Seit mehr als drei Jahren setzt sich Fridays for Future für den Klimaschutz ein. LandesEcho hat mit Klára Bělíčková vom tschechischen Ableger der Bewegung gesprochen.

 LE Frau Bělíčková, wie sind Sie zur Umweltbewegung gekommen?

Als ich in der sechsten Klasse war hielt jemand eine Präsentation über das Schmelzen der Eisberge und die Verschmutzung der Ozeane. Das hat mir große Angst gemacht. Etwa ein Jahr später habe ich mit Freunden darüber gesprochen, wie schrecklich das mit dem Plastikmüll in den Meeren ist. Also wollten wir eine Umweltbewegung gegen Plastik aufbauen. Das war natürlich schwierig, wir waren erst 13, wir hatten kein Geld und keine Erwachsenen, die uns unterstützten. Also haben wir Ausschau nach einer anderen Organisation gehalten und fanden Fridays for Future. Dort sind wir beigetreten und haben gleich rausgefunden, dass es nicht nur um Plastik geht. Es geht um das System und um den Klimawandel. Die Angelegenheit war komplizierter als gedacht.

LE Was waren Ihre ersten Aktivitäten bei Fridays for Future?

Am Anfang waren wir etwa 20 Leute, die einfach nur im Kreis saßen und darüber sprachen, was man tun sollte. Meine erste Aufgabe war es, eine Struktur zur Rekrutierung neuer Mitglieder aufzubauen.

LE Waren Sie dabei erfolgreich? Wie viele Mitglieder hat die Organisation jetzt?

Aktuell sind wir etwa 400 Menschen in ganz Tschechien, wovon aber nicht alle aktiv sind. Die meisten sind noch Schüler, manchmal haben sie Prüfungen oder müssen sich um andere Dinge kümmern, sodass sie nicht die ganze Zeit dabei sind. Es gibt aber noch viele Freiwillige, die nicht direkt Teil des Netzwerks sind.

LE Was war bisher Ihr größter Erfolg in der Bewegung?

Ich blicke immer noch gerne auf 2019 zurück, als es in Prag und der ganzen Tschechischen Republik die ersten Klimademonstrationen gab. Wir haben erreicht, dass die Menschen in Tschechien jetzt anders auf den Klimawandel blicken. Noch vor fünf Jahren haben wir darüber diskutiert, ob es den Klimawandel wirklich gibt, aber nach den Klimastreiks mussten die Leute, die Politiker und die Konzerne über das Problem sprechen. Die Debatte hat sich verändert. Wir haben nicht nur demonstriert, sondern auch sehr viel Lobbyarbeit betrieben. Wir haben das Narrativ verändert: Von der Frage, ob der Klimawandel echt ist, hin zur Frage, wann die Tschechische Republik damit aufhören sollte, Kohle zu fördern und zu verbrennen. Aber die Diskussionen gehen weiter. Wir reden immer noch über das Kohle-Ausstiegsdatum. Wird es 2045 sein? 2038 oder 2033? Es sollte 2030 sein, aber wir nähern uns dem nur langsam an. Es passiert zwar noch nicht viel, aber wir haben den Diskurs verändert.


Demo von Fridays for Future im vergangenen September. Foto: Tobias Eisch

Fridays for Future ist eine globale Bewegung von Schülern und Studenten, die sich für umfassende, schnelle und effiziente Klimaschutz-Maßnahmen einsetzen, um das 2015 bei der Weltklimakonferenz in Paris vereinbarte 1,5-Grad-Ziel der Vereinten Nationen noch einhalten zu können. Die Bewegung geht auf die damals 15-j.hrige schwedische Schülerin Greta Thunberg zurück, die im Herbst 2018 aus Protest gegen Schwedens Klimapolitik den Schulunterricht boykottierte und jeden Freitagvormittag vor dem schwedischen Reichstagsgebäude protestierte. Dabei benutzte sie in den sozialen Medien den Hashtag #FridaysForFuture. Damit löste Thunberg eine weltweite Bewegung aus. Seit Anfang 2019 ist auch in Tschechien ein Ableger der Bewegung aktiv und organisiert Klimastreiks.


LE Konnten Sie auch Druck auf die Regierung ausüben?

Ja, natürlich. Zuletzt haben wir uns aber auf die Parlamentswahlen konzentriert, die letzten Herbst stattfanden. Jetzt haben wir eine neue Regierung, die schon einen großen Wandel von der Babiš-Oligarchie darstellt. Nun haben wir etwas Neues, und wir müssen noch Wege finden, wie wir auch offline wirken können, denn wir haben zuletzt in der meisten Zeit eher Online-Aktivismus betrieben. Nun gibt es eine neue Regierung und neue Strukturen im System. Die Menschen reden jetzt schon über den Klimawandel, aber wir müssen darauf einwirken, wie sie über ihn reden.

