Eine halb sanierte Grenzbrücke zu Tschechien wird zur Posse. Wer nach den Gründen fragt, wundert sich.

Schnee fällt in dicken Flocken in Kühnhaide im Erzgebirge. Das kleine Dorf mit etwas über 500 Einwohnern liegt direkt an der Grenze zu Tschechien und ist aufgrund seiner speziellen Lage als kälteste bewohnte Ortschaft Deutschlands bekannt. Die umgebenden höher gelegenen Wälder sorgen dafür, dass sich in klaren Winternächten im Dorf die Kälte staut. Temperaturen von unter 30 Grad sind keine Seltenheit.

Doch seit einigen Wochen hat Kühnhaide noch eine zweite Rarität. Eine Brücke aus dem Jahr 1932 ist ins Zentrum der medialen Aufmerksamkeit gerückt. Sie überquert die Schwarze Pockau, die zugleich Cerna heißt. Denn der Bach bildet die Grenze nach Tschechien und die Brücke ist eine Grenzbrücke. Dazu braucht es keine Grenzschilder, man sieht es der Brücke auch so an. Sie wurde vor kurzem saniert, allerdings nur auf der deutschen Seite. Stolz prangt das Jahr 2018 im Putz. Ab der Mitte fängt es aber an zu bröckeln. Die Sanierung endete direkt an der Grenze. Ein einzigartiges Kuriosum, das zumindest von der Stadt Marienberg, zu der Kühnhaide gehört, nicht gewollt war. Die musste dringend sanieren, denn das Hochwasser von 2013 hatte die Widerlager unterspült und die Brücke drohte einzustürzen.

„Wir haben die tschechischen Behörden vorab informiert, aber der Landkreis Usti hat eine Sanierung auf seiner Seite abgelehnt“, heißt es aus dem Rathaus von Marienberg. Und für die ganze Brücke versagten die Geldgeber die Mittel. Die halbe Sanierung für 100000 Euro wurde komplett von Bund und Freistaat bezahlt. Warum sich Usti verweigerte, kann Oberbürgermeister André Heinrich nur spekulieren: kein Geld, andere Prioritäten? Die Antwort aus Usti kommt prompt: „Die Brücke gehört uns nicht. Wir können deshalb kein Geld für eine Sanierung ausgeben“, sagt Sprecherin Magdalena Frankova. Wem aber gehört sie dann?

Grenzbrücke Kühnhaide: Blick nach Tschechien / Foto: Steffen Neumann

Brücke ins Nichts

Die Suche gleicht dem Weg durch einen Irrgarten und je mehr man fragt, desto stärker drängt sich der Eindruck auf, dass die Brücke für die Tschechen gar nicht existiert. Alle winken ab und schieben die Verantwortung von sich. „Was für eine Brücke, wo?“ fragt Tomas Nedved ins Telefon. Nedved ist Bürgermeister von Kalek (Kallich), dem nächsten Ort auf tschechischer Seite, der allerdings über fünf Kilometer entfernt liegt. Denn direkt hinter der Brücke befindet sich erst einmal nur Wald. Ein Schild sagt, dass hier ein Naturreservat beginnt. Irgendeine Brücke, die ins Nichts führt, interessiert bei den Tschechen herzlich wenig. Nedved ist mit dieser Ansicht nicht allein. Wenn jemand die Brücke quert, dann sind es vor allem deutsche und ausländische Touristen zu Fuß oder mit dem Rad und im Winter auf Skiern. Nicht weit von hier befindet sich der 842 Meter hohe Lauschhübel (Cihadlo). Doch auf dem frisch gefallenen Schnee finden sich nicht einmal Skispuren.

„Das ist unser Gemeindegebiet“, kommt Bürgermeister Nedved langsam zu den Fakten, aber die Brücke? „Nein, die gehört uns nicht. Wir haben damit nichts zu tun. Das ist ein Forstweg, fragen Sie mal beim Staatsforst.“

