Unser LandesBlogger Jonas hat schon mehrere Anläufe unternommen, eine geeignete Badestelle in Prag zu finden. Dieses Mal versucht er es im Schwimmstadion Podolí, einem geschichtsträchtigen Ort mit besonderer Architektonik.

An diesem Tag bleibt die Tribüne leer. Wo sonst Hunderte Menschen um die besten Plätze buhlen und sich unter den Sonnenstrahlen räkeln, bleibt der steinerne Untergrund heute unberührt. Das ist dem Zeitpunkt meines Besuchs geschuldet, denn es ist Montag. Und den Außentemperaturen, welche die Wassertemperatur der Schwimmbecken deutlich unterschreiten. 26,5 Grad weisen die Schwimmbecken laut Anzeige auf, knapp über 23 Grad und ein sich wenig zurückhaltender Wind triezen die Badegäste hingegen außerhalb der wohlig warmen Chlorbecken. Da ziehen sich die wenigen Badegäste dann doch eher auf die von der Sonne bestrahlte, windgeschützte Liegewiese auf der gegenüberliegenden Seite zurück.

Ich bin im Schwimmstadion Podolí, in der Nähe der Moldau gelegen, rund einen Kilometer südlich vom Vyšehrad. Es ist ein Auswärtsspiel für mich, bevorzuge ich doch eigentlich natürliche Gewässer zum Schwimmen. Heute mache ich aber eine Ausnahme, schließlich handelt es sich beim Schwimmstadion Podolí um ein ganz besonderes mit einer über 50-jährigen Geschichte und einer speziellen Architektonik. Diese veranlasste das tschechische Kulturministerium Ende des vergangenen Jahres dazu, Podolí zum Kulturdenkmal zu erklären.

Der Außenbereich des Schwimmstadions Podolí. Foto: Jonas Klimm

Der Außenbereich des Schwimmstadions Podolí. Foto: Jonas Klimm

Schwimmstadion mit langer Geschichte

Seinen Anfang fand das Schwimmstadion bereits Ende der 1950er-Jahre. Auf der Fläche, auf der bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges Kalkstein abgebaut wurde, sollte ein Schwimmbad entstehen. Die Idee war der perfekten Lage geschuldet, durch die Hänge ist der Ort einigermaßen windgeschützt, und die Sonne strahlt den ganzen Tag herein. Eine Kommission entschied sich schließlich für die Idee des Architekten Richard Podzemný, dessen Entwurf ein wellenförmiges Gebäude aus Glas und Beton vorsah. Die eine Hälfte des Hallendachs dient bis heute als Zuschauertribüne oder als Liege- bzw. Sitzfläche für normale Badegäste. In der Schwimmhalle entstand ein 50 Meter langes Becken, im Außenbereich wurden zwei Becken angelegt, 50 und 33 Meter lang.

Die Glaskonstruktion von außen. Auf der Dachrückseite befindet sich die Tribüne. Foto: Wikimedia Commons/ cs:ŠJů (CC BY-SA 3.0).

Die Glaskonstruktion von außen. Auf der Dachrückseite befindet sich die Tribüne. Foto: Wikimedia Commons/ cs:ŠJů (CC BY-SA 3.0).

Podolí war von Beginn an für Schwimmwettkämpfe, aber auch für die allgemeine Nutzung gedacht. Eröffnet wurde das Schwimmstadion feierlich am 24. Juni 1965 für die Teilnehmenden der Spartakiade. In den 70er-Jahren strömten an heißen Sommertagen regelmäßig Tausende Besucher nach Podolí. Einen Rekord brachte das Jahr 1973 hervor: 2,3 Millionen Besucher suchten über das Jahr verteilt das Schwimmstadion auf. Seit Ende der 60er bestand zudem die Möglichkeit, auch im Winter die beheizten Becken im Außenbereich zu nutzen, damals ein absoluter Luxus.

Heute bietet Podolí noch den ein oder anderen Luxus mehr: Es gibt einen großen Whirlpool, eine Wasserrutsche, Kinderbecken und sogar ein Fitnesscenter. Dementsprechend gestalten sich auch die Preise. Im Sommer liegt der Eintrittspreis zwischen 8 und 15 Uhr bei 190 Kronen für Erwachsene (rund 7,50 Euro), ab 15 Uhr bei umgerechnet 5,50 Euro.

Verlebte Atmosphäre

Der Blick die Stufen herab ins weite Rund beeindruckt mich. Ich kann mir bestens vorstellen, wie die Zuschauer bei Schwimmwettkämpfen ihre Athleten nach vorne peitschen. Insgesamt erinnert mich die Tribünenlandschaft an das Flair eines heruntergekommenen Drittliga-Fußballstadions, wo der Verein nach dem Aufstieg in eine höhere Liga bangen muss, ob das alte Gemäuer überhaupt noch eine Zulassung erhält. Das schafft mir sofort eine anheimelnde Atmosphäre des Verlebten. Eine Renovierung wäre aus Gründen der Modernität vielleicht nicht schlecht, würde die beschriebene Atmosphäre aber mehr zerstören denn verbessern. Dazu passen die kaum den heutigen Standards entsprechenden Umkleidekabinen, die ebenfalls ihre beste Zeit hinter sich haben, dem Gast aber direkt nach dem Eintritt vermitteln, worauf er sich einzustellen hat.

Die Umkleidekabinen entsprechen kaum den heutigen Standards. Foto: Jonas Klimm

Die Umkleidekabinen entsprechen kaum den heutigen Standards. Foto: Jonas Klimm

Nun aber zum eigentlichen Sinn meines Ausflugs: dem Schwimmen. Ich ziehe ein paar Bahnen, die Becken erfüllen ihre Pflicht und unterscheiden sich kaum von denen anderer Freibäder. Anschließend setze ich mich in den Whirlpool und lasse mir von den Blubberblasen das Gemüt erheben. Der Whirlpool ist an diesem eher kühlen Tag das bevorzugt besiedelte Becken, hier tummeln sich spielende Kinder nebst Damen und Herren älteren Semesters.

Ich lehne mich zurück und schaue ins weite Tribünenrund. Podolí mag sich von der ausschließlich auf das Schwimmen gerichteten Perspektive im Vergleich zu anderen Freibädern nicht sonderlich hervortun. Die 60er-Jahre-Retro-Optik und die spezielle Atmosphäre, die das mächtige Stadion erzeugt, hallen in der Erinnerung jedoch nach. Podolí ist ein einmaliges Erlebnis.


 Jonas Klimm. Foto: Manuel Rommel

Hallo und Dobrý den! Mein Name ist Jonas Klimm, ich bin seit Ende Juni Praktikant beim LandesEcho und werde bis Anfang Oktober in der Redaktion mitarbeiten. Einige Wochen vor Beginn meines Praktikums habe ich mein Masterstudium der Interdisziplinären Europastudien an der Universität Augsburg abgeschlossen. Der Aufenthalt in Prag ist für mich keine Premiere, fünf Monate habe ich im Rahmen eines Auslandssemesters bereits in der Stadt an der Moldau verbracht und die einmalige Atmosphäre hier erfahren dürfen. Nun bin ich also wieder in dieser unergründlichen Stadt mit der noch schwerer zu ergründenden Sprache (ich versuche es trotzdem) und hoffe im Rahmen meiner Tätigkeit mehr über die deutsche Minderheit und deren Leben in der Tschechischen Republik erfahren zu können. So dass ich im Nachhinein sagen kann: Es war eine unvergleichlich schöne Zeit.