Um den ausgestopften Drachen im Brünner Rathaus ranken sich viele Sagen und Geschichten. Woher stammt er und wie erlegte man ihn?
Ottokar II. Přemysl gründete auf dem Spielberg (Špilberk) eine Burg. Zunächst führte er dort Friedensverhandlungen mit Rudolf von Habsburg, bevor er sich anschließend auf einen Krieg mit ihm vorbereitete. Auch sein Sohn Wenzel II. nutzte die Burg häufig für Regierungsgeschäfte. Nach den Přemysliden diente die Burg Spielberg auch allen Luxemburgern sowie Georg von Podiebrad und dem Geschlecht der Jagiellonen. Als unterhalb der Burg die Stadt Brünn (Brno) gebaut wurde, suchten die Baumeister in den umliegenden Wäldern nach einem geeigneten Ort, an dem sie einen Steinbruch einrichten konnten.
Die Höhle der Bestie
Sie wanderten durch den Wald, entdeckten bereits viele schöne Orte, suchten aber weiter nach einem noch Geeigneteren. Da hörten sie plötzlich das erschreckte Krächzen von Raben und gleich darauf schreckliche und seltsame Geräusche – als würden mindestens ein halbes Dutzend Menschen gleichzeitig schnarchen. Sie erstarrten vor Schreck. Aber ihre Neugierde ließ sie nicht los, sie fassten Mut, folgten den Geräuschen und standen schließlich vor einer großen Felshöhle. Sie näherten sich, aber dann wichen sie erschrocken zurück. Aus der Höhle ragte ein riesiges Maul, aus dem eine monströse Zunge hing und in dessen Kiefern große, scharfe Zähne blitzten. Es war ein Drache. Er schnarchte so laut, dass der ganze Wald bebte. Offenbar genoss er seinen Schlaf nach einem guten Mittagessen. Überall vor der Höhle lagen frisch abgeknabberte und von der Sonne gebleichte Tier- und Menschenknochen herum.
Wie man einen Drachen fängt
Die verängstigten Baumeister rannten sofort zurück, um die Bewaffneten mit ihrem Anführer Trut zu holen. Dieser zögerte nicht und begab sich mit den Bewaffneten sofort zum Ort des Geschehens. Sie nahmen Äxte, Sägen, Ketten und auch ein lebendes Kalb mit. Der Drache schnarchte noch immer. Herr Trut ließ Bäume fällen und daraus in der Nähe der Höhle eine große Falle bauen – eine Fallgrube. Unter die Fallgrube legten sie das lebende Kalb. Dann kletterten alle auf den steilen Felsen über der Höhle. Das Kalb unter der Fallgrube blökte kläglich. Der Drache erwachte und zögerte nicht lange. Die Köstlichkeit lockte ihn, bis ihm das Wasser im Mund zusammenlief. Er stürmte aus der Höhle, flog wild in die aufgestellte Falle, packte das Kalb, biss hinein, und plötzlich krachten die schweren Holzstämme der Falle zusammen und drückten ihn zu Boden.
Des Ungeheuers letzte Ruhestätte
Aber das Ungeheuer gab sich nicht so leicht geschlagen. Es begann, sich zu winden und zu zappeln, sodass es beinahe aus der Falle entkommen wäre. Die Männer mussten hastig noch einige starke Bäume fällen und sie von oben auf ihn werfen, damit er sich nicht aus der Falle befreien konnte. Der Drache fletschte immer noch wütend die Zähne und brüllte schrecklich, sodass sich niemand traute, sich ihm zu nähern. Also trugen sie Reisig und Holz um ihn herum und zündeten es an. Erst die Hitze und der Rauch töteten das Ungeheuer endgültig. Herr Trut ließ die Haut des Ungeheuers abziehen und bewahrte sie wie einen großen Schatz auf. Untertanen und Adlige aus allen Richtungen strömten herbei, um das seltsame Tier zu sehen. Der ausgestopfte Drache wurde im Schloss aufbewahrt. Sobald die Stadt Brünn gebaut war, wurde der Drache im Durchgang des Rathauses aufgehängt, wo er noch heute hängt.
Zusammengetragen von Irene Kunc
Dieser beitrag erschien zuerst in der landesecho-ausgabe 12/2025
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