„Ja, der Weg gehört uns“, bestätigt Ondrej Kopecky vom Staatsforst, der hier die Wälder bewirtschaftet. Aber die Brücke? „Nein, die gehört uns nicht. Ich würde ja beim Flussbetrieb Ohre (Eger) fragen?“, gibt Kopecky zum Abschied noch einen Tipp. Aber auch dort gibt es eine Absage. Sie seien nur für Bach und Bachbett verantwortlich, heißt es aus der staatlichen Behörde. Da auch das Katasteramt nicht weiterhilft, scheint es direkt an der Grenze tatsächlich immer noch eine herrenlose halbe Brücke zu geben. Einstweilen interessieren sich für die Brücke vor allem Journalisten. Am Dienstag trafen sich in der Mitte gleich zwei TV-Teams: ein deutsches und ein tschechisches. „Für uns war es gar nicht so einfach, die Brücke überhaupt zu finden“, gesteht Lucie Heyzlova vom öffentlich-rechtlichen Tschechischen Fernsehen. Kein Wunder, wer die Brücke mit dem Auto erreichen will, muss über Deutschland. Erfahren hat Heyzlova von der Brückenposse erst aus den deutschen Medien. Ein bisschen schämt sie sich für ihre Behörden. Aber nicht einmal sie konnte herausfinden, wer der wirkliche Eigentümer ist.

Links Tschechien, rechts Deutschland. Nirgends ist die Grenze klarer zu sehen als auf dieser kleinen Brücke über die Schwarze Pockau (Cerna) im erzgebirgischen Kühnhaid. Derzeit interessieren sich für die Brücke vor allem TV-Teams. / Foto: Steffen Neumann

Die Brücke hält noch lange

Zumindest tröstlich ist, dass die halbe Sanierung für die Stabilität der Brücke ausreicht. Da die Strömung auf die deutsche Seite trifft, ist die tschechische nicht so in Mitleidenschaft gezogen. Einige kleine Reparaturen vorausgesetzt bescheinigt der Baugutachter Carsten Iwan der Brücke sogar noch ein langes Leben. „Aber auch jetzt können Sie ganz sorglos darüber laufen. Ich würde sogar sagen, auch ein Auto könnte ohne Probleme über die Brücke fahren“, so Iwan.

Es geht aber auch anders, wie das Beispiel im nahen Rübenau zeigt. Die Nachbargemeinde von Kühnhaide grenzt ebenfalls an Kalek. Auch dort gibt es eine Grenzbrücke, die je zur Hälfte dem anderen Staat gehört. Im Unterschied zu Kühnhaide fahren hier aber Autos und die Brücke ist komplett saniert, umgesetzt und bezahlt vom tschechischen Staat.

Es geht auch anders: Sanierte Grenzbrücke zwischen Kalek (Kallich) und Rübenau. Bezahlt haben alles die Tschechen. / Foto: Steffen Neumann


Die Schatten der Vergangenheit

Als die Brücke in Kühnhaide gebaut wurde, war auch die böhmische Seite noch bewohnt. Keinen Kilometer entfernt lag das Dörfchen Kienhaid, benannt nach dem sächsischen Nachbarort und deutlich später gegründet. Die Brücke aus dem Jahr 1932 war deshalb sicher nicht die erste an dieser Stelle. „Sicher wurde sie von der Herrschaft gebaut, der das Gebiet gehörte“, sagt der Historiker Petr Karlicek. Wahrscheinlich querten Pendler aus Böhmen, die in Sachsen arbeiteten, die Brücke oder Protestanten aus dem überwiegend katholischen Böhmen auf dem Weg zur Kirche in Kühnhaid. Der Grenzübertritt war problemlos, sprachen die Menschen auf beiden Seiten der Grenze Deutsch.

Erst als jene Deutschen nach 1945 aus der Tschechoslowakei vertrieben wurden, verwandelte sich die Schwarze Pockau in eine echte Grenze. „Allgemein gilt, dass die Tschechoslowakei an solchen Grenzübergängen kein Interesse mehr hatte. Vor allem ab 1948 nach der Machtübernahme der Kommunisten wurde die Grenze scharf bewacht“, weiß Historiker Karlicek. An der Grenze zweier sozialistischer Bruderstaaten wurde Stacheldraht installiert. Es patrouillierten Streifen. Die Angst vor einer Rückkehr der auch nach Sachsen abgeschobenen Sudetendeutschen war größer als das Vertrauen in den sozialistischen Partner. Grenzorte wie Kienhaid wurden geschleift. „Das kommunistische Regime interessierte sich nur für Brücken, die gebraucht wurden, zum Beispiel für den Holzhandel von der CSSR in die DDR oder bei der Zusammenarbeit der Feuerwehren“, sagt Karlicek.

Das änderte sich erst wieder nach 1989. Alte Wege wurden wieder entdeckt. Doch die Schatten der Vergangenheit sind immer noch zu sehen, wie an der geteilten Brücke in Kühnhaide. 


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