Das Strahov-Stadion ist unserer LandesBloggerin aus ihrer Kindheit bekannt. Sie hatte immer ein ungutes Gefühl in seiner Nähe, wusste aber nicht genau, warum eigentlich. Auf der Suche nach Antworten begab sie sich noch einmal dorthin.  

Von klein auf besuchte ich die tschechische Familie meiner Mutter in Mähren. Ein Zwischenstopp bei meiner Tante in Prag gehörte auch immer dazu. Wenn es die Zeit zuließ, machten wir dort einen Spaziergang vom Laurenziberg (Petřín) zur Prager Burg bis hinunter zur Karlsbrücke. Um dorthin zu kommen, nahmen wir gewöhnlich den Bus der Linie 191 und stiegen am Strahov-Stadion aus. Die Größe dieses Betonblocks überwältigte mich, aber ich war auch verwundert über den sichtlich schlechten Zustand. Ich fragte mich, wer auf die Idee kam, so einen Koloss zu bauen und welche Gründe es wohl dafür gab. Diese Fragen stelle ich mir heute immer noch, weswegen ich anfing zu recherchieren.

Zuerst befragte ich meine Mutter über das Stadion. Sie erinnerte sich an die Zeit der Spartakiaden zurück. Dabei handelte es sich um sportliche Massenveranstaltungen in der Zeit des Kommunismus mit bis zu 250.000 Zuschauern. Sie hatte mit ihrer Schule leider nie daran teilnehmen können, weil sie nicht den sportlichen Anforderungen entsprach. Sie meinte aber, dass jedes Kind insgeheim hoffte, daran teilnehmen zu dürfen. Das Ereignis fand aber nur alle fünf Jahre statt, und man kam lediglich im Alter von zehn bis 14 Jahren infrage. Deswegen hatte man nicht immer das „Glück“, noch dabei sein zu dürfen.

Von den Spartakiaden hatte ich nie zuvor gehört, weswegen ich danach recherchierte. Was sich zunächst nach einem fröhlichen Sportfest anhörte, stellte sich als Ereignis zur Zurschaustellung von Macht und der Verbreitung der kommunistischen Ideologie heraus, wobei auch Militarisierung eine Rolle spielte. Denn neben den Schülern und weiteren Sportlern nahmen auch Soldaten teil. Während ihrer Vorführungen tauchten manchmal sogar Panzer auf.

Das Strahov-Stadion während der Spartakiade 1965. Foto: FORTEPAN / Romák Éva, Strahov stadion, szpartakiád. Fortepan 74371, CC BY-SA 3.0.

Das Strahov-Stadion während der Spartakiade 1965. Foto: FORTEPAN / Romák Éva, Strahov stadion, szpartakiád. Fortepan 74371, CC BY-SA 3.0.

Eine düstere Vorahnung bewahrheitet sich

Die Kommunisten waren es auch, die das 1926 erbaute Stadion in den 60er- und 70er-Jahren weiter ausbauten, sodass es eine stattliche Größe von 206 × 340 Metern erreichte. Dieses Ausmaß wird einem erst so richtig bewusst, wenn man einmal um das Gebäude herumläuft. Genau das tat ich auch. Ich nahm wieder die Buslinie 191 und stieg wie gewohnt aus. Nur diesmal verließ ich den Ort nicht, um zur berühmten Prager Altstadt zu gelangen, sondern ich blieb. Damit schien ich an einem Mittwochmorgen im August die Einzige zu sein. Als ich jedenfalls aus dem Bus ausstieg und erst einmal auf dem riesigen Platz vor der Südseite des Stadions stehen blieb, war ich allein, was die unheimliche Stimmung des Stadions für mich weiter verstärkte. Doch auch in der Anwesenheit von vielen Menschen hatte ich mich in der Nähe des Gebäudes immer fast unbedeutend gefühlt. Der Schatten des Betongiganten schien mich förmlich zu verschlingen.

