Im jüngst veröffentlichten Hirtenbrief erinnert Bischof Stanislav Přibyl an die Vertreibung der Deutschen aus der damaligen Tschechoslowakei vor 80 Jahren und erklärt 2026 zum Jahr der Versöhnung.

80 Jahre nach der gewaltsamen Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus der Diözese Leitmeritz (Litoměřice) 1945/1946 erklärt Bischof Stanislav Přibyl in seinem Hirtenbrief 2026 zum Jahr der Versöhnung. Die Veröffentlichung fällt ins Jahr des 80-jährigen Jubiläums der am 13. Januar 1946 gegründeten Ackermann-Gemeinde – einem Zusammenschluss katholischer Christen, die sich zum Ziel setzten, im christlichen Geist für die Versöhnung zwischen Deutschen und Tschechen zu wirken.

Hirtenbrief von Bischof Stanislav Přibyl zum neuen Jahr 2026 

(veröffentlicht am 31.12.2025, aus dem Tschechischen übersetzt von Martin Kos):

Schwestern und Brüder,

wieder ist ein Jahr vergangen, und wir stehen an der Schwelle eines neuen Jahres. Wir nehmen Abschied vom Jahr 2025 und blicken mit Hoffnung und einer gewissen Neugier auf das eben beginnende Jahr 2026. Der Rückblick sollte mit Dankbarkeit verbunden sein – für die vielen Gaben, die wir von Gott und von den Menschen empfangen haben, für viele inspirierende Begegnungen und vielleicht auch für manche Lektionen, die uns das Leben erteilt hat. Zum Rückblick gehört auch die Gewissenserforschung und die Bereitschaft einzugestehen, dass nicht alles, was wir gedacht, gesagt und getan haben, richtig war, und dass wir auch oft versagt haben, indem wir stehen geblieben sind, wo ein klarer Schritt nötig gewesen wäre: für jemanden einzutreten, jemandem zu helfen, unsere Meinung und Überzeugung klar zum Ausdruck zu bringen. Jahreszahlen erinnern uns zudem an Ereignisse der Vergangenheit – wir gedenken verschiedener Jubiläen.

Die Abrechnung nach dem Krieg

Zu Beginn des Jahres 2026 liegt mir auch ein Jahrestag besonders am Herzen, den ich gerade für unsere Diözese als sehr wichtig erachte. Im Jahr 1945 endete nicht nur der Krieg, sondern auch das Wüten des Nationalsozialismus, eines extremen Nationalismus und einer Ideologie, die Millionen von Menschen das Leben kostete, weil sie behauptete, der eine Mensch sei mehr wert als der andere und deshalb müssten bestimmte Menschengruppen beseitigt werden. Es erscheint uns wie eine dunkle Vergangenheit, doch dieses unchristliche und unmenschliche Denken über den Menschen ist leider bis heute lebendig.

Vor achtzig Jahren erlebten die Menschen die Freude über das Ende des Krieges und den Frieden, doch neben der Euphorie kam es auch zur Abrechnung – mit den Menschen und mit der Vergangenheit. Diese Abrechnung nahm an vielen Orten Mitteleuropas die Form der Umsiedlung der ursprünglichen Bevölkerung und der Neubesiedlung an, um das Problem des nationalen Zusammenlebens zu lösen. In unserer Diözese betraf dies die Vertreibung der deutschen Bevölkerung. Ich möchte nicht bewerten, ob dies richtig oder falsch war – das ist eher Aufgabe der Historiker. Doch bis heute ist auf Schritt und Tritt zu sehen, dass die Vertreibung der Deutschen viele Wunden hinterlassen hat, die sich in der Landschaft, in der Bebauung, vor allem aber in der Beziehung der heutigen Bewohner zur eigenen Vergangenheit und zur Geschichte des Ortes, an dem sie leben, zeigen. Zeugnisse dieser Ereignisse sind bis heute viele verfallene Häuser ohne Eigentümer, Kirchen, die verfallen, keine Nutzung haben und nur langsam wieder ins Leben zurückfinden. Die tiefsten Wunden jedoch hat dies in uns Menschen hinterlassen. Das Prinzip der Kollektivschuld sowie der oft begleitende Zorn und der Wunsch nach Rache, das plötzliche Erlangen von Besitz ohne Arbeit und ohne tiefere Bindung an den Ort – all dies hat vor allem in uns und zwischen uns tiefe Narben hinterlassen.

Achtzig Jahre Ackermann-Gemeinde

Wir Christen wussten darum, und so entstand bereits am 13. Januar 1946 in Deutschland die Ackermann-Gemeinde, ein Zusammenschluss katholischer Christen, die sich zum Ziel setzten, in christlichem Geist für die Versöhnung zwischen Deutschen und Tschechen zu wirken. Das Gründungsdatum war nicht zufällig gewählt – es war der Jahrestag der Heilung der Magdalena Kade in Philippsdorf. Die Gemeinschaft besteht bis heute und hat außerordentlich viel Gutes bewirkt, wofür ich ihr aufrichtig danke. Viele ihrer Mitglieder haben ihr Leben der deutsch-tschechischen Versöhnung gewidmet.

Die hier angesprochene Vertreibung erfolgte bald nach dem Ende des Krieges, vor allem in den Jahren 1945–1946. Es sind also genau achtzig Jahre vergangen, seit viele derjenigen, die in den Häusern lebten, in denen wir heute leben, die die Kirchen besuchten, die wir heute besuchen, ihre Heimat verlassen mussten. Dies war gewiss nicht von Freude begleitet, sondern vielmehr von Trauer, Verzweiflung und dem Wunsch nach Vergeltung. Von unserer tschechischen Seite kam es nicht selten zu Exzessen: zu Plünderungen, Vergewaltigungen, Erniedrigungen – bis hin zu dem Ausmaß, dass nicht wenige der vertriebenen Deutschen aus Verzweiflung den Freitod wählten.

