Das Projekt „Ein Jahr an der Grenze“ startet in den fünften Jahrgang. Aktuell werden wieder Enthusiasten und Macher gesucht, die für 15 Monate in der Grenzregion arbeiten möchten. Im Interview mit dem Landesecho spricht Projektkoordinator Florian Löw über das Projekt, die bisherigen Erfolge und Ziele.

LE: Was war die Grundidee von „Ein Jahr an der Grenze“ und wie hat sich das Programm seit seinem Start 2022 entwickelt?

Entlang der gemeinsamen Grenze gab es schon immer eine Reihe von Menschen, die aktiv die deutsch-tschechische Nachbarschaft gestalten. Gleichzeitig gibt es aber auch noch viele Hindernisse, die einer engeren nachbarschaftlichen Zusammenarbeit im Wege stehen. Welche es konkret sind, wie man sie am besten beseitigt und wo das Potential liegt, damit beschäftigte sich eine vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds in Auftrag gegebene Meinungsumfrage im Grenzgebiet. Die Corona-Pandemie hat diese Hindernisse dann noch verstärkt: Einige Verbindungen, auch im ehrenamtlichen Engagement, sind in dieser Zeit abgebrochen. Das war nur der letzte Ausschlag für die Initiative des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, das Programm „Ein Jahr an der Grenze“ ins Leben zu rufen. Denn in der Zeit nach der Pandemie hat sich schnell gezeigt, dass das Interesse an der Zusammenarbeit da ist und eigentlich viel höher als man vermuten würde und nur der Impuls gefehlt hat. Es ist wie beim Schaukeln: Manchmal muss man ein Kind kurz anschubsen, damit es in Bewegung kommt. Das ist vielleicht auch so ein Bild für das Programm. Also die Grundidee ist, dass man versucht, die Leute dort, wo sie sich nahe sind, nämlich an der Grenze, direkt zu inspirieren. Nicht zu überzeugen oder etwas zu organisieren, sondern sie zu unterstützen, mental und dann auch physisch den ersten Schritt über die Grenze zu machen. Mittlerweile sind es sechs Personen, die von Reichenberg (Liberec) bis Passau entlang der deutsch-tschechischen Grenze tätig sind. Als Koordinator begleite ich diese sogenannten EMAs, die Enthusiasten und Macher, und berate sie und unterstütze sie nach Absprache mit den Kollegen im Zukunftsfonds bei der Priorisierung der einzelnen Ziele. Das bedeutet, wir sitzen nicht im Büro, sondern sind an der Grenze direkt bei den Leuten.

LE: Könnten Sie den Aufgabenbereich der EMAs (Enthusiasten und Macher) genauer beschreiben?

Ich würde das ein bisschen vergleichen mit einem Streetworker oder einem Talentscout. Es geht nicht darum, Menschen mühsam zu überzeugen, sondern darum, die richtigen Partner für gemeinsame Aktionen zusammenzubringen – sei es für ein Fußballspiel oder eine gemeinsame Übung der Feuerwehren. Dabei sind wir weit mehr als eine reine Kontaktbörse. Wir vermitteln aktiv, organisieren Termine und stellen bei Bedarf Dolmetscher zur Seite, statt nur E-Mail-Adressen weiterzuleiten. Wir verstehen uns dabei nicht als Full-Service-Dienstleister, bringen aber durchaus eigene kreative Impulse ein, wenn der erste zündende Funke noch fehlt. Unser Ziel ist es, die Kooperationen „aufs Gleis zu stellen“. Wir begleiten den Start intensiv, ziehen uns dann aber schrittweise zurück, sobald die Verbindung steht, um an anderer Stelle neue Verknüpfungen im Grenzgebiet zu schaffen. Wir wollen die Leute auch dazu bringen, einen Förderantrag zu stellen, z. B. eine Förderung beim Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds oder eine Sprachförderung bei Tandem, oder ein Kleinprojektantrag bei EUREGIO. Das ist nicht das Primärziel, aber wenn das Projekt gut läuft, kann das helfen, auf eigenen Füßen zu stehen.

LE: Wem würden Sie die Teilnahme an dem Programm „Ein Jahr an der Grenze“ empfehlen? Welche Rolle spielt dabei die tschechische Sprache?

