Franz Fühmann (rechts) 1981 bei der Berliner Begegnung zur Friedensförderung.
Franz Fühmann (rechts) 1981 bei der Berliner Begegnung zur Friedensförderung. Credit: Bundesarchiv, Bild 183-Z1229-318 / Senft, Gabriele / CC-BY-SA 3.0

Über einen Schriftsteller, der seine Vergangenheit nicht vergessen konnte und seine Zukunft nicht fand.

Es gibt Lebensgeschichten, die so unwahrscheinlich klingen, dass sie erfunden sein könnten. Franz Fühmanns Biografie ist eine davon. Vom glühenden Hitlerjungen zum DDR-Staatsdichter, vom Märchenerzähler zum Trakl-Deuter, vom Vertriebenen zum Brückenbauer nach Böhmen – dieser Mann aus dem Sudetenland durchlebte mehr Verwandlungen als Kafkas Gregor Samsa. Doch anders als bei Kafka blieben die Metamorphosen nicht im Alptraum stecken, sondern führten zu einer der komplexesten und ehrlichsten Stimmen der deutschen Nachkriegsliteratur.

Franz Fühmann (1922–1984) gehört zu den widersprüchlichsten Gestalten der DDR-Literatur. Sein Werk spiegelt nicht nur die gesellschaftlichen Umbrüche seiner Zeit wider, sondern auch eine tiefgreifende persönliche Wandlung vom überzeugten Nationalsozialisten zum kritischen sozialistischen Autor. Diese Entwicklung macht Fühmann zu einem paradigmatischen Beispiel für die Auseinandersetzung mit deutscher Vergangenheit und sozialistischer Gegenwart in der DDR-Literatur.

Der lange Weg aus dem Wahn

Wer Franz Fühmann verstehen will, muss beim jungen Mann beginnen, der 1941 als überzeugter Nationalsozialist in den Krieg zog. Keine bequeme Nachkriegslegende vom „verführten Jugendlichen“ – Fühmann war ein Täter, ein Mitläufer, ein Überzeugter. Diese Erkenntnis verfolgte ihn ein Leben lang und machte aus ihm einen schonungslos ehrlichen Chronisten des deutschen Wahns.

Seine sowjetische Kriegsgefangenschaft wurde zur Zäsur, zur schmerzhaften Geburtsstunde eines neuen Menschen. In 22 Tage oder Die Hälfte des Lebens schildert Fühmann diese Wandlung ohne jede Heroisierung. Hier ist kein Paulus auf dem Weg nach Damaskus, sondern ein Mensch, der langsam und qualvoll begreift, welchen Irrtümern er aufgesessen war. Die Lektüre ist bis heute verstörend, weil sie zeigt, wie dünn die Schicht der Zivilisation sein kann.

Fühmanns Weg vom sudetendeutschen Hitlerjungen zum DDR-Schriftsteller ist von außergewöhnlicher Radikalität geprägt. Geboren in Rochlitz an der Iser (Rokytnice nad Jizerou) im Sudetenland, wuchs er in einem deutschnational geprägten Umfeld auf und wurde früh von der nationalsozialistischen Ideologie erfasst. Krieg und Gefangenschaft markierten den Beginn einer fundamentalen Umorientierung, die sich literarisch niederschlagen sollte.

Diese biografische Konstellation verleiht Fühmanns Werk eine besondere Authentizität bei der Darstellung ideologischer Verblendung und deren Überwindung. Anders als viele seiner DDR-Schriftstellerkollegen konnte er aus eigener Erfahrung über die Mechanismen totalitärer Indoktrination schreiben, was seinen Texten eine psychologische Tiefe verleiht, die weit über propagandistische Schwarz-Weiß-Malerei hinausgeht.

Zwischen den Systemen

Die DDR machte aus Fühmann zunächst einen Vorzeigeautor. Der ehemalige Faschistenjunge als Beweis für die Wandlungskraft des Sozialismus – eine perfekte Propagandastory. Und Fühmann spielte mit, schrieb brav seine sozialistischen Verse, feierte den Aufbau und die Befreiung. Doch unter der Oberfläche brodelte es. Schon seine frühen Gedichte verrieten eine Sensibilität, die über politische Parolen hinausging.