Massaker auch in unserer Diözese

Der Höhepunkt dieser Taten waren Ereignisse, die ohne Übertreibung als Massaker bezeichnet werden können, wie etwa in Aussig an der Elbe oder in Postelberg. Diese Ereignisse verschonten auch die Geistlichen nicht: In Saaz wurde ein Kapuziner zu Tode geprügelt. Das Kloster Ossegg wurde praktisch aufgelöst, und auch mein Vorgänger Anton Alois Weber geriet in die Vertreibung, obwohl er während der gesamten Jahrzehnte seines Episkopats für die Tschechen ein Tscheche, für die Deutschen ein Deutscher war – „allen alles, um auf jeden Fall wenigstens einige zu retten“ (vgl. 1 Kor 9,22). Zwar wurde er letztlich aus den Transporten herausgenommen, doch der Staat verbot ihm, den Großteil seiner bischöflichen Vollmachten auszuüben und Kontakte zu den Behörden zu pflegen, da er deutscher Nationalität war. Später trat er zurück und starb 1948 völlig erschöpft und entkräftet. In der Kathedrale befindet sich sein Epitaph mit den Worten: „Möge ewigen Frieden genießen, wer hier auf Erden keinen Frieden hatte.“ Ich halte diesen meinen Vorgänger für einen heiligen Menschen und bin der Meinung, dass er mehr Aufmerksamkeit und Verehrung verdient hätte.

Zwölf Gottesdienste der Versöhnung

Was aber können wir heute tun? Es ist niemals zu spät, zurückzublicken und mit den Mitteln, die Gott uns gegeben hat, menschlich Unlösbares anzugehen – und das sind gegenseitige Vergebung und Versöhnung. Nach Beratung im Priesterrat habe ich daher beschlossen, das Jahr 2026 zum diözesanen Jahr der Versöhnung zu erklären. Sein Kern werden zwölf Gottesdienste der Versöhnung sein, die in der Regel an Orten stattfinden werden, an denen die Vertreibung besonders unmenschlich war. Ich würde mich freuen, wenn diese Gottesdienste in ökumenischem und interreligiösem Geist gestaltet werden, und bete gern gemeinsam mit Christen anderer Konfessionen sowie mit Juden, unseren älteren Brüdern im Glauben. Ebenso freue ich mich, wenn wir bei dieser Gelegenheit den Heimatvertriebenen begegnen, den Menschen, die bis zum Ende des Krieges bei uns zuhause waren, oder ihren Nachkommen. Die Gottesdienste werden durch Berichte aus den jeweiligen Orten ergänzt, die wir gemeinsam mit Historikern erarbeiten werden. Vielleicht sagen Sie sich, man solle mit der Versöhnung doch endlich aufhören – es seien schließlich achtzig Jahre vergangen, und man hole nur alte Geschichten aus den Gräbern. Doch ebenso wie in unserem persönlichen Leben gilt auch für das historische Gedächtnis: Verschweigen löst keine Probleme. Im Gegenteil – alte Wunden müssen geöffnet werden, damit sie heilen können. Wird es eine endgültige Heilung sein? Das weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass es ein wichtiger Schritt in einem Heilungsprozess sein wird, den unsere Region noch immer dringend braucht. Und es muss hinzugefügt werden, dass es Orte gibt, an denen diese Versöhnung bislang erst ganz am Anfang steht.

Lebensspendende Vergebung

Darum rufe ich Sie, liebe Schwestern und Brüder, auf, sich an diesem Prozess der Versöhnung zu beteiligen – im Bewusstsein, dass wir, auch wenn wir nicht diejenigen waren, die vor achtzig Jahren ihren Nächsten Unrecht taten, doch von jener lebensspendenden Bewegung der Vergebung leben, um die wir in dem Gebet bitten, das uns unser Herr Jesus Christus selbst gelehrt hat: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

Und wo ist die Freude über das neue Jahr und der Segen für dieses Jahr? Nach meiner tiefen Überzeugung sind sie gerade die Frucht von Vergebung, Versöhnung und Heilung. Es ist wie nach einer Krankheit: Plötzlich freuen wir uns über viele Kleinigkeiten, die wir zuvor nicht wahrgenommen haben, und wir spüren die Kraft, neu zu beginnen – mit einer neuen Perspektive und neuem Elan. Das wünsche ich uns allen von Herzen. Das Werk der Versöhnung in unserer Diözese vertraue ich der Patronin des heutigen Tages an, der Jungfrau Maria, der Mutter Gottes. Wir sind ihre Kinder, weil wir Brüder und Schwestern Christi sind. Ich glaube, dass sie für uns Fürsprache einlegt und das Bemühen ihres Sohnes kraftvoll unterstützt, damit wir alle nach seinem Reich verlangen, das ein „Reich der Wahrheit und des Lebens, ein Reich der Heiligkeit und der Gnade, ein Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens“ ist (Präfation vom Hochfest Christus König).

In diesem Geist bin ich mit Euch verbunden und segne Euch!

Stanislav Přibyl, Bischof der Diözese Leitmeritz 

Neben den geplanten zwölf Versöhnungsgottesdiensten an Orten, die im Kontext der Vertreibung der Deutschen aus Böhmen eine besonders Rolle spielten, plant der Bischof langfristig, diese in Zusammenarbeit mit Historikern zu Wallfahrtsorten der Versöhnung zu entwickeln.

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