiertag – wie auch in Deutschland – erst von den Nazis während der Protektoratszeit (während derer die Insel bedauerlicherweise wieder exklusiv genutzt wurde, diesmal von der örtlichen Hitlerjugend) eingeführt wurde. Wie dem auch sei, auch dieses Schlüsselereignis der Geschichte fand hier statt und wird ebenfalls mit einer Gedenkplatte mit einem Relief voller wehender roter Fahnen in historischen Ehren gehalten. Die Gedenkplatte dürfte in den Zeiten des Kommunismus, wahrscheinlich in den 1960er Jahren angebracht worden sein.

Die 1901 eingeweihte neue Brücke zeichnete sich durch eine besonders prachtvolle Treppe im neobarocken Stil aus. Damit war die Entwicklung hin zu einem der nachgefragtesten Teile des öffentlichen Raums in Prag festgeschrieben. Sport wird hier – vor allem im südlichen Teil – weiter getrieben, meist Bogenschießen (Geschichte verpflichtet!), aber auch seltenere Sportarten. 2007 fand auf der Insel zum Beispiel die Weltmeisterschaft im Murmelspielen (Schussern) statt.

Aber die Insel ist mehr. Sie ist ein Freizeitparadies schlechthin. Der südliche Teil, der durch Schießhalle bzw. Restaurant vom Rest der Insel separiert ist, kann für geschlossene Open-Air-Veranstaltungen genutzt werden. Nicht nur Sportveranstaltungen fallen darunter, sondern auch Rock-Konzerte und ähnliches. 1997 wurde sogar ein Open-Air-Kino eröffnet, das allerdings mit dem schrecklichen Hochwasser von 2002 wieder verschwand.

Foto: Detmar DoeringDas wahre Leben tobt jedoch im öffentlich frei zugänglichen Bereich nördlich des Gebäudes und der Brücke – also dem größten Teil des Inselareals. Ein herrlicher uralter Baumbestand, dessen Ursprünge teilweise bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen, lädt vor allem im Sommer zum Verweilen ein. Überall sieht man Menschen, die auf dem Rasen Picknicks abhalten und es sich gut gehen lassen. Es handelt sich um eine der schönsten Parkanlagen der Stadt.

Dazu gibt es die passende Infrastruktur – kleine Imbiss- und Kaffeestände, schwimmende Restaurants, die hier vertäut sind, Bootsverleihe und anderes sorgen dafür, dass es dem Rastsuchenden an nichts fehlt. Ab und an gibt es auch Großveranstaltungen. Regelmäßig findet hier zum Beispiel der unterhaltsame Teil (Konzerte etc.) der Prague Pride mit Partystimmung statt. Es ist immer etwas los auf der Insel.

Meist ist es dann doch ein wenig ruhiger auf der Insel – trotz der vielen Besucher. Die kommen auch, um von der Nordspitze der Insel eine atemberaubende Aussicht zu genießen. Die Nordspitze ist einer der Orte, von dem aus man die Karlsbrücke – die große Attraktion Prags – in voller Länge sehen kann. man sollte es sich nicht entgehen lassen.


 Ahoj aus PragAhoj aus Prag! Seit September 2016 leben wir berufsbedingt in Prag. Wir – eigentlich Rheinländer – haben sie schon voll in unser Herz geschlossen, diese Stadt! Deshalb dieser Blog, in dem wir Fotos und Kurzberichte über das posten, was diese Stadt so zu bieten hat und was wir so erleben. Wir, das sind:

Lieselotte Stockhausen-Doering und Detmar Doering

… und unser Hund Lady Edith! Wer sich in Prag einmal umschauen möchte, wird auf diesem Blog nach einiger Zeit sicher Interessantes finden, was nicht jeder zu sehen bekommt, der die Stadt besucht. Viel Spaß beim Lesen!

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Detmar Doering kommt aus Deutschland, aber lebt und arbeitet - als Büroleiter der Friedrich-Naumann-Stiftung - in Prag. Mit dem Blog „Ahoj aus Prag“ halten er und seine Frau Lieselotte Stockhausen-Doering ihre Entdeckungen in der tschechischen Hauptstadt und deren Umgebung fest. Das LandesEcho darf Ihnen nun ausgewählte Beiträge präsentieren. Wir starten mit einer kleinen Löwenkunde!

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