Ein zweisprachiges Buch dokumentiert die gewaltsamen Ereignisse von Saaz und Postelberg im Juni 1945.

Noch ein Buch über die „wilden Vertreibungen“? Ist denn nicht alles schon untersucht und gesagt, was von Mai bis August 1945 in den Sudetengebieten geschah? Hat der Leipziger Verlag Tschirner & Kosová nicht selbst verdienstvollerweise zur historischen Aufklärung beigetragen, als er das grundlegende Werk zu diesem Thema aus der Feder des Prager Verlegers Jiří Padevět („Krvavé léto 1945“, Praha 2016) übersetzen ließ und unter dem Titel „Blutiger Sommer 1945“ veröffentlichte? 15.000 Bände davon sind binnen kurzem in fünf Auflagen erschienen, lässt Tschirner wissen: gewiss eine erstaunliche und zugleich ermutigende Zahl.

Dieses neue Buch beschränkt sich auf zwei Nachbarorte und auf wenige Tage. Ende Mai/Anfang Juni 1945 wurde die deutsche Bevölkerung von Saaz (Žatec) und Postelberg (Postoloprty) in die alte Reiterkaserne von Postelberg getrieben und dort interniert. Männer, Frauen und Kinder mussten über Wochen Folter, Vergewaltigungen, Schläge, Erniedrigungen über sich ergehen lassen, eng zusammengepfercht bei Wasser und Brot. In den ersten Nächten wurden je an die 250 Männer erschossen. 763 Opfer wurden insgesamt registriert, die tatsächlichen Zahlen dürften das Dreifache übersteigen. Nirgendwo in Böhmen und Mähren lagen die Zahlen an einem Ort höher. Postelberg – eine „Orgie der Gewalt“. (Jiří Padevět).

Nicht mehr in Ritualen gefangen

Der Herausgeber Andreas Kalckhoff, Historiker und heute freier Publizist, Jahrgang 1944, stammt aus Saaz. Dies ist ihm bei der Sichtung und Bewertung des dokumentarischen Materials spürbar zu Gute gekommen. Er gliedert es in drei Abschnitte: Der erste schildert die Gräueltaten, insbesondere die Massenexekutionen, in der Postelberger Kaserne und Umgebung.  Basis dafür sind parlamentarische Untersuchungen aus dem Sommer 1947. Im zweiten Abschnitt erinnern sich Überlebende an ihre persönlichen Erlebnisse in der Zeit der Internierung. Der dritte Abschnitt schließlich bekräftigt, dass das Verhältnis von Deutschen und Tschechen nicht länger in den Ritualen von Klage und Anklage befangen ist.

Mehr und mehr Menschen machen sich seit geraumer Zeit auf den Weg zur „Versöhnung durch Wahrheit“, mag der Weg auch steinig und die Wahrheit oft bitter sein. Für die Vertriebenen aus dem Saazer und Postelberger Land bedeutet dies die Einsicht, dass die Geschichte kein Amtsgericht ist. Mit kompromisslosem Pochen auf Rechtspositionen ist Versöhnung nicht zu haben. Für die Tschechen von heute ist die Wahrheit über die Verbrechen der „wilden Vertreibungen“ möglicherweise noch schwerer zu ertragen. Zu lange wurde sie öffentlich verschwiegen und geleugnet. Um so höher ist der Umstand zu bewerten, dass sämtliche Texte in diesem Buch Wort für Wort, Abschnitt für Abschnitt, in beiden Sprachen zu lesen sind. Eine bessere Basis für Dialog, Diskussion und Verständigung gibt es schließlich nicht.

Die in diesem Band vereinten Dokumente sind nicht wirklich neu. Was die Leistung des Herausgebers ausmacht, ist die Sammlung der Texte und Dokumente in oft verstreuten

Publikationen etwa des „Heimatkreises Saaz“. Ähnliches gilt für die Veröffentlichungen tschechischer Journalisten, die sich auf die Suche nach „unseren Deutschen“, wie es heute bereits heißt, begeben haben. Mitunter haben sie dabei Erstaunliches an bis dahin verborgenen Kenntnissen und an später Selbsterkenntnis zutage gefördert.  Damit ist es ihnen recht eigentlich erst gelungen, die Voraussetzungen für einen fruchtbaren deutsch-tschechischen Versöhnungsprozess zu schaffen und maßgeblich zu befördern.

Keiner war zuständig

Das erstaunlichste Dokument sind die Wort-Protokolle der erwähnten parlamentarischen Untersuchungskommission aus dem Sommer 1947. Sie war auf Druck und nach Anfragen aus dem Ausland eingesetzt worden, wo die Gräueltaten nicht unbemerkt geblieben waren. Die Fakten lagen klar auf dem Tisch des Gremiums, Prozedur und Ergebnis aber blieben peinlich mager: Alle befragten Militär-, Geheimdienst- und Polizeikommandanten, die ihr mörderisches Unwesen in der Postelberger Reiterkaserne getrieben hatten, flüchteten sich in die üblichen Schutzbehauptungen: Man war nicht zuständig, nicht präsent, hatte nichts gesehen, sich nicht bereichert und überhaupt so gut wie nichts gehört von Exekutionen und Folterungen. Niemand folglich wurde angeklagt oder gar verurteilt. Immerhin wurden die verscharrten Leichen exhumiert und bestattet. Anfang der neunziger Jahre endlich gab die Prager Regierung die Protokolle der Untersuchungskommission frei. Aber noch 1997 ließ die Staatsanwaltschaft Aussig (Ústí nad Labem) wissen, sie könne einen möglichen Straftatbestand in dieser Sache nicht ermitteln.

Wo die Justiz nicht zum Zuge kommt, können Symbole Hass und Rache überwinden helfen.  Einen Gedenkstein wünschten sich die Vertriebenen aus Saaz und Postelberg seit Langem. Doch erst 2009, unter dem Druck einer zunehmend kritischen tschechischen Presse, stimmte der Gemeinderat von Postelberg einer Gedenktafel auf dem Friedhof zu. Sie ist, mit einer Kompromissformel, „allen unschuldigen Opfern der Postelberger Ereignisse von Mai und Juni 1945“ gewidmet.

 

Andreas Kalckhoff (Hrsg.), Was geschah in Saaz und Postelberg im Juni 1945? 530 Seiten, 49,80 Euro, Verlag Tschirner & Kosová, Leipzig 2022.

Andreas Kalckhoff (Hrsg.), Was geschah in Saaz und Postelberg im Juni 1945? 530 Seiten, 49,80 Euro, Verlag Tschirner & Kosová, Leipzig 2022.