Man muss am besten beide Sprachen sprechen. Es muss nicht perfekt sein, aber fortgeschrittene Kenntnisse wären gut. Das vereinfacht die Kommunikation sehr. Wenn die Leute feststellen, dass ich deutsch bin und tschechisch rede, haben sich automatisch viele Türen geöffnet. Das war mir ja fast schon unheimlich, weil die Leute das sehr positiv fanden. Es ist wichtig, dass man auf beiden Seiten aktiv ist. Man sollte wirklich Lust darauf haben, mit anderen Leuten ins Gespräch zu kommen und Initiative zu zeigen: zu sagen, ich gehe da jetzt hin oder ich rufe da jetzt einfach mal an und frage mal, ob die Lust hätten, da mitzumachen. Die Stelle ist auf 20 Stunden ausgeschrieben. Die Prozesse brauchen Zeit. Es ist möglich, von zu Hause aus zu arbeiten, es ist aber wichtig, dass man mobil ist. In meinem Bereich gibt es aktuell noch keinen öffentlichen Nahverkehr über die Grenze, das heißt, ich brauche ein Auto, um dahin zu fahren. Das Alter spielt eigentlich keine Rolle. Gerade wenn eine Person in dem Bereich interessiert ist, wäre es auch möglich, nach der Schule oder nach dem Studium neue Erfahrungen zu sammeln und dabei Geld zu verdienen. Also man kann sagen, junge Leute haben da sehr gute Chancen, es geht aber auch im höheren Alter. Im dritten Jahrgang hatten wir einen Teilnehmer, der über siebzig Jahre alt war. 

LE: Das Programm wurde auf 15 Monate verlängert (zwölf Monate Arbeit und drei Monate Übergabe). Warum war dieser Schritt notwendig?

Die Übergabe spart viel Zeit, wenn sie gut gelingt. Die Übergabephase dient dazu, gemeinsame Termine zu vereinbaren, damit die Leute merken, dass es keinen Abbruch gibt. Es gibt einige Projekte, die in diesem Jahr nicht verwirklicht werden konnten, weil das Projekt mehr Vorlauf braucht, oder weil jemand krank geworden ist. Also müssen wir auch den Leuten, die jetzt noch Betreuung brauchen, über dieses Jahr hinaus gewährleisten, dass sie im neuen Jahr auch betreut werden. Zudem dokumentieren wir die Arbeit, dass es transparent und klar ist, wo es Erfolge gibt oder auch welche Kontakte wir schon angesprochen haben.

LE: Auf welche Hindernisse müssen sich die Bewerber einstellen?

Wir arbeiten ganz unten an der Basis und gerade, weil wir Leute suchen, die darauf Lust haben, funktioniert das super, und da sind die Stimmen extrem positiv. Es gibt natürlich Unterschiede in den Regionen entlang der deutsch-tschechischen Grenze, vor allem strukturell. Aber wir sind viel im Austausch mit den EMAs. Ich habe persönlich noch keine Situation erlebt, in der es wirklich Schwierigkeiten gegeben hat. Bei der Arbeit mit Menschen ist es normal, dass manchmal Hindernisse auftreten. Auch wenn die Leute begeistert sind und sie tolle Ideen haben, kann es manchmal hier und da haken.

LE: Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Programms „Ein Jahr an der Grenze”? Welche Ziele haben Sie sich für die Zukunft gesetzt?

Die Bewerbungsfrist für neue Enthusiasten und Macher endet am 28. Februar 2026. Im März wollen wir die Vorstellungsgespräche führen und möglichst bald mit der Übergangsphase beginnen. Nach vier Jahren haben wir ein gewisses Fundament und wissen auch, welche Sachen wo funktionieren und was vielleicht weniger sinnvoll ist. Generell wollen wir die Kontakte weiter pflegen, viel Neues entdecken und die Instrumente weiter ausbauen. Ich hoffe, dass es Nachahmer gibt, die das cool finden und auch probieren wollen. Unser Ziel ist, dass es noch viele weitere Jahrgänge gibt. Wir wollen, dass das Jahr an der Grenze weitergeht, weil der Bedarf riesig ist. Wir werden da nicht so schnell fertig. Weil wir so kleinteilig arbeiten, gibt es so viel zu tun.

Das Gespräch führte Yannis Weber

Florian Löw arbeitet seit zwei Jahren als Koordinator des Programms „Ein Jahr an der Grenze“.

Florian Löw ist studierter Betriebswirt. Seit zwei Jahren arbeitet er als Koordinator des Programms „Ein Jahr an der Grenze“, das vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds getragen wird. Ziel des Programms ist es, die deutsch-tschechischen Beziehungen unmittelbar in den Grenzregionen zu entwickeln und zu stärken. Alle Informationen zum Programm sowie zur Ausschreibung des neuen Jahrgangs finden Sie auf der Website des Projektes.


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