Vergangenen Dienstag stellte Gert Weisskirchen im Goethe-Institut Prag einen neuen Band über den historischen Kontext des Prager Frühlings vor und debattierte anschließend mit den Gästen über die Bedeutung der Geschehnisse für damals und heute.

Vor 55 Jahren – am 21.08.1968 – schlugen Truppen des Warschauer Paktes gewaltvoll die demokratischen Reformversuche des Prager Frühlings nieder. Die Folgen: 150 Tote, hunderte Verletzte und die Breschnew-Doktrin, welche festsetzte, dass die Sowjetunion einen Anspruch auf militärische Interventionen in anderen Ländern des Ostblocks habe, wenn dort aus ihrer Sicht der Sozialismus gefährdet sei.

Dieser Tag und seine Bedeutung sind auch Thema in dem Buch „Sozialismus mit menschlichem Antlitz – Der Aufbruch in der Tschechoslowakei 1968 in seinem historischen Umfeld“, das im September letzten Jahres von Gert Weisskirchen und Peter Brandt herausgegeben wurde. Das Goethe Institut Prag, die Friedrich-Ebert-Stiftung und die Masarykova demokratická akademie (dt. Masaryks demokratische Akademie) organisierten dazu die Buchvorstellung und Diskussionsrunde am 5. September 2023 im Gebäude des Goethe-Instituts in Prag.

Durch das Jubiläum sei die Debatte um den Prager Frühling in der Gesellschaft wieder sehr präsent, empfindet Thomas Oellermann, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Prag. Besonders in den Medien der Tschechischen Republik war das Thema in den vergangenen Wochen zahlreich vertreten. In den deutschen Medien sei das leider nicht in diesem Ausmaß der Fall gewesen, kritisiert Weisskirchen. Er hätte dies für überaus wichtig empfunden, da die Situation damals viele Analogien zum heutigen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine aufzeige: Putin wolle der Ukraine nicht ihre Freiheit als eigenständig denkende Nation lassen, genau wie Breschnew einst die ČSSR und andere Mitgliedstaaten des Ostblocks kontrollieren wollte.

„Sozialismus mit menschlichem Antlitz“

Die beiden Herausgeber, Gert Weisskirchen und Peter Brandt, sind nur zwei der zwölf Autoren, die sich an dem Band beteiligt haben. Weisskirchen war zehn Jahre lang außenpolitischer Sprecher der SPD-Bundesfraktion. Er beschreibt seine Erinnerungen aus dem Jahr 1968 in Westdeutschland mit Blick auf andere Länder. Peter Brandt, Juraprofessor und Sohn des ersten sozialdemokratischen Bundeskanzlers Willy Brandt, verfasste zwei Beiträge zum Reformsozialismus und dessen Beendigung in der Tschechoslowakei und dem politischen Jahr 1968 auf einer globalen Ebene. Weitere Autoren betrachten die Geschehnisse von 1968 beispielsweise aus einer italienischen und slowakischen Perspektive. Das Werk stelle kein geschlossenes Bild dar, sondern sei der „Beginn einer Auseinandersetzung, die hoffentlich weiter debattiert wird“, so Weisskirchen. Momentan sei ein zweites Buch in Arbeit, berichtet er. Dieses soll die Jahre 1975 bis 1989 behandeln.

Der Titel des Buches stammt von den Plänen des Ersten Sekretärs der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, Alexander Dubček, bevor der Prager Frühling niedergeschlagen wurde. Foto: Jasmin Apel

Lehren aus dem Prager Frühling

Die folgende Diskussion fand zwischen Weisskirchen, dem Journalisten Jakub Patočka und seinem Berufskollegen Patrick Eichler statt. Letzterer ersetzte die ehemalige Ombudsfrau Anna Šabatová, die, kurzfristig nicht teilnehmen konnte. Auch das Publikum konnte sich miteinbringen, während Lucie Römer durch das Gespräch führte.

Ein zentraler Gesprächspunkt war die heutige Sicht auf den Prager Frühling als Tragödie. Natürlich sei die gewaltsame Niederschlagung grausam, jedoch sei die Reformbewegung nicht untergegangen oder gar umsonst gewesen, so Weisskirchen. Seiner Meinung nach sei die Samtene Revolution 1989 nur so denkbar gewesen. Die Ideen des Prager Frühlings seien in eine neue Generation weitergegeben worden.

Weisskirchen ist der Meinung, dass man aus der Geschichte sehr wohl lernen könne: „Dieses Europa ist nicht verloren. Wir tragen 68 und 89 als Quell in uns, um Europa ein ‚menschliches Antlitz‘ zu geben.“ Dazu brauche man seiner Meinung nach keine neue Technik, sondern viel eher eine neue poetische Sicht. So wie die Wiederentdeckung und Neuinterpretation von Franz Kafkas Werken durch Eduard Goldstücker 1963 den Prager Frühling zum Leben erweckt habe.

Auch Oellermann sieht die Auseinandersetzung mit dem Prager Frühling heutzutage als wichtig an: „Es geht nicht darum, über Sozialismus zu sprechen, sondern um die Fragen, wie eine Gesellschaft vor den großen Herausforderungen, die wir haben, funktionieren kann und wie man diese großen Herausforderungen sozial gestaltet. Das sind Fragen, die viele Menschen auch heutzutage bewegen.“


Gert Weisskirchen / Peter Brandt (Hg.): Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Der Aufbruch in der Tschechoslowakei 1968 in seinem historischen Umfeld. Erschienen im Dietz-Verlag. 288 Seiten, Broschur,  26,00 Euro. ISBN 978-3-8012-0598-0

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