Mit den Jahren wurde Fühmann mutiger oder verzweifelter. Seine Erzählungen wie Kabelkran und Blauer Peter oder Bagatelle, rundum positiv lasen sich zwischen den Zeilen wie verschlüsselte Botschaften. Hier schrieb einer, der die Sprache der Macht beherrschte, aber ihre Grenzen auslotete. Ein Seiltänzer zwischen Anpassung und Widerstand, zwischen Opportunismus und Aufrichtigkeit.

Fühmanns frühe Werke der 1950er Jahre, wie die Gedichtsammlung Die Nelke Nikos (1953), orientieren sich deutlich an den kulturpolitischen Vorgaben der SED. Die heroisierende Darstellung des Antifaschismus und die Glorifizierung des sozialistischen Aufbaus entsprechen den Erwartungen der sozialistisch-realistischen Literaturkonzeption. Dennoch lassen sich bereits hier Spannungen erkennen, die auf ein komplexeres Verständnis von Geschichte und menschlicher Natur hindeuten.

Mit dem zeitlichen Abstand zu den kulturpolitischen Tauwetterperioden der 1960er Jahre entwickelte Fühmann zunehmend eine eigenständige literarische Stimme. Werke wie Das Judenauto (1962) und König Ödipus (1966) zeugen von einer differenzierteren Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte und individueller Schuld. Hier zeigt sich Fühmanns Fähigkeit, persönliche Verstrickung und gesellschaftliche Mechanismen in ihrer Komplexität zu erfassen.

Die verlorene Heimat

Das Sudetenland blieb Fühmanns Phantomschmerz. In Böhmen am Meer – der Titel eine geniale Anspielung auf Shakespeares Wintermärchen – beschwor er eine Landschaft herauf, die es nicht mehr gab. Nicht weil sie zerstört worden wäre, sondern weil sie nur in der Erinnerung eines Kindes existiert hatte, das zum Verbrecher wurde.

Fühmann vermied jeden Anflug von Heimattümelei. Seine Böhmen-Erzählungen sind Trauerarbeit ohne Selbstmitleid, Abschied ohne Groll. Er wusste, dass die Vertreibung die logische Konsequenz einer Politik war, der er selbst angehangen hatte. Diese Einsicht machte aus ihm einen der glaubwürdigsten Chronisten des deutsch-tschechischen Verhängnisses.

Die Vertreibung aus dem Sudetenland 1945 prägte ihn lebenslang und fand ihren literarischen Niederschlag in mehreren Erzählungen. Besonders hervorzuheben sind Böhmen am Meer (1962) und Der Geliebte der Morgenröte (1978), in denen er die komplexen Gefühle von Heimweh, Schuld und Verlust thematisiert.

In Böhmen am Meer reflektiert Fühmann über die zerstörte Kindheitslandschaft und die Unmöglichkeit einer Rückkehr. Der Titel mit Shakespeare-Bezug deutet bereits die märchenhafte Ungreifbarkeit der verlorenen Heimat an. Fühmann vermeidet dabei jede Form von Verklärung oder Revanchismus und stellt stattdessen die eigene Mitschuld an der Katastrophe in den Mittelpunkt. Diese Selbstkritik unterscheidet ihn grundlegend von der traditionellen Vertreibungsliteratur.

Der Übersetzer als Versöhner

Vielleicht war es diese Schuld, die Fühmann zum Übersetzer werden ließ. Seine Übertragungen tschechischer Literatur waren mehr als handwerkliche Arbeit. Sie waren Akte der Wiedergutmachung, Versuche einer Annäherung an ein Land, das er verletzt und verlassen hatte.

Besonders seine Halas- und Nezval-Übersetzungen zeigen Fühmanns Gespür für die böhmische Melancholie. In Hrabals Figuren erkannte er Verwandte: Menschen zwischen den Zeiten, Überlebende der Geschichte, Trinker und Träumer.

Auch die Freundschaften mit Autoren wie Ludvík Kundera vertieften Fühmanns Verständnis für die komplizierte Nachbarschaft. Diese persönlichen Begegnungen prägten sein Schreiben ebenso wie seine Übersetzungen – sie machten aus dem abstrakten Versöhnungsgedanken konkrete menschliche Erfahrung.

