Vor 30 Jahren legte die Vorgängerorganisation der Landesversammlung der deutschen Vereine den Grundstein für eine eigene Schule.

Als sich die Deutschen in Tschechien nach der politischen Wende von 1989 unter dem „Verband der Deutschen in der Tschechoslowakei“ zusammenfanden, war schnell klar: „Eine deutsche Schule muss her!“. War der Erhalt und die Förderung der deutschen Sprache doch erklärtes Ziel der Gründer der 1992 aus dem Verband hervorgegangenen Landesversammlung der deutschen Vereine. Für die Entstehung einer deutschen Schule setzten sich vor allem der spätere Präsident der Landesversammlung, Walter Piverka, und die Germanistin Christa Štros ein. Bereits 1991 ging der lang gehegte Traum einer deutschen Schule in Erfüllung. Aber der Anfang war nicht einfach. Ursprünglich sollte die Schule der deutschen Minderheit in Böhmisch Krumau (Český Krumlov) entstehen, in einer Region, in der die deutsche Minderheit selbst stärker vertreten ist. Aufgrund von Kontroversen, die das Projekt vor Ort auslöste, und in den 1990er Jahren gegenüber den Deutschen noch stärker bestehenden Ressentiments, entstand die Schule aber letztendlich in Prag.

Zum Schuljahr 1991/92 nahm die Grundschule der deutsch-tschechischen Verständigung (Základní škola německo-českého porozumění) im achten Prager Stadtteil Kobylisy ihren Betrieb auf. Seitdem ist sie erheblich gewachsen und mehrmals umgezogen, um dem stetig steigenden Interesse gerecht zu werden.

Bekanntmachung zur Eröffnungsfeier der Grundschule der deutsch-tschechischen Verständigung, unterzeichnet von Walter Piverka, dem damaligen Vorsitzenden des Verbands der Deutschen in der Tschechoslowakei. Foto: ZŠČNP

Bekanntmachung zur Eröffnungsfeier der Grundschule der deutsch-tschechischen Verständigung, unterzeichnet von Walter Piverka, dem damaligen Vorsitzenden des Verbands der Deutschen in der Tschechoslowakei. Foto: ZŠČNP

Eine Schule der Verständigung

Der Deutschunterricht nimmt an der Grundschule der deutsch-tschechischen Verständigung bereits ab der 1. Klasse einen breiten Raum ein. Dabei bleiben die Gruppen mit maximal 13 Schülerinnen und Schülern relativ klein, um eine angenehme Lernatmosphäre herzustellen und um auf individuelle Bedürfnisse der Kinder eingehen zu können. Das hohe Sprachniveau stellen unter anderem Muttersprachler in der Lehrerschaft sicher.

Damit füllt die Grundschule der deutsch-tschechischen Verständigung eine bedeutende Lücke im tschechischen Bildungssystem, das seinen Schwerpunkt primär auf das Erlernen des Englischen als erste Fremdsprache setzt. Das Angebot von Deutschunterricht an Grundschulen ist in Tschechien noch immer ein eher rares Gut. Zudem bietet die Grundschule eine Reihe von Arbeitsgruppen an und pflegt Partnerschaften mit Schulen in Deutschland und auch in Österreich. Die deutsch-tschechische Verständigung wird von der Schule also aktiv gelebt. „Wir setzen unseren Schwerpunkt nicht nur auf die deutsch-tschechische Verständigung, sondern auf Verständigung allgemein“, sagt Schulleiterin Hana Nápravníková und ergänzt: „Trotz der zahlreichen Auszeichnungen ist unsere Arbeit vorwiegend prozess- und nicht ergebnisorientiert. Die Fähigkeiten und Kompetenzen, die unsere Schüler bei den Projekten erwerben, helfen ihnen, zu selbständigen, aufgeschlossenen, toleranten und kreativen Persönlichkeiten zu werden. Soziale Kompetenz, Offenheit, gemeinsames Lernen und Zusammenhalt stehen bei uns im Vordergrund. Der Lernprozess verläuft dabei nicht nur in eine Richtung, auch die Lehrer lernen täglich von ihren Schülern, denn jede Persönlichkeit verdient es, Gehör zu finden und entwickelt zu werden.“

Innovative Lernmodelle

Als eine von der deutschen Minderheit gegründete Schule arbeitet sie eng mit der Landesversammlung der deutschen Vereine zusammen. Traditionell ist die Grundschule und deren Schulorchester Teil des Kulturprogramms der alljährlichen Großveranstaltung der Landesversammlung. „Die Zusammenarbeit ist für uns als Schulgründer sehr wichtig“, sagt Martin Herbert Dzingel, Präsident der Landesversammlung. „Zuletzt gab es zwei große Projekte, die wir gemeinsam mit der Schule hatten, und zwar einen Streetart-Workshop ‚Jugend malt Europa‘ sowie einen Workshop über bekannte Persönlichkeiten aus der deutschen Minderheit“, berichtet Dzingel. Darüber hinaus möchte die Landesversammlung in Zukunft einen noch stärkeren Einfluss auf die Lehrpläne und den Deutschunterricht nehmen. Unter anderem möchte die Dachorganisation der deutschen Minderheit in Tschechien gemeinsam mit dem Trägerverein der Grundschule sowie des Thomas-Mann-Gymnasiums ein Zentrum für die didaktische Unterstützung des Deutschunterrichts in Tschechien schaffen. „Wir verfügen über langjährige Erfahrung und das Know-How bezüglich des Deutschunterrichts, das möchten wir gerne weitergeben“, sagt Dzingel.

Die Grundschule der deutsch-tschechischen Verständigung möchte außerdem ihr Angebot erweitern und über innovative und digitale Lernmodelle neue Zielgruppen erschließen. Als eine Konsequenz der Corona-Pandemie will die Schule Kindern auch über den regulären Schulbetrieb hinaus ermöglichen, von zuhause aus zu lernen. Dazu entwickelte die Schule das Konzept der „Domškola“ („Zuhause-Schule“). Kinder, die nach diesem Modell lernen, sind Stammschüler der Grundschule und erfüllen die gesetzlich vorgeschriebene Schulpflicht. Sie werden zuhause bei ihren Eltern nach Lehrbüchern und dem Schul-Bildungsprogramm für die erste Stufe in den Hauptfächern Tschechisch, Mathematik, Sachunterricht (in den höheren Stufen auch in Naturwissenschaften und Informatik) unterrichtet. Der Sprachunterricht, auf den die Grundschule großen Wert legt, läuft dabei vollkommen online ab.

Die Schule wird ihr Jubiläum am 31.8. ab 10 Uhr feierlich begehen. Auf dem Programm steht eine Präsentation über die Geschichte und Vision der Schule und ein Grußwort von Martin H. Dzingel. Außerdem haben Interessierte ab 12 Uhr die Möglichkeit, an mehreren Workshops teilzunehmen, in Präsenz oder auch online.

Die Teilnahme an der Jubiläumsfeier ist möglich nach Anmeldung unter: https://forms.gle/EUWZLLuFacvG9wsR6

Einladung zum 30-jährigen Jubiläum

Programm des 30-jährigen Schuljubiläums