Schon bevor ich mehr über die Geschichte des Stadions herausfand, hatte ich in seiner Nähe immer ein mulmiges Gefühl gehabt. Während ich nun auf diesem Platz stand, recherchierte ich und versuchte herauszufinden, was hier vor sich ging. Meine Vorahnung hatte mich nicht getäuscht: Ich fand heraus, dass während des Zweiten Weltkriegs die Nationalsozialisten das Stadion genutzt hatten, um dort Juden vor der Deportation zu versammeln. Nach dem Krieg wiederum hielt man hier zehn- bis fünfzehntausend Deutsche fest, die aus der Tschechoslowakei wegtransportiert werden sollten. Das Stadion war ein Spielball der Ideologien gewesen.

Das Stadion heute

Dieser negative Eindruck des Stadions, den ich gehabt hatte, verstärkt sich also. Trotzdem wusste ich auch, dass das Bauwerk heutzutage vor allem von vielen Sportbegeisterten genutzt wird. Meine Cousinen waren dort eine Zeit lang zum Schwimmen gegangen, seit ein paar Jahren trainiert der Fußballverein AC Sparta Praha hier seinen Nachwuchs und nutzt das Innere als Geschäftsstelle. Weil der Verein gerade trainierte, konnte ich leider keinen Blick in das Innere werfen. Ich spazierte also weiter an der Ostseite des Stadions entlang und hielt hier und da inne. Teile der Außenseite sind von Moos und Gräsern überwachsen und an den Wänden finden sich Graffitis. Je näher man dem Stadion kommt, desto mehr fällt einem die Verwahrlosung auf. Ich recherchierte wieder. Warum wird das Stadion denn sichtlich nicht mehr genutzt? Nach dem Ende des Kommunismus und dem Ende der Spartakiaden gab es keine Verwendung mehr für das Gebäude. Das liegt an seiner großen Kapazität, die nicht voll ausgeschöpft werden kann. Trotz der acht Fußballfelder, die im Innenraum liegen, können keine Fußballspiele veranstaltet werden, weil die Zuschauer aufgrund der Konstruktion der Tribüne nicht das ganze Spielfeld überblicken können. Eine der letzten Großveranstaltungen war das Rolling-Stones-Konzert 1994 mit 130.000 Zuschauern.

Die Außenwände der Ostseite des Stadions von draußen. Foto: Lucia Vovk.

Die Außenwände der Ostseite des Stadions von draußen. Foto: Lucia Vovk.

Ich wanderte weiter und schaute mir die Außenseite der Nordseite an. Das Gebäude ist im architektonischen Stil des damals modernen Brutalismus erbaut, einer Strömung der Moderne, die ab 1950 zunehmend Verbreitung fand. Typisch für den Brutalismus war die Verwendung von Beton sowie die Betonung von geometrischen Formen und der Konstruktion. Diese recht nüchterne Bauweise trägt wohl zum kühlen Eindruck des Stadions bei. Ich überquerte die Straßenseite, machte ein letztes Foto von dem Stadion und verließ es mit eiligen Schritten. Das mag daran gelegen haben, dass ich meine Tram erwischen wollte, die in ein paar Minuten kommen würde. Vielleicht aber war mir dieser Ort doch zu unheimlich geworden, weswegen ich so schnell wie möglich wieder in der sicheren Redaktion sitzen wollte.

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Ahoj und Hallo,

ich heiße Lucia Vovk und unterstütze die LandesEcho Redaktion als Praktikantin von Anfang August bis Ende Januar. Ich werde das Praxissemester meines Studiums der Werbung und Marktkommunikation hier verbringen und freue mich auf die Erfahrungen im Online- und Printbereich. Ich bin zweisprachig aufgewachsen, da meine Mutter aus Tschechien stammt. In der letzten Zeit habe ich gemerkt, wie mein Tschechisch langsam schwindet. Das mag daran liegen, dass ich durch mein Studium weniger Gelegenheit habe, mit meiner Familie zu kommunizieren und Zeit in Tschechien zu verbringen. Deswegen bin ich schon gespannt darauf, während meines Praktikums mehr über meine Wurzeln zu erfahren, meine Sprachkenntnisse zu verbessern und das Land, in dem ich geboren wurde, besser kennenzulernen. Denn: „Všude dobře, doma nejlíp“ („Überall ist es gut, aber daheim am besten“).

Lucia Vovk. Foto: Tobias Eisch

Lucia Vovk. Foto: Tobias Eisch