Seine umfangreiche Übersetzungstätigkeit aus dem Tschechischen wurde zu einem zentralen Bestandteil seines literarischen Schaffens und seiner persönlichen Aufarbeitung der Vergangenheit.

Es sind hier vor allem Gedichte von Sova, Biebl, Seifert, Nezval, Halas, Vilém Závada, Holan, Hrubín, die durch Fühmann ihren Weg zum deutschsprachigen Rezipienten fanden. Diese Autoren einem deutschen Publikum zugänglich zu machen, zeugte von Fühmanns Bemühen um deutsch-tschechische Verständigung.

Im Bannkreis Georg Trakls

Gegen Ende seines Lebens verfiel Fühmann einer Obsession: Georg Trakl. Der österreichische Expressionist wurde für ihn zur literarischen Vaterfigur, zum Seelenverwandten, zur Projektionsfläche eigener Ängste. Der Sturz des Engels, Fühmanns Essay über Trakl, ist mehr Selbstanalyse als Literaturkritik.

In Trakls Versen fand Fühmann eine Sprache für das Unsagbare: für Schuld, Verzweiflung, Zerrissenheit. Der früh verstorbene Dichter wurde für ihn zum Symbol des modernen Künstlers, der an der Welt zerbricht. Dass Trakl Österreicher war und aus der gleichen k.u.k.-Monarchie stammte wie Fühmanns Vater, verstärkte die Identifikation noch. In einem seiner letzten Gespräche mit seinem eigenen Vater, er war Apotheker im Ersten Weltkrieg, erinnert sich der Vater an den skurrilen Kameraden Trakl.

Märchen als Zuflucht

Parallel zu seinen autobiographischen Bekenntnissen suchte Fühmann Zuflucht in Märchen und Mythen. Seine Bearbeitungen der Grimmschen Märchen und sein Hölzernes Pferd zeigen einen anderen Fühmann: den Träumer, den Poeta doctus, den Suchenden nach zeitlosen Wahrheiten.

Die Märchenwelt bot ihm einen Freiraum jenseits politischer Zwänge. Hier konnte er über Gut und Böse sprechen, ohne in ideologische Schablonen zu verfallen. Seine „Bergwerks“-Fragmente deuten an, wohin diese Suche geführt hätte: zu einer großen Erzählung über fragiles menschliches Leben.

Sprachkritik und literarische Innovation

Fühmanns späte Werke zeichnen sich durch eine zunehmend reflektierte Auseinandersetzung mit Sprache und deren ideologischer Instrumentalisierung aus. In Essays wie Erfahrungen und Widersprüche (1975) thematisiert er die Schwierigkeiten, in einer durch politische Rhetorik kontaminierten Sprachlandschaft authentische literarische Aussagen zu treffen.

Diese sprachkritische Dimension seines Werks verbindet Fühmann mit größeren Tendenzen der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Wie bei Paul Celan oder Ingeborg Bachmann wird die Frage nach der Möglichkeit von Sprache nach den historischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts zu einem zentralen poetologischen Problem.

Unvollendete Projekte und literarische Visionen

Fühmanns späte Schaffensphase war geprägt von ambitionierten Projekten, die aufgrund seiner schweren Erkrankung unvollendet blieben. Besonders bedeutsam ist sein geplanter Roman unter dem Titel Im Berg.

Die erhaltenen Fragmente und Notizen zu diesem Projekt zeigen Fühmanns Absicht, eine große mythologische Erzählung zu schaffen, die gleichzeitig als Reflexion über Kunst, Macht und menschliche Verantwortung fungieren sollte.

Das geplante Werk Im Berg sollte seine umfassende Autobiographie werden, die über 22 Tage hinausgeht und seine gesamte Entwicklung von der Kindheit bis zur Gegenwart umfassen sollte. Diese Pläne verdeutlichen Fühmanns Bedürfnis nach einer vollständigen Rechenschaft über sein Leben und seine Zeit. Die Tatsache, dass dieses große Projekte unvollendet blieb, verleiht seinem Werk eine tragische Dimension und macht die vorhandenen Texte umso kostbarer als Zeugnis eines rastlosen, suchenden Geistes.