LE Aber es gibt kein grünes Element in der neuen Regierung.

Ja, das ist richtig. Unsere Parteien in Tschechien sind da noch ein wenig rückständig, wenn man das zum Beispiel mit Deutschland vergleicht. Dort reden auch die Konservativen über grüne Energie. Vor einem halben Jahr sagte unser Premier, als er noch nicht Premier war, so etwas wie: „Ich denke nicht, dass der Klimawandel menschengemacht ist.“ Wie bitte? Das war nicht Babiš, der das gesagt hat, das war Fiala.

LE Was denken Sie, sind die Gründe für dieses rückwärtsgewandte Denken?

Ich denke, sie [die Politiker] haben Angst. Um ihre Popularität oder davor, was die Menschen darüber denken. Der Glaube an den Klimawandel ist in Tschechien nicht in die Institutionen hineingewachsen wie in anderen Ländern. Das hängt vielleicht auch mit der postkommunistischen Ära zusammen. Bei der Diskussion um den Klimawandel hört man zum Beispiel immer, dass der „Green Deal“ ein terroristisches Instrument gegen die Tschechische Republik sei. Die Diskussion geht nicht in die Richtung, dass man sagt: „Wir sollten etwas unternehmen, wie machen wir das?“, sondern es heißt immer, „es ist schlecht für uns“.

LE Die Menschen glauben, dass sie dadurch ärmer werden.

Ja, das mag sein. Aber was man auch sagen muss: Das öffentlich-rechtliche Tschechische Radio hat eine große Umfrage zum Thema Klimawandel und Umweltfragen durchgeführt, in der 80 oder 90 Prozent der Menschen sagten, dass sie an den Klimawandel glauben und dass sie der Meinung sind, dass man etwas dagegen tun müsse. Ich denke, die verschiedenen Meinungen zum Klimawandel ergeben sich aus der Diskrepanz zwischen dem, was die Menschen sehen und ihrer Vorstellung vom Klimawandel. Denn wenn sie trockenen Boden in ihrem Garten sehen, dann sagen sie: „Ja, lasst uns was tun! Was ist mit dem Wasser? Was ist mit Turów? Die Leute haben kein Wasser, oh mein Gott!“ Aber wenn wir sagen, dass es beim Klimawandel nicht nur um Tschechien geht und dass Menschen in Asien oder Afrika schon jetzt an den Folgen sterben, dann ist das eine andere Situation. Die Leute haben Angst, ärmer zu werden, weil man anderen Ländern hilft. Aber es geht nicht darum, dass wir ärmer werden. Es geht um das System und darum, die Welt anders zu betrachten.

LE In der letzten Zeit standen eher andere Krisen medial im Vordergrund: die Pandemie und nun der Krieg in der Ukraine. Ist das ein Rückschlag für Fridays for Future, dass das Thema Klimawandel etwas in den Hintergrund geraten ist?

Natürlich ist es aktuell schwierig, über den Klimawandel zu reden. Aber Fridays hat sich vielen anderen Bewegungen angeschlossen, auch zur Hilfe für die Ukraine oder die Ukrainer in Tschechien. Wir versuchen, Themen zu verbinden. Es ist nicht nur Krieg zwischen Russland und der Ukraine, sondern es gibt da auch verschiedene Themen wie z. B. Gas, und das hängt natürlich auch mit dem Klimawandel zusammen. Das klingt so, als würden wir nur unsere eigene Agenda vorantreiben wollen, aber es hängt alles zusammen. Wenn Menschen um ihr Leben kämpfen müssen, haben sie keine Zeit, sich um den Klimawandel zu kümmern. Wir sollten eine Gesellschaft aufbauen, in der es Raum gibt, daüber nachzudenken, auch über soziale Probleme. Kein Normalverdiener kann sich wegen der hohen Preise in Prag oder in Brünn ein Haus oder eine Wohnung kaufen. Es passieren gerade eben viele Krisen gleichzeitig.

LE Müsste man nicht radikaler sein, um die Klimafrage nach vorne zu bringen?

Das ist ein interessanter Gedanke, aber das denke ich nicht. Es gibt da die Bewegung Extinction Rebellion, die viel radikaler vorgeht. ch will nicht wirklich darüber sprechen, weil es aktuell ein eher trauriges Thema innerhalb der Klimabewegung ist. Exctinction Rebellion hat ein bisschen unsere Strategie zerstört,wenn man das so sagen kann. Fridays sollte aber meiner Meinung nach aktiver sein. Es gab vor der Pandemie etwa jedes halbe Jahr einen Klimastreik, aber es könnte mehr Streiks geben, zum Beispiel jeden Monat oder zwei Mal pro Monat. Denn man muss noch immer um Aufmerksamkeit für das Thema kämpfen, weil die Menschen es schnell wieder vergessen.

LE Haben Sie das Gefühl, dass die aktuelle Regierung auf Sie hört?

Ja, ich denke, dass vor allem die Kommunikation besser funktioniert. Der letzte Umweltminister war nicht einmal bereit, mit uns zu reden. Das war ein merkwürdiger Typ, der nie über den Klimawandel sprach. Wir wussten nicht, was er eigentlich macht. Aber es ist immer noch nicht die beste Regierung, die wir haben könnten, das haben wir bei dem Deal bezüglich der Kohlemine Turów gesehen. Das war wie bei einem Fußballspiel zwischen Tschechien und Polen, bei dem Tschechien mit 3:0 in Führung lag. Jeder war auf unserer Seite, der Europäische Gerichtshof und sogar EPG, der polnische Energiekonzern. Aber der Deal funktioniert nicht und wir haben uns fünf Eigentore geschossen. Ich könnte es verstehen, wenn unsere Umweltministerin Hubačková zugeben würde, dass man hier einen schlechten Deal gemacht hat, weil man gute Beziehungen zwischen Polen und Tschechien aufbauen wollte. Aber die Regierung verkauft es als den besten Deal, den man haben konnte. Aber das ist er nicht. Die Leute haben kein Wasser in der Gegend, wir haben nicht genug Geld dafür- beziehungsweise wir haben viel Geld, 45 Millionen Euro, aber wir hätten auch 50 Millionen haben können.

LE Zurück zur Energiekrise. Denken Sie, dass es jetzt eine gute Gelegenheit wäre, für erneuerbare Energien zu werben?

 Ich denke, es wäre eine gute Chance. Auch wegen der Situation zwischen Russland und der Ukraine. Wir haben es in der Vergangenheit vergeigt, weil niemand wirklich die erneuerbaren Energien ausgebaut hat. Ich weiß nicht genau, wie viel Prozent die Erneuerbaren am Energiemix im Moment ausmachen, aber wir schöpfen das Potenzial überhaupt nicht aus. Ich denke, jetzt gibt es eine Chance, eine Lösung zu finden, wie man den Wandel von Kohle zu den erneuerbaren Energien schaff en kann ohne dabei Gas als eine Brücke zu nutzen. Unser Plan war es ja, von der Kohle über Gas zu den Erneuerbaren zu kommen. Jetzt gibt es die Möglichkeit, von der Kohle direkt zu den erneuerbaren Energien überzugehen.

LE Und auch aus der Atomenergie auszusteigen?

Ja, das ist eine andere Frage. Aber vor allem sollten wir uns auf die erneuerbaren Energien konzentrieren, das ganze Potenzial nutzen und den Energieverbrauch der gesamten Gesellschaft reduzieren. Der Prager Magistrat verkündete, Tausende neue Parkplätze zu schaffen. Leute, wofür? Für noch mehr Autos? Das Problem ist, dass viele Menschen keine öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. Und am 1. April sind nun auch noch die Preise für den öffentlichen Nahverkehr gestiegen. Das korrespondiert nicht mit dem Klimawandel.

LE Was ist das nächste Ziel für Fridays for Future, beziehungsweise der nächste wichtige Schritt?

Der nächste Schritt ist es, größer zu werden.

LE Und wie soll das funktionieren?

Wir starten zum Beispiel demnächst die Kampagne „Klimastraße“, wobei wir durch Städte und Dörfer reisen und Workshops sowie Meetings organisieren werden, um vor Ort dabei zu helfen, die Bewegung aufzubauen. Dann werden wir weitere Klimastreiks durchführen.

LE Was soll der Zweck dieser Klimastreiks sein?

Wahrscheinlich so ähnlich wie 2019, die Menschen dazu aufzurufen, den Klimawandel ernst zu nehmen. Vielleicht rücken wir aber auch die fossilen Energien oder die Situation mit dem Gas in den Mittelpunkt, oder andere Themen, das müssen wir noch entscheiden.

LE Aktuell gibt es in der tschechischen politischen Landschaft eine Leerstelle, was grüne Inhalte angeht. Könnte Fridays for Future in Zukunft nicht auch eine politische Partei werden?

Ich denke nicht. Fridays for Future hat sich als globale Bewegung und besonders auch in Tschechien dazu verschrieben, unparteiisch zu sein. Aber wir sind politisch, wir treiben die Politik voran.

LE Fridays for Future wird also eine Protestbewegung bleiben?

Ja, eine Bewegung für Protest und Bildung. Schließlich sind viele von uns noch jung und dürfen noch gar nicht wählen.

Das Gespräch führten Hans Jürgen Fink & Manuel Rommel