Völlig unabhängig voneinander erinnern zwei Frauen in einem entlegenen Dorf im Ascher Zipfel an die gemeinsame Vergangenheit. Historisches und Modernes stehen nur wenige Hundert Meter voneinander entfernt.

Dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, haben zwei Frauen einen Ort entdeckt, dessen verschüttete Vergangenheit sie wieder ans Licht holen wollen. Die eine, Ursula Froster aus Bad Steben in Bayern, hat einen Gasthof mit 160-jähriger Tradition gekauft. Die andere, Klára Teršová aus Prag, hat in seiner Nachbarschaft ein modernes Haus gebaut.

Die Rede ist von Wernersreuth (Vernéřov u Aše) im Ascher Zipfel. Von der langgezogenen Ascher Hauptstraße zweigt eine schmale Landstraße ins Tal der Weißen Elster ab. Sie fließt durch den weit verstreuten Weiler direkt an der Grenze zu Sachsen. Im 16. Jahrhundert erlangte er eine gewisse wirtschaftliche Bedeutung durch den Abbau von Zinnerz. 222 Häuser mit 1144 Einwohnern zählt Wernersreuth im Jahr 1939. Davon blieben 54 übrig, in denen nach der aktuellsten Statistik 123 Menschen leben.

Zwei Wirte-Dynastien

Haus Nr. 25 steht noch. Von der langgezogenen Wernersreuther Dorfstraße führt zu ihm ein schmaler Feldweg. Es ist ein Gebäude, an dem alle politischen Entwicklungen scheinbar spurlos vorbeigingen: der Gasthof am Fuße des Zinnbergs, gegen 1860 entstanden. Geprägt wurde er vor allem durch zwei Wirte-Dynastien: die Beilschmidts (1875 – 1946) und die Špreňars (1946 – 2008). Nach der Samtenen Revolution avanciert er von der einfachen Kneipe zum Restaurant und Treffpunkt von Tschechen und Deutschen, die es durch den Wald nicht weit haben.

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Ursula Froster, Foto: privat

„Er lag da in der Sonne und hat zu mir gesagt: Bitte erhalt mich!“, erinnert sich Ursula Froster an ihren ersten Eindruck im Jahr 2019. „Dieses Haus hatte eine Seele, die wieder geweckt werden wollte.“ Die Gynäkologin und Leiterin eines Instituts für angewandte Humangenetik im benachbarten Oberfranken hatte bis dato „keinen Bezug zur Geschichte in diesem Winkel der Erde“. Die Medizinerin, die in Kanada, Australien, der Schweiz und Sachsen tätig war, führt vielmehr ein ungewöhnliches Hobby nach Wernersreuth: Sie kauft und renoviert alte Gebäude. „Der Gasthof hat mich begeistert“, erzählt sie. „Der Boden, auf dem er steht, ist nicht unbefleckt geblieben, doch er wirkte wie ein glückliches Haus, in dem man erfolgreich und gut leben konnte.“ Froster, heute 67 Jahre alt, erhörte den Gasthof und kaufte ihn.

Auffälliger Neubau

Haus Nr. 29, bis zur Vertreibung das Heim von Johann Wunderlich und seiner Familie, steht nicht mehr. Doch es hat einen Nachfolger gefunden. Direkt an der Abzweigung der Dorfstraße, nur 350 Meter vom Gasthof entfernt, ist 2017 ein auffälliges Wohnhaus aus Holz entstanden. Gebaut haben es Klára Teršová und ihr Mann. „Wir haben unser Haus genau an der Stelle errichtet, wo eines der ehemaligen Bewohner stand“, erzählt sie. „Das ist für uns eine große moralische Verpflichtung.“ Und auch eine Herzensangelegenheit, denn Teršová ist in Wernersreuth aufgewachsen. Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften und Politologie arbeitet sie für das Ministerium für Verkehr und Umwelt in Prag. „Immer aber wollte ich ins Ascher Land zurück“, sagt Teršová. An ihrem eigenen Heim, das über der Weißen Elster aufragt, liebt sie nicht nur die schöne Aussicht. Mit 32 Jahren hat sie nun zwei kleine Kinder, die hier inmitten der Natur aufwachsen können.

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Klára Teršová, Foto: privat

Ursula Froster hat indessen die Ärmel aufgekrempelt, um mit der Instandsetzung des Gasthofs zu beginnen, der den Namen Alt-Wernersreuth / Starý Vernéřov erhalten soll. Zunächst stehen die Reparatur des Dachs und die energetische Erneuerung des Gebäudes an. Am Interieur des Restaurants will sie nicht viel ändern. Das historische Ambiente soll erhalten bleiben, „Alt-Wernersreuth“ zu einem Museums-Gasthof aufgewertet werden. Eine zweisprachige Broschüre über dessen Geschichte ist bereits fertig. Den Restaurantbetrieb möchte die umtriebige Medizinerin so bald wie möglich fortführen. „Der Gasthof soll wieder zu einer Begegnungsstätte aller Nachbarn aus dem böhmischen, bayerischen und sächsischen Umland werden“, erklärt sie ihr Ziel. 

Stoff für einen Roman

Klára Teršová hat sich dagegen an den Computer gesetzt. Sie hat eine Webseite entworfen, die für einen Besuch in ihrem entlegenen Winkel wirbt. Herunterladen kann man auch einen Flyer mit einem Geschichtslehrpfad rund um Wernersreuth. In einem Anbau ihres Hauses wollen sie und ihr Mann ein Café eröffnen, in dem historische Aufnahmen ausgestellt sind. Vor allem aber schreibt Teršová an einem Roman, der in den 1930er und 1940er Jahren in Wernersreuth spielt. Seine Hauptfigur, das junge Mädchen Hedwig aus Haus Nr. 29 verliebt sich darin in Anton, den Sohn des Gastwirts Beilschmidt aus Nr. 25. Die Protagonisten sind fiktiv, den Namen Anton hat Teršová von dem ihres eigenen Sohnes entliehen. In ihrem Roman will sie zeigen, wie das Leben der kleinen Leute vor der Vertreibung verlief und damit zur Identifikation der heutigen Bewohner der  Region mit ihrer – auch deutschen – Vergangenheit beitragen. „Wir wollen diesen Ort wieder zum Leben erwecken“, sagt sie über ihr Ziel. „Auch wenn das schwer ist.“

Dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, ist etwas in Bewegung geraten. Durch zwei Frauen, die sich – bislang – nicht einmal kennen, aber dennoch am gleichen Strang ziehen.