Der Prager Historiker Jiří Padevět hat akribisch die brutale Nachkriegsgewalt an Sudetendeutschen dokumentiert. Er benennt Täter und gibt den Opfern ihren Namen zurück. Sein Buch über den "Blutigen Sommer" 1945 ist nun im Leipziger Verlag Tschirner & Kosová auf Deutsch erschienen.

Wer das Buch „Blutiger Sommer 1945“ zur Hand nimmt, muss auf einen Ritt durch die Hölle gefasst sein. Nicht anders kann man die Ereignisse bezeichnen, die sich in Prag und in den Sudetengebieten unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zutrugen. Politisch war das Schicksal der Deutschen besiegelt. Sie sollten für Hitlers und Henleins Verbrechen mit dem Auszug aus der alten Heimat bezahlen. Viele aber bezahlten dafür mit ihrem Leben.

Das Gesetz des Wilden Westens

Denn in diesen Monaten der wilden Vertreibungen von Mai bis August 1945 herrschte nur ein Gesetz: das Gesetz des Wilden Westens. Betroffen waren sowohl Wehrmachtssoldaten, SS-Männer und Nazi-Funktionäre als auch die ortsansässige Zivilbevölkerung, Deutsche so wie der Kollaboration verdächtige Tschechen. Beteiligt waren zuoberst die sowjetischen, tschechischen und US-amerikanischen Militärs. Hinzu kamen Revolutionsgarden und Partisanenbanden mit selbsternannten Kommandanten. Lokale Gruppen, durchsetzt mit kriminellen Elementen und ehemaligen Gestapo-Zuträgern, verbreiteten aus Rache und Habgier Terror und Tod. 

Auf mehr als 700 Seiten wird Entsetzliches dokumentiert. Einem Gefangenen im Internierungslager von Kojetein (Kojetín/Kreis Prerau), den man irrtümlich für den Bürgermeister von Olmütz hielt, goss man Jauche in den Mund, bis er erstickte. Anderen Internierten führte man mit einem Schlauch Wasser in Bauch und Gedärme ein, bis sie platzten.  Eine Frau musste nackt vor den Wachmännern des Internierungslagers im nordböhmischen Maria Ratschitz (Mariánské Radčice) tanzen, ehe man ihr die Brust aufschlitzte und eine Flasche in die Scheide schob. Ein Bus mit 37 Hitlerjungen wurde gestoppt, an der Mauer des Jüdischen Friedhofs in Frauenberg (Hluboká nad Vltavou) wurden sie alle erschossen.

Ersäuft vor den Augen der Kinder

30 deutsche Kriegsgefangene wurden bei Sobieslau (Soběslav) in Südböhmen vor den Augen von Kindern im Sumpf ersäuft. Fotos aus Prag zeigen junge Männer in Uniform, die mit den Füßen an Laternen aufgehängt, verbrannt, geschlagen und bespuckt worden waren. Einen Müller im Kreis Budweis (České Budějovice) fand man erstickt in einem Sack Kleie. In Komotau (Chomutov) wurden zehn Männer, angeblich SS-Angehörige, öffentlich ausgepeitscht, mit Bajonetten malträtiert. Mit Eisenstangen stach man ihnen die Augen aus, wickelte sie in Filmrollen, zündete sie an und übergoss sie danach mit Salzwasser.

Im südmährischen Datschitz (Dačice) wurde ein Tscheche erschossen, weil er zu viel wusste von den Spitzeldiensten derer, die ihn ermordeten. Eine große Zahl von Männern kam bei Geiselerschießungen ums Leben. Sie wurden in Gräbern verscharrt, die sie selber hatten zuvor ausheben müssen. Wer noch lebte, wurde mit Hacken und Äxten erschlagen. Tausende von Männern, Frauen und Kindern starben in den zahlreichen Internierungslagern an Hunger und Krankheiten, Folter und Mord. Ihre Bewacher betrieben Exekutionen und Vergewaltigungsorgien gleichsam zum Zeitvertreib.

Schwer erträgliche Fotos

570 Orte der Gewaltverbrechen an deutschen Zivilisten und Militärs hat Jiří Padevět in Böhmen und Mähren ausgemacht. Er beginnt mit Prag und teilt sie dann in weitere 13 Regionen ein, von Mittelböhmen bis Zlín. Die Ortsnamen in alphabetischer Reihe erscheinen in Tschechisch und Deutsch. Zu jedem Ort notiert er, was, wann, wo genau geschah. Er nennt die Täter bei Rang und Namen, erforscht akribisch, ob und wie sie von der tschechoslowakischen Justiz später behandelt wurden.  In der Tat landeten einige der brutalsten „Kommandanten“ vor dem Kadi und im Gefängnis, kamen aber 1948 mit der kommunistischen Machtübernahme wieder frei.

Cover Blutiger Sommer web

Jiři Padevět, Blutiger Sommer 1945. Nachkriegsgewalt in den böhmischen Landern, Verlag Tschirner & Kosová, Leipzig 2020.

Den Opfern hat Padevět ihren Namen zurückgegeben. Das ist aus deutscher Sicht sicher sein größtes Verdienst. Abgedruckt sind Totenlisten von Einzelmorden und Gruppenexzessen. Genau wird dokumentiert, wo und wie die Unglücklichen zu Tode gekommen sind. Mitunter sind Originalfotos beigefügt, die nur schwer erträglich sind. Grabstätten und Denkmale der Erinnerung werden lokalisiert, teils mit Bildern und Zeichnungen versehen.

Eingeständnis, Täter gewesen zu sein

Padevět hat ein Buch von unschätzbarer Bedeutung vorgelegt, insbesondere vielleicht für die tschechische Seite. Im deutschen Erinnerungskanon, namentlich der Sudetendeutschen, waren und sind die 1945er Ereignisse nachhaltig aufbewahrt. In der kommunistischen ČSSR und auch danach war dieses Thema hingegen lange tabu. Padevět selbst bekennt, dass er dieses Buch nur mit großer Mühe zustande brachte. Einzugestehen, dass man nicht nur Opfer deutscher Gewaltherrschaft war, sondern für einen kurzen historischen Moment auch auf der Seite der Täter stand, muss für tschechische Leser eine durchaus bittere Erkenntnis sein. Wir Deutschen wissen schließlich nur zu gut um die Schwierigkeiten, mit einer verbrecherischen Vergangenheit ins Reine zu kommen.

Deshalb ist dieses Werk des Prager Historikers gerade in seiner nüchternen Radikalität nicht hoch genug einzuschätzen. Dies in Deutschland zu würdigen, wäre dringend zu wünschen. Zu ergänzen wäre, was an diesen 570 Orten tschechischer Nachkriegsgewalt zuvor unter deutscher Besatzung geschah. Padevět hat in diesem Buch bewusst auf diesen Kontext verzichtet. Das ist ein Manko. Opfer und Täter in beiden Regimes zu beleuchten, wäre eine weitere verdienstvolle Tat des Verlages.