Rezeption und literaturgeschichtliche Einordnung

Fühmanns Position in der DDR-Literatur ist durch eine charakteristische Ambivalenz geprägt. Einerseits wurde er als Beispiel erfolgreicher sozialistischer Erziehung gefeiert, andererseits machten ihn seine kritischen Untertöne und seine psychologische Differenziertheit zu einer problematischen Figur für die DDR-Kulturpolitik.

In der bundesrepublikanischen Rezeption galt Fühmann lange als einer der wenigen authentischen Stimmen der DDR-Literatur. Seine Bereitschaft zur Selbstkritik und seine undogmatische Haltung gegenüber sozialistischen Idealen verschafften ihm auch im Westen Anerkennung. Nach der Wende hat sich das Interesse an seinem Werk zeitweilig eher verstärkt, da seine Reflexionen über Ideologie und Macht neue Aktualität gewonnen haben.

Gedenktafel am Haus Strausberger Platz 1 in Berlin-Friedrichshain. Foto: OTFW, Berlin / (CC BY-SA 3.0)

Fazit: Ein Autor zwischen den Fronten

Franz Fühmanns literarische Bedeutung liegt in seiner Fähigkeit, die großen ideologischen Konflikte seiner Zeit in individueller Erfahrung zu spiegeln und dabei zu universell gültigen Einsichten über menschliche Natur und gesellschaftliche Machtverhältnisse zu gelangen. Seine Texte dokumentieren nicht nur den Wandel eines einzelnen Menschen, sondern die Möglichkeiten und Grenzen intellektueller Redlichkeit in totalitären Systemen.

Die Aktualität seines Werks liegt in der unbestechlichen Analyse ideologischer Mechanismen und der Warnung vor den Gefahren politischer Vereinnahmung der Literatur. Fühmann zeigt, dass literarische Authentizität nicht in der Verkündung einer bestimmten Weltanschauung liegt, sondern in der kompromisslosen Erkundung der Widersprüche menschlicher Existenz.

Der unvollendete Autor

Franz Fühmann starb 1984, mitten in der Arbeit an seinem „Bergwerks“-Roman. Die Krankheit riss ihn aus dem ehrgeizigen Projekt: seiner umfassenden Autobiographie, die sein Spätwerk hätte krönen können.

Vielleicht war es auch ein symbolischer Tod: Der Mann, der sein ganzes Leben lang um Vollendung gerungen hatte, blieb selbst unvollendet. Seine Texte lesen sich wie Fragmente einer größeren Erzählung, Bruchstücke eines Lebens, das zu komplex war für eindeutige Urteile.

Ein Autor für heute

Was bleibt von Franz Fühmann? Nicht die frühen Propagandagedichte, nicht die angepassten Erzählungen der 1950er Jahre. Was bleibt, ist die Ehrlichkeit eines Mannes, der sich seiner Vergangenheit stellte, ohne sie zu beschönigen. Was bleibt, ist die Präzision, mit der er die Mechanismen von Verführung und Selbstbetrug analysierte.

In Zeiten, in denen wieder über deutsche Identität, über Schuld und Verantwortung, über die Macht der Ideologien diskutiert wird, ist Fühmann aktueller denn je. Seine Texte sind Seismografen für die Erschütterungen des 20. Jahrhunderts, aber auch Warnsignale für heute. Sie zeigen, wie schnell aus Bürgern Täter werden können – und wie schwer der Weg zurück zur Menschlichkeit ist.

Franz Fühmann war kein bequemer Autor. Er bot keine einfachen Lösungen, keine klaren Bekenntnisse, keine eindeutigen Urteile. Er war ein Wanderer zwischen den Welten, ein Grenzgänger zwischen den Systemen, ein Suchender ohne Ankunft. Vielleicht macht gerade das seine Größe aus: dass er die Fragen wichtiger nahm als die Antworten, dass er das Zweifeln höher schätzte als das Verkünden.

In einer Zeit der lauten Gewissheiten ist das eine seltene Tugend. Franz Fühmanns leise, bohrende Stimme verdient es, gehört zu werden – nicht obwohl, sondern weil sie uns keine Ruhe lässt.

Dieser beitrag erschien zuerst in der landesecho-ausgabe 